Leonberg Bürgermeister für nur neun Monate

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Immanuel Schmidt (r.), hier mit seiner Familie, war für neun Monate Bürgermeister Foto: privat

Leonberg - Es ist ein Polit-Krimi ersten Ranges gewesen, was sich von Herbst 1947 an bis Sommer 1948 in Leonberg abgespielt hat. Während sich die amerikanische Militärregierung, der Bürgermeister Gotthold Ege, der Leonberger Landrat Ludwig Schröter und allerlei politische Gruppierungen vor Ort einen erbitterten Machtkampf lieferten, saß einer fest auf dem Kutschbock und lenkte in wirtschaftlich schwerer Zeit und in den Monaten, als die Währungsreform über die Bühne ging, die Geschicke der Stadt – der stellvertretende Bürgermeister Immanuel Schäfer.

Wer war dieser standfeste Mann, der noch mit fast 70 Jahren das knapp zehn Jahren davor zusammengeführte Gespann aus dem störrischen Eltinger Esel und der langsamen Leonberger Schnecke geschickt durch die politischen Schlaglöcher lenkte? Immanuel Schäfer wurde am 12. November 1878 in Eltingen geboren. Trotz der vielen Ämter, die er zeitlebens bekleidete, war er immer mit Leib und Seele ein Landwirt und noch ein knitzer dazu.

Ein Zubrot verdiente sich Immanuel Schäfer als Sprengmeister im Gipswerk Eppinger/Schüle, wo heute der Stadtparksee ist, bevor er im Jahr 1934 gemeinsam mit Sohn Immanuel den Rappenhof kaufte. Dass das ein wirtschaftliches Wagnis war und andere vor ihm gescheitert waren, macht ein Spruch aus jenes Zeit deutlich: „Der Rappenhof ist ein gefräßiges Tier, es hat schon zerfleischt ihrer vier.“

Doch die Schäfers haben das weitläufige Anwesen gut in den Griff bekommen und bewirtschaften es auch heute noch erfolgreich. „Das größte Problem war das fehlende Wasser, da hat der Großvater einen Wünschelrutengänger losgeschickt und der hat die Quelle gefunden, von der der Rappenhof noch bis vor wenigen Jahren mit Wasser versorgt wurde“, weiß Margarete Lohrmann. Die 78-Jährige ist eine der zwölf Enkel, die Immanuel Schäfer von seien beiden Söhnen und der Tochter hatte.

Immanuel Schäfer war Gemeinderat, Kirchengemeinderat, Mitglied im Pferdezuchtverein und in der Volksbank Eltingen. Der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) in Eltingen ist auch sein Kind. In Schäfers Wohnzimmer wurde 1905 jener Jünglingsverein gegründet, aus dem später der örtliche CVJM hervorgehen sollte. Als erster Vorstand war Immanuel Schäfer ein Mann mit großer Weitsicht und Schaffensdrang. Er machte sich eines Tages nach Stuttgart auf, um eine Kuh zu kaufen und kam mit einer Turnhalle nach Eltingen zurück. Aus einem Stuttgarter Lagerhaus wurde in Eltingen die Turnhalle, die 1926 eingeweiht wurde. Als der Verein der totalitären Ideologie des Dritten Reiches gleichgeschaltet wurde, ließ der Vorstand Schäfer in weiser Voraussicht den Grundbesitz des CVJM Eltingen an einen Stuttgarter Jünglingsverein übertragen. Damit waren die Liegenschaften vor fremdem Zugriff geschützt.

Im CVJM hat Sohn Immanuel auch sein Glück gefunden. Hier lernte er das Schwarzwald-Mädel Otilie Maier, seine spätere Frau, kennen – die Mutter von Margarete Lohrmann. Die Enkelin von Immanuel Schäfer erinnert sich an den Großvater als einen arbeitsamen Mann, der auch die Arbeit anderer zu schätzen wusste. Auch dem Rappenhof waren während des Zweiten Weltkrieges Kriegsgefangene zugeteilt, um bei der Arbeit zu helfen. „Der Befehl lautete, dass diese Männer im Stall essen sollten“, erinnert sich Margarete Lohrmann. „Doch der Charles aus Frankreich und der Casimir aus Polen haben immer mit uns am Tisch gegessen, denn der Großvater sagte, wer mit uns arbeitet, der soll auch mit uns essen“, erzählt die 78-Jährige.

