Leonberg Wie konnte die Me 262 trotzdem produziert werden?

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Die Me 262 war ihrer Zeit technisch weit voraus. Foto: picture alliance / dpa/dpa

Leonberg - High Tech und Barbarei – die Produktion des Düsenjägers Me 262“, ist ein Vortrag überschrieben, den die KZ-Gedenkstätteninitiative am Sonntag, 1. März, um 15 Uhr veranstaltet. Dazu eingeladen ist Alexander Kartschall, der die Fakten in seiner Dokumentation „Messerschmitt Me 262 – Geheime Produktionsstätten“ zusammengetragen hat.

Von 1943 an versanken die Städte in Deutschland in Schutt und Asche. Und nach Stalingrad fegten die Nationalsozialisten die Fabriken leer, schickten die jungen Männer an die Ostfront: Hunderttausende wurden mit vom Regime vorgegebenen Worthülsen wie „Er gab sein Leben für Führer und Vaterland“ betrauert – nationalsozialistischer Heldentod.

Vernichtung durch Arbeit

Aber wie konnte die Kriegsproduktion bei diesem Aderlass an Arbeitern noch gesteigert werden, neue Wunderwaffen gar in Produktion gehen? Ein Heer von versklavten Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen wurde in die Rüstungsbetriebe gepresst und musste die Waffen herstellen. Ihre Arbeitskraft wurde ausgebeutet bis zur „Vernichtung durch Arbeit“.

Alexander Kartschall hat sich im Detail mit der Produktion des Düsenjägers Messerschmitt Me 262 befasst, der die Bomberströme der Alliierten stoppen und den Endsieg der Nazis erringen sollte. Er ist Maschinenbauingenieur, arbeitet bei Porsche, fährt eine von ihm restaurierte Vorkriegs-Zündapp und hat ein Buch über die Produktion des Messerschmitt-Düsenjägers Me 262 geschrieben.

Es gibt ältere Bücher wie „Willy Messerschmitt – Pionier der Luftfahrt und des Leichtbaus“ oder „Me 262 – Entwicklung, Erprobung und Fertigung des ersten einsatzfähigen Düsenjägers der Welt“, die kritiklos Messerschmitt für dessen Bedeutung für die Luftfahrt rühmen. Kartschall liefert aber eine politische und gesellschaftliche Wertung im Hinblick auf die nationalsozialistische Kriegs- und Rassenideologie der Arbeit Messerschmitts. Er schrieb sein Buch „Messerschmitt Me 262 – Geheime Produktionsstätten“ mit der Fragestellung „Wie, wo und von wem konnte der Düsenjäger 1944/45 überhaupt noch produziert werden?“

Strom von verschleppten Menschen

Er wird am 1. März in der Bibliothek der KZ-Gedenkstätteninitiative anhand seiner Dokumentation mit viel Bildmaterial berichten, wie dieses Flugzeug gegen Ende des Krieges überhaupt noch in großer Anzahl produziert werden konnte. Die Zuhörer werden erfahren, wie die Dezentralisierung der ansonsten den Bombern ausgelieferten Fertigungen in versteckte oder geschützte Betriebe einen nicht enden wollenden Strom von verschleppten Menschen nach sich zog – auch hier und in der näheren Nachbarschaft.

Die Zuhörer werden erfahren vom KZ Vaihingen/Enz, dem vom Autor entdeckten KZ in Unterriexingen und vom „Presswerk Leonberg“, in das nach der völligen Zerstörung der Messerschmitt-Werke in Augsburg-Haunstetten die Tragflächenproduktion der Me 262 verlagert wurde. Und sie hören von den insgesamt 5000 Männern aus 24 europäischen Ländern, die von Frühjahr 1944 bis April 1945 in das KZ Leonberg an der Seestraße und die Messerschmitt-Fabrik im Engelbergtunnel gepresst wurden.

Zwölf-Stunden-Schichten

Sie werden von ihrer vom getakteten Fertigungsprozess geprägten 12-Stunden-Arbeit erfahren, von ihrem Hunger, ihren Qualen und den Seuchen: ihr Tod war für die Produktion belanglos, die SS schickte immer neue zu Nummern reduzierte Männer nach Leonberg, bis zum Schluss – wie Giuseppe Zorzin, KZ-Häftling aus Italien es sagte: „Der Tod war immer unter uns und mähte unser Leben wie der Bauer das Gras.“

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