Leonberg Wenn die Kirche den Karnevalisten gehört

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Auf dem Kirchplatz stauben die Lewenbercher ihre Foto: factum/Jürgen Bach

Leonberg - Kirche anders erleben, das kann man beim Ökumenischen Narrengottesdienst in der Michaelskirche, der am Sonntag bereits zum neunten mal zelebriert wird. Genau so wie das Maskenabstauben der Lewenbercher vom 1. Karnevalsverein Leonberg.

Hausherr Pfarrer Dennis Müller gestaltet gemeinsam mit dem katholischen Pastoralreferenten Jürgen Oettel den Ökumenischen Narrengottesdienst. Und dass diese Messe so ganz anders ist, wird den Besuchern sofort klar. Denn es wird geklatscht, gelacht, gesprochen und gesungen. Auch rasselt und scheppert es immer wieder einmal quer durch den Kirchenraum. Selbst eine Polonaise wird im Mittelgang getanzt.

Auch die Predigt von Pastoralreferent Jürgen Oettel hat ein anderes Gewand. Seine Worte kommen nämlich in Reimform daher. „Mit etwas Mut da kommt man weit. Mit etwas Liebe gar noch viel weiter. Vergesst den Spaß nicht und bleibt heiter. Denn Lachen ist ein großer Schatz und Hass hat da wohl keinen Platz“, reimt der Geistliche.

Katholischer Pastoralreferent dichtet einen Schlager

Ein von Jürgen Oettel umgeschriebener Schlager wird gemeinsam gesungen. Der Titel: „Gottes große Liebe ist wie ein neues Leben …“ in Anlehnung an „Eine neue Liebe“, mit dem einst Jürgen Marcus die ZDF-Hitparade stürmte.

Dennis Müller kümmert sich leidenschaftlich und voller Elan um die Liturgie und einen Teil der Musik. So ist der Pfarrer am E-Piano voll in seinem Element. Zusammen mit den verschiedenen Musikgruppen, wie beispielsweise den „Leo Valentinos“, gibt es Guggenmusik mit Schlagwerk und Bläsern auf die Ohren der Besucher. Die „Voices of Eltingen“, ein Jugendchor aus der Gemeinde, sorgt ebenfalls für die musikalische Begleitung des Gottesdienstes.

Das Eingangsgebet wird in der Form eines Textes der Gattung Poetry Slam von Lisa Roth geschrieben und vorgetragen. Ein Vortrag, der nicht nur die jüngeren Kirchenbesucher anspricht.

Auch Fürbitten gibt es beim Gottesdienst zu hören. Sie werden von vielen Mitgliedern der Karnevalsgruppen von jung bis alt geschrieben und vorgetragen. „Das ist jedes Jahr sehr bunt und beeindruckend“, betont Pastoralreferent Jürgen Oettel. „Hier können die Karnevalisten ihr Herz ausschütten, Gott alles sagen, Seelsorge erleben, Gesegnetwerden erfahren und geistliche Feier durchleben.“

Die Fürbitten sind oft persönlich, häufig aber auch von allgemeiner Bedeutung: „Herr wir bitten, lasst uns alle eine tolle Faschingszeit erleben. Ohne Gewalt, Streit und Hass“. „Wir bitten dich Gott für alle Aktiven, die auf dem Weg ihres Lebens unterwegs sind. Behüte und bewahre uns. Lass uns gute Begleiter finden, die uns helfen, uns zur Seite stehen. Schenke uns Ausdauer und langen Atem, damit wir unseren Weg nicht aus den Augen verlieren. Schenke uns Orientierung, damit wir uns nicht verlaufen und gib uns Mut, Hoffnung und Gewissheit, dass man alles schaffen kann“. „Wir bitten dich lieber Gott, dass alle Menschen in Frieden leben“. Eine Fürbitte gab es für Mensch und Tier in Australien: „Lass das Feuer ausgehen“. Auch für die in einen schweren Verkehrsunfall verwickelte Narrenzunft Oberkochen wurde ein Gebet gesprochen.

„Mischung aus Tiefe und Heiterkeit“

„Für mich ist das besondere des Gottesdienstes die Mischung aus Tiefe und Heiterkeit“, unterstreicht Pfarrer Dennis Müller. „Die Musik ist bewusst modern, unterhaltsam, mit modernen Liedern, die Predigt in Reimform ist mit Pointen gespickt, die zum Lachen anregen, zugleich ist sie theologisch meist anspruchsvoll, politisch und gesellschaftskritisch“.

Mit 400 Besuchern ist die Michaelskirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele Gäste müssen stehen. Kein Wunder, dass für das kommende Jahr an eine Videoübertragung ins benachbarte Gemeindehaus nachgedacht wird, so wie dies schon an Heiligabend praktiziert wurde.

Und auch nach dem Narrengottesdienst ist noch lange nicht Schluss. Närrisch, bunt, laut und fröhlich feiern die Löwen der Lewenbercher bei Maskenabstauben und Anwärtertaufe noch viele Stunden weiter.

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