Unvergessen ist Margarete Lohrmann auch das Wirken des Großvaters im Gemeinderat. „Da musste er immer nachts nach den langen Sitzungen noch die vier Kilometer bis zum Rappenhof in der Dunkelheit laufen.“ Noch etwas ist Margarete Lohrmann besonders im Gedächtnis geblieben. Die große Feier zum 70. Geburtstag des Großvaters im Spätherbst 1948. „Die Veranda war voller großer Herrn – die Gemeinderäte waren alle da, viele Rathausangestellte, der Bürgermeister Carl Schmincke, und alle haben kräftig bei dem Vesper zugelangt, denn auch nach der Währungsreform waren die Zeiten noch recht schwer“, erzählt die Enkelin von Immanuel Schäfer. Zudem wurde dem Gefeierten als Dank für seine Tätigkeit als Bürgermeister eine Zeichnung überreicht, die ihn als Lenker einer Kutsche darstellt, die von einem Esel (für Eltingen) und einer Schnecke (für Leonberg) gezogen wird.

„Das ist eindeutig das Werk von Paul Truckses“, sagt die Leonberger Stadtarchivarin Bernadette Gramm beim Sichten der Zeichnung. „Truckses war damals leitender Verwaltungsbeamter bei der Stadt und zuständig für Hauptamt und Kultur, und er war zeichnerisch sehr begabt“, weiß Gramm. Als profunde Kennerin der Materie haben sie und Kollegin Birgit Schneider einen erheblichen Beitrag zum Gelingen der LKZ-Beilage „Traumpaar“ anlässlich von 50 Jahren Große Kreisstadt und 75 Jahren Eltingen und Leonberg geleistet.

Die „großen Herren“ hatten allen Grund, sich bei Immanuel Schäfer zu bedanken, denn der hatte den Rathauskarren zu lenken, als der bis zu den Achsen im Morast einer politischen Schlammschlacht steckte. Deren Auslöser war das Zerwürfnis zwischen dem Leonberger Bürgermeister Gotthold Ege (SPD) und dem Landrat Ludwig Schröter. Die hatten einst ein gutes Verhältnis und sich sogar gegenseitig politisch unterstützt. Der im Juli 1945 als Landrat eingesetzt Schröter hatte sich nach der Gemeinderatswahl 1946 dafür stark gemacht, dass Ege zum Bürgermeister gewählt wurde. Umgekehrt hatte Ege sich nach der Kreistagswahl im April als SPD-Fraktionsvorsitzender für eine einstimmige Wahl von Schröter zum Landrat eingesetzt. Gemeinsam war beiden auch, dass sie entschiedene Gegner der Nationalsozialisten gewesen sind und deshalb politisch verfolgt wurden. Doch Bürgermeister Ege war eine funktionierende Verwaltung wichtiger, als das amerikanische Entnazifizierungsprogramm. Er hatte keine Probleme damit, auch politisch belastete Fachleute einzustellen. Der Landrat stand voll hinter dem Projekt der Entnazifizierung und, selbst aus Schlesien vertrieben, setzte er sich für die Flüchtlinge ein.

Ege war auch bei der amerikanischen Militärregierung nicht gern gesehen und galt als „Person, die den Zielen der Militärregierung feindlich gegenübersteht“. Ihm wurde angekreidet, dass er von der Militärregierung entlassene Funktionäre wieder eingestellt hatte, als einziger Bürgermeister nicht beim amerikanischen Projekt einer demokratischen Jugendarbeit mitmachte und die Leonberger Polizei sich in einem schlechten Zustand befand. Ege gab Schröter die Schuld an diesen Vorwürfen und startete eine Kampagne gegen dessen Wiederwahl im Jahre 1948. Am 15. Oktober 1947 wurde Gotthold Ege von der Militärregierung abgesetzt – die Amtsgeschäfte lagen nun in den Händen seines Stellvertreters Immanuel Schäfer. Ege wurde der Prozess gemacht. Er wurde für schuldig befunden und zu 2000 Reichsmark Strafe und 200 Tagen Gefängnis verurteilt.

Eine Welle der Sympathie für Ege setzte in Leonberg ein. Sie war getragen von einer Koalition, die ein Besatzungsoffizier so beschrieb: „Ziemlich eigenartig, denn sie besteht aus der SPD und den Pro-Nazi-Elementen in der CDU, unterstützt von den örtlichen Nazi-Größen.“ Schröter trat nicht mehr zur Wahl an, Ege bekam im April 1948 sein Gemeinderats- und Kreistagsmandat wieder. Er wurde sogar stellvertretender Bürgermeister und Friedensrichter.

Bis Leonberg wieder einen Bürgermeister hatte und Immanuel Schäfer sein Amt abgeben konnte, dauerte es noch ein wenig. Bei der ersten freien Bürgermeisterwahl am 11. April 1948 wählten die Leonberger mit großer Mehrheit Carl Schmincke. Doch die Wahl war ungültig, da er keinen rechtskräftigen Spruchkammerbescheid zur Entnazifizierung vorlegen konnte. Bei der Wahl am 4. Juli erhielt Schmincke sogar 4393 von 4918 abgegebenen Stimmen. Er wurde am 14. Juli als Bürgermeister eingesetzt. Immanuel Schäfer konnte sich zurückziehen. Er starb am 26. Oktober 1959.

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