Leonberg Mit dem Römerturm haben die Römer nichts zu tun

Von Arnold Einholz
Die ursprüngliche Tür des alten Engelberg-Wachturms liegt hoch oben. Foto: factum/Granville

Leonberg - Was nützt einem eigentlich eine Tür, die etwa in drei Metern Höhe liegt und zu der keine Treppe führt? Wenn man sich aber ungebetene Gäste und vor allem solche mit gelinde gesagt unfreundlichen Absichten im wahrsten Sinne des Wortes vom Leibe halten will, kann so etwas ganz schön nützlich sein – wie der alte Turm auf dem Engelberg vor Augen führt.

Im Volksmund wird der alte Turm in der Nachbarschaft des Leonberger Wahrzeichens, des 1928 erbauten ehemaligen Wasserturms, oft als Römerturm bezeichnet. Doch das ist falsch. „Seine Bauzeit ist vermutlich das Jahr 1674“, sagt die Stadtarchivarin Bernadette Gramm. Er war ein sogenannter Hochwachtturm, denn es herrschte von hier eine gute Sichtverbindung zum Turm des Oberen Tors in der Stadt – der stand beim heutigen Schwarzen Adler.

Weite Sicht ins Land hinein

Bis vor 200 Jahren stand auf dem Engelberg kein Wald, jede Fläche wurde, insofern es möglich war, landwirtschaftlich für die Versorgung der Bürgerschaft genutzt. Die Wächter, die in Krisenzeiten dort oben stationiert waren, hatten also freie Sicht weit ins Land hinein. Einen Turm gab es schon vorher, doch der war verfallen. Der jetzige wurde 1674 wieder ganz neu erbaut. In der Stadt- und Amtsrechnung von 1673/74, die im Archiv aufbewahrt wird, steht dazu:

„Demnach vor ein hohe ohnumgängliche notturfft erachtete auch daraufhin vom gesamten ambt geschlossen und befohlen worden, daß zur haltung besserer bey dißer obseyenden gefährlichen kriegszeitt erfordernden nothwendigsten wacht, der schon zimblich abgangen geweßte und newlich gar zue Boden gefallener thurn, uff dem engelberg, wider gänzlich auffgebaudt [...] werden solle.“

In den unruhigen Zeiten, in denen den Menschen der Dreißigjährige Krieg noch voll gegenwärtig war, wollte man nicht ungeschützt sein. So wurde auf dem Engelberg ein Rundturm über drei Stockwerke hoch gemauert, 31 Schuh hoch (die alte Maßeinheit Schuh sind 28,65 Zentimeter), das sind 8,90 Meter, darauf ein Dach 15 Schuh hoch, also weitere 4,30 Meter, was eine Gesamthöhe von 13,20 Meter vom Boden bis zur Dachspitze ergibt. Die Mauerstärke ist beträchtlich, liegt sie doch zwischen zwei und vier Schuh, also zwischen 57 und 115 Zentimetern an der Basis. In den Turm gelangte man mit einer Leiter, die bei Gefahr eingezogen wurde.

Ein Aufruf im Amtsblatt

Im Jahr 1842 wurde der Turm renoviert, nachdem ein Aufruf im Amtsblatt auf seinen Zustand aufmerksam machte: „Welcher gefühlvolle Freund des Alterthums und der Natur unserer Stadt hat nicht schon mit Bedauern die Verwahrlosung dieses uralten Wächters der Stadt und weiten Umgegend, dieser bis jetzt noch einzigen Zierde unseres Engelbergs wahrgenommen, denn sein Dach droht einzustürzen und ihn zu einer Ruine zu machen.“ In April 1842 wurde der Gemeinderat aktiv: „Auf den Antrag mehrerer Mitglieder des Stadtraths wurde beschlossen, das Thürmchen auf dem Engelberg durch Ausbesserung des Dachs und Verblendung der Wandungen, repariren und hierüber einen Abstreich vornehmen zu lassen.“

Im Jahr 1886 wurde in der Leonberger Zeitung über die Idee eines Aussichtsturms berichtet: „Vielleicht findet auch noch unser zugeknöpfter Wartturm seinen Erlöser. Ringsum im Lande werden Aussichtstürme mit teilweise großen Kosten erstellt, da dürfte es nicht allzuschwer werden unsrem alten Freund dort oben noch einige Fuß und darüber beizulegen, mit hübscher Plattform als Abschluß. Kommt Zeit – kommt Geld!“, hoffte der Schreiber.

Woher kommt der Name?

„Der im Volksmund gebräuchliche Name Römerturm geht auf Aussagen des 19.  Jahrhunderts zurück“, weiß die Stadtarchivarin Bernadette Gramm. Im Glems- und Filderboten von 1873 wird im Bericht über das Kinderfest auch der Turm erwähnt: „Auf unserm Engelberg haben sich wohl schon in früheren Zeiten die Römer getummelt, wie auch Leonberg selbst ein römischer Niederlassungsort gewesen sein mag, für was das Zusammentreffen mehrerer Römerstraßen spricht; auch der Wartthurm wird als ein römisches Werk bezeichnet.“

Auf Postkarten um 1900 heißt es „Römerthurm a.d. Engelberg“ und „Engelberghäusle, erbaut von den Römern, alter Wachturm.“ Die Heimatforscher des 20. Jahrhunderts, Eugen Wendel (Heimatbuch Leonberg), Hermann Kerler (700 Jahre Leonberg) und Franz Bühler haben den Begriff nie verwendet, sie haben seine Errichtung im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Stadtbefestigung gesehen.

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