Leonberg Wenn aus der Theorie bitterer Ernst wird

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Peter Cartes (Mitte) leitet die Lehrer bei der Reanimation an. Foto: factum/Bach

Leonberg - Der Schock sitzt tief. Eine ältere Lehrerin des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) Leonberg erleidet bei der Arbeit einen Herzstillstand. Schüler und Kollegen sind geschockt, doch keiner weiß, was jetzt zu tun ist. „Es ist zum Glück gut ausgegangen, denn die Rettungssanitäter des Krankenhauses hatten einen kurzen Weg und waren schnell da“, berichtet der Oberstudienrat Winfried Heck. „Aber die Kollegen waren sehr betroffen.“ In vielen Räumen im BSZ gibt es Defibrillatoren, die meisten haben einen Führerschein, für den ein Erste-Hilfe-Kurs notwendig ist. Doch im Ernstfall waren sie hilflos. „Sie wussten nicht, wie man mit den Defibrillatoren umgeht oder wie eine Reanimation geht“, berichtet Heck weiter.

Zwar gibt es auch für die Berufsschule Regelungen, dass sich eine gewisse Zahl an Mitarbeitern zu Ersthelfern ausbilden lassen muss. „Doch in dem Fall mussten wir feststellen, dass wir gar nicht wussten, wo diese sich gerade befinden“, erzählt der Assistent der Schulleitung. Sie ausfindig zu machen, habe genauso lang gedauert, wie die Ankunft der Notfallsanitäter.

Auch wenn die betroffene Lehrerin mittlerweile im geplanten Ruhestand ist, hat das BSZ aus dem Vorfall Konsequenzen gezogen. Seit Anfang Oktober fand einmal pro Woche ein Reanimationskurs statt. „Wir haben 168 Kollegen an unserer Schule und fast alle haben den anderthalbstündigen Kurs absolviert“, berichtet Winfried Heck. Die Pädagogen geschult haben der Notfallsanitäter Joachim Böttinger und der Notarzt Peter Cartes, und am Ende dem BSZ ein Zertifikat des „European Resuscitation Council“ (deutsch: Europäischer Wiederbelebungs-Rat) ausgehändigt. Die Fach-Organisation hat sich auf das Thema Reanimation spezialisiert. Böttinger, Cartes und andere ihrer Kollegen bieten regelmäßig solche Kurse über ihre Plattform www.15-min-fuers-ueberleben.de an.

An einem Plastik-Torso zeigen die beiden Spezialisten, was zu tun ist, bevor die Sanitäter eintreffen, von Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung bis hin zum richtigen Umgang mit Defibrillatoren. Auch wenn der Hintergrund ernst ist, kann der Kurs lustig sein. „Bei der Herzdruckmassage braucht man einen bestimmten Rhythmus“, sagt Heck. Dabei habe das Lied „Atemlos“ von Helene Fischer geholfen. „Wir haben das in Gedanken gesungen und hatten so den richtigen Rhythmus.“

Auch wenn das Herz nicht von allein schlägt, so sei noch genügend Sauerstoff im Blut enthalten, um die Organe zu versorgen, erklärt Joachim Böttinger. Wichtig sei deshalb, den Kreislauf in Gang zu halten, bis die Rettungskräfte da sind.

Auch im organisatorischen Ablauf der Schule wurde nachgebessert. „Wir haben in jedem Fall dazugelernt und wissen jetzt, wo die Ersthelfer sind und wie wir sie schnell ausrufen können“, sagt der Oberstudienrat.

Winfried Heck hofft, dass noch mehr Menschen dem Beispiel des BSZ folgen und in Kursen, etwa beim Roten Kreuz, ihre Kenntnisse auffrischen. Derzeit überlegt die Schule, wie sie das auch in den Unterricht einbauen kann. Das größte Hindernis sei gewesen, die Scheu zu verlieren vor der Ersten Hilfe am Hilfebedürftigen, aber auch die Angst vor den Defibrillatoren und deren Funktionsweise abzulegen. Und da hilft nur üben, damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt.

Reanimations- und Erste-Hilfe-Kurse

Reanimation
Verschiedene Notfallsanitäter und Notärzte in der Region bieten spezielle Kompaktkurse in Wiederbelebung über die Plattform www.15-min-fuers-ueberleben.de an. Der „Deutsche Rat für Wiederbelebung“ empfiehlt in seinen neuen Leitlinien 2015, dass bereits Schulkinder ab zwölf Jahren mindestens einmal Mal pro Jahr für zwei Stunden Herz-Kreislauf-Wiederbelebung üben sollen.

Erste-Hilfe-Führerschein
Für alle Fahranfänger und die, ihren Führerschein erweitern. Neun Einheiten à 45 Minuten, der nächste Kurs findet am Samstag, 12. Dezember, statt.

Erste Hilfe
Für alle Führerscheinneulinge, betriebliche Ersthelfer sowie alle, die eine Trainer- oder Übungsleiter-Lizenz machen möchten. Neun Einheiten à 45 Minuten, der nächste Kurs findet erst im kommenden Jahr statt.

Fit in Erster Hilfe
Wiederholung und Vertiefung einzelner Maßnahmen, aufgeteilt in die zwei Module „Verkehrsunfall“ und „Kreislauf“. Dauer: jeweils anderthalb Stunden, neue Termine erst 2016.

Erste Hilfe am Kind
Kleine und große Notfälle im Kindesalter. Neun Einheiten à 45 Minuten, neue Termine erst 2016.

Anmeldung
Über den DRK-Kreisverband Böblingen, Telefon 0 70 31 / 6 90 40, oder im Internet: www.drk-kv-boeblingen.de. Das DRK Leonberg bietet auf Anfrage per E-Mail (ausbildung@drk-leonberg.de) auch Gruppenschulungen an.

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