Leonberg Ein Seil gaukelt dem Baum einen Orkan vor

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Ein Flaschenzug erzeugt Spannung und so lassen sich aus der Biegung des Holzes die notwendige Daten ablesen Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Steht die alte Kastanie am Hirschbrunnenplatz noch sicher? Eine Untersuchung soll nun klären, ob das noch der Fall ist. Seit Jahren lässt die Stadt besonders wertvolle Bäume auf ihre Stand- und Bruchsicherheit prüfen. Neben der Stadtbild prägenden Kastanie am Hirschbrunnenplatz an der Grabenstraße sind auch noch neun weitere Bäume geprüft worden.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Untersuchungsmethode ist für die Bäume absolut verletzungsfrei. Angewandt wird dabei der Zugversuch. Rund 10 000 Bäume gibt es im Stadtgebiet, größtenteils ist bekannt, dass sie sicher stehen. Dann reicht es bei den turnusmäßigen Kontrollen aus, sie nach den Baumkontrollrichtlinien der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung und Landschaftsbau gründlich in Augenschein zu nehmen.

Bei etwa zehn Bäumen im Jahr braucht es eingehende Untersuchungen. Ist eine genauere Überprüfung notwendig, wird diese regelmäßig von Lothar Wessolly aus Stuttgart erledigt, der in den 90er Jahren die sogenannte Elasto/Inclinomethode entwickelt hat.

Schweißtreibende Arbeit

Es ist eine Mischung aus Arbeit im Mikrometer-Bereich und schweißtreibender Kletterei in alten Baumkronen. Denn um die Untersuchung vornehmen zu können, müssen erst qualifizierte Baumkletterer ein Seil an einem der dicken Äste in der Baumkrone anbringen. Mit einem Flaschenzug wird dann das Seil angespannt. Davor hat der Fachmann bereits seine Messgeräte am Stamm aufgestellt.

Nimmt der Zug zu, beginnen die Fühler der Messgeräte die Biegung des Baumes abzutasten. So wird ermittelt, wie sich die Baumholzstruktur unter Zuglast dehnt und wieder zurückschwingt. Alles spielt sich in Teilbereichen von einem Millimeter ab, aber dem ausgewiesenen Fachmann für Baumstatik genügt das für seine späteren Berechnungen. Mit der Methode wird eigentlich ein Sturm simuliert, und damit kann der Gutachter ausrechnen, wann der Baum brechen würde.

Weitere Instrumente messen die „Verankerung“, also wie standsicher das Wurzelwerk den Baum hält. Im Vergleich dieser Belastungen mit der Beanspruchung im Falle eines Orkan lassen sich die jeweiligen Sicherheiten berechnen. So kann die längstmögliche Lebenszeit eines Baumes ermittelt werden, ohne dass er ein Problem für die Verkehrssicherheit wird und gefällt werden muss.

Seit Jahren ist die Kastanie am Hirschbrunnen Wessollys’ Klient

Zu der Untersuchung gehört auch, dass die Baumkronenoberfläche berechnet wird. Die Kastanie am Hirschbrunnenplatz ist seit Jahren ein „Klient“ von Lothar Wessolly. So wurde nach einem Gutachten 2006 die Krone zurückgeschnitten. Der Baum kann sich dann am besten selber helfen und sein Wachstum regeln.

Die Untersuchungsmethode hat der Flugzeugbau-Ingenieur Wessolly selbst an der Universität Stuttgart entwickelt und aus seinem Fachgebiet die Aerodynamik mit ins Spiel gebracht. Die Methode beschreibt er wie eine Art Tüv für Bäume. Nach vier bis acht Jahren wird der Vorgang wiederholt. Hat der Baum weniger Reserven, muss das häufiger geschehen, wenn er stehen bleiben soll. Denn die Biologie eines Baumes spiegelt nicht immer auch seine Statik wieder. Ein Baum kann auch in vollem Laub umfallen, weil er, von außen nicht sichtbar, innen weg fault, oder die Wurzeln stark beschädigt sind.

Für die gilt die Vorgabe, dass der Baum mindestens 150 Prozent Standfestigkeit vorweist. Ob die untersuchten Bäume diese erfüllen, darüber wird in den Wochen ein detailliertes Gutachten aufklären.

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