Leonberg Alle Leser der Zeitung sind weg

Von Arnold Einholz

Nachdem fast alle unsere Leser ausgewandert waren, hatten auch wir uns zu dem Schritt entschlossen. Zuvor hatten wir unsere schon vor Jahren fortgegangenen Eltern und Geschwister besucht.

Unsere gute Bildung, die ein knitzer schwäbischer Beamte an unseren Söhnen getestet hat, bescherte uns Baden-Württemberg als neue Heimat. Wer nicht ganz fit drauf war, wurde in die neuen Bundesländer „abgeschoben“, hieß es damals. Für 20 Monate sollte das Übergangswohnheim im Möglingen unser neues Zuhause werden. Mit zwei weiteren Familien, insgesamt zehn Menschen, haben wir uns eine Drei-Zimmer-Wohnung mit gemeinsamer Küche und Bad geteilt. Für unser 18 Quadratmeter großes Zimmer kassierte das Landratsamt in den letzten Monaten 750 Mark Miete. Allerdings gab es auch Wohngeld.

Übrigens: einem Flüchtling in der Anschlussunterbringung stehen heute in Baden-Württemberg mindestens zehn Quadratmeter Wohnfläche zu.

Für die Kinder war der Schulbesuch kein Problem, wohl aber für die Eltern, eine Wohnung und eine Arbeit zu finden. Unsere ausgewanderten Landsleute und viele Hunderttausende ehemalige DDR-Bürger, auf der Suche nach einem neuen Glück, hatten den Wohnungs- und den Arbeitsmarkt abgegrast. Als es uns finanziell am schlechtesten ging, haben wir trotzdem den Schritt in eine teure eigene Drei-Zimmer-Wohnung in Ludwigsburg gewagt.

Noch schwerer war es mit einem Job. Nach mehr als einem Jahr als freier Mitarbeiter der Leonberger Kreiszeitung, einem halbjährigen Praktikum bei den Stuttgarter Nachrichten und Dank des Zuspruchs einer guten Freundin, hatte sich Ende September 1993 das Blatt gewendet.

Wenn das Thema im Gespräch mit Freuden aufschlägt, erzählt meine Frau die Episode so: „Eines Abends ist er nach einem Termin bei der Zeitung und vor der Nachtsschicht bei UPS mit einer Flasche Sekt nach Hause gekommen. Er hat vier Gläser genommen, Sekt eingefüllt, alle in der Küche zusammengerufen und nur gesagt: Trinkt! Da dachte ich, jetzt ist er völlig übergeschnappt. Doch dann fiel mir der Groschen: Oder hast du Arbeit? Ein kurzes Ja war die Antwort. Und weil uns Eltern die Tränen über die Wangen liefen, haben die Jungs auch mitgeweint. Jetzt waren wir wirklich in Deutschland angekommen!“

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