Leonberg/Weil der Stadt Wenn Klagen das Kulturleben lähmen

Von Thomas K. Slotwinski
Im Biergarten statt im Spitalhof: In Weil der Stadt musste die Band „The Jules“ ins Gasthaus Zur Säge ausweichen. Ein Anwohner hatte zuvor geklagt. Foto: privat

Frithjof Gänger kann buchstäblich ein Lied davon singen: Der Vorsitzende des Jazzclubs Leonberg erlebt schon seit Jahren, wie es ist, wie ein einziger Nachbar einem Kulturveranstalter das Leben schwer machen kann.

Der Streit mit einem Anwohnerpaar im Wohnkomplex Leo 2000 fand jüngst seinen traurigen Höhepunkt. Aufgrund eines Urteils des Verwaltungsgerichts Stuttgart darf Gänger seinen Jazzkeller im Untergeschoss des Hauses nicht für Publikumsveranstaltungen nutzen. Der sehr erfolgreich agierende Club hat seither keine Bleibe.

Anwohner kündigt Klage an

Nicht viel anders ist es am vergangenen Wochenende dem Kulturverein Groove-Tonight in Weil der Stadt ergangen. Am Samstag wollte der rührige Club ein Konzert mit der Rockband „The Jules“ im Spitalhof veranstalten. Doch drei Tage zuvor hatte sich ein Nachbar bei Eric Richter gemeldet: „Er hat uns gedroht, das Konzert mit juristischen Mitteln zu verhindern, sollten wir nicht freiwillig verzichten“, berichtet der Chef von Groove-Tonight im Gespräch mit unserer Zeitung. Schon vor zwei Jahren hatte es Ärger um ein Konzert im Spitalhof gegeben.

Richter, der in Weil der Stadt schon etliche Veranstaltungen organisiert hat und auch für die Stadtverwaltung tätig ist, wartete nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt zunächst ab. Doch die Reaktion des Nachbarn erfolgte prompt: Am Donnerstag ging beim Verwaltungsgericht Klage gegen den samstäglichen Auftritt im Spitalhof ein.

Platzsuche binnen 24 Stunden

Gut 24 Stunden später hatte die Kammer eine Entscheidung getroffen. Am Freitag um 17.45 Uhr erreichte Richter die Mitteilung, dass der Klage stattgegeben wurde. Das Konzert konnte im Spitalhof nicht stattfinden.

Und jetzt ging es dem Kulturmanager aus Weil der Stadt ähnlich wie unlängst den Kollegen in Leonberg. Binnen nur eines Tages musste eine neue Örtlichkeit her. „Zum Glück habe ich einen guten Draht zur Familie Graf vom Gasthof Zur Säge“, erzählt Eric Richter. „Die Betreiber stellten spontan ihren Biergarten zur Verfügung.“

Nicht nur die naturnahe Lage am Stadtrand in Richtung Schafhausen ließ das Traditionslokal zur idealen Freiluft-Konzertstätte werden. „Auch die Atmosphäre war super“, schwärmt der Konzert-Organisator.

Tolle Atmosphäre im Biergarten

„Das war eine gute Wahl, denn den fleißigen Helfern des Vereins gelang es, den wunderschönen alten Biergarten in eine tolle Open-Air-Konzertarena zu verwandeln“, lobt Richter. Natürlich auch ein Verdienst der Sängerin Julia Fischer mit ihrer Band „The Jules“.

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Nach der aus der Not heraus geborenen Premiere will der Groove-Tonight-Chef die Säge weiter nutzen. Am 2. Juli wird dort der Folk-Rocker Matt Woosey auftreten.

Ob der Biergarten eine Dauerlösung sein kann, ist allerdings fraglich. Denn wetterfest ist die Örtlichkeit nicht. Eric Richter ist aber erst einmal froh, dass er seine geplanten Konzerte nicht absagen muss.

Lyra will keinen Rechtsstreit

Auf juristische Auseinandersetzungen will es der Musikverein Lyra Leonberg erst gar nicht ankommen lassen. Und deshalb verzichtet der Club in diesem Jahr auf das Ausrichten des traditionellen Eltinger Straßenfestes und bietet stattdessen ein neues Format an. Lyra Leo Beach heißt das Fest, das am kommenenden Wochenende in der Hertichstraße rund ums Vereinslokal Eltinger Hof über die Bühne geht.

„Die vereinzelten Anwohnerbeschwerden bei den vergangenen Straßenfesten waren bei unseren Überlegungen natürlich ein Thema“, sagt Thilo Keller vom Lyra-Vorstand. „Wenn jeder gegen etwas klagt, hat man am Ende gar nichts mehr.“

Unsicherheit am Jahresanfang

Doch nicht nur den Ärger mit einigen Bewohnern in der Glemsstraße, wo das Fest 45 Jahre stattgefunden hatte, war für die Organisatoren der Lyra bei der Suche nach neuen Wegen ausschlaggebend. „Wir wussten ja am Jahresanfang überhaupt nicht, ob überhaupt, und wenn ja, in welchem Umfang wir ein Fest planen können“, erinnert sich Keller an die ersten Treffen im Januar.

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Die Wahl fiel aufs Vereinslokal. „Im Eltinger Hof hätten wir zur Not auch etwas Kleineres machen können, falls es noch weitreichende Corona-Auflagen gegeben hätte.“ Mit zunehmender Gewissheit, dass ein richtiges Fest machbar ist, entstand das Strand-Konzept. In der Hertichstraße wird Sand aufgeschüttet, es gibt eine Strandbar, am Samstagabend spielt die Popband Tonic.

Ein Strand mitten im Gewerbegebiet

„Mit dem Format Lyra Leo Beach wollen wir verstärkt jüngere Leute ansprechen, ohne auf die traditionellen Elemente zu verzichten“, erklärt Thilo Keller. Am Sonntag gibt es einen Traktortreff der Bulldog- und Schlepperfreunde. Die Exotik wird beim Lyra Leo Beach nicht zu kurz kommen.

Das klassische Straßenfest, so versichert Keller, ist nicht gänzlich vom Tisch. Ein traditionelles Festelement bleibt auch in der Hertichstraße bestehen: Am Samstag, 18. Juni, sticht um 14 Uhr der Oberbürgermeister das Fass an – so wie in Vor-Corona-Zeiten.

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