Leonberg Aus Feinden Freunde machen

Von Bartek Langer
Menschen einander näher bringen, ist eines der wichtigen Lebensziele von Frowin Junker. Foto: Bartek Langer

Leonberg - Es war die prägende Begegnung bei der Moralischen Aufrüstung: Während seiner Zeit in Indien wurde Frowin Junker von Rajaji eingeladen, dem ersten Generalgouverneur des Landes nach der Unabhängigkeit von Großbritannien. „Mit einem zu sprechen, der mit Mahatma Gandhi den gewaltlosen Kampf geführt hat, war sehr imponierend“, sagt der Mann, der später mit dessen Enkel Rajmohan Gandhi für die Aussöhnung zwischen Hindus und Muslimen, aber auch gegen die Korruption gekämpft hat.

Mehr als 20 Jahre war Frowin Junker im Dienst der christlichen Friedensbewegung unterwegs, die von dem US-Amerikaner Frank Buchman in den Dreißigern als Gegenpol zur weltweiten Kriegsaufrüstung gegründet wurde und sich zum Ziel gesetzt hatte, aus Feinden Freunde zu machen. Bevor es ihn in die weite Welt verschlug, wuchs er als jüngstes von drei Kindern in Bad Cannstatt auf. Die Familie legte großen Wert auf eine christliche Erziehung, und so war er im Jugendkreis der evangelischen Kirche, was in der damaligen Zeit aber zu Spannungen führte. „In der Hitlerjugend hieß es: Ihr könnt gerne Choräle singen und die Bibel lesen, aber die Politik bestimmen wir“, erzählt Junker.

Nachdem gegen Kriegsende eine Luftmine das Reihenhaus am Pragsattel zerstörte, holte der Freund seines Vaters, Bauunternehmer Julius Mörk, die Familie zu sich nach Leonberg. Mit 17 meldete Junker sich zum Volkssturm. „Natürlich war das aussichtslos, aber nachdem mein älterer Bruder gefallen war, kam aufgeben nicht infrage“, sagt der Mann, der später in französische Gefangenschaft kam.

Erst ein „braunes“ Abi, dann ein „normales“

Nach dem Krieg fing er bei Mörk als Maurer an. „Wir haben fast alle Dächer von Alt-Leonberg repariert“, berichtet Junker, der aber in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte, der Architekt war. Da er ein „braunes“ Abi hatte, legte er dieses noch einmal am Korntaler Gymnasium ab und begann sein Architektur-Studium.

„Bei der Aufnahmeprüfung musste ich den Straßburger Münster aus dem Kopf zeichnen“, erinnert sich Junker, der das Skizzieren von baulichen Wahrzeichen besuchter Städte später zu seinem Hobby machen sollte. Nach dem ersten Semester war aber Schluss – der spätere Gatte seiner Schwester und Leonberger CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Petersen brachte ihn mit der Nichtregierungsorganisation Moralische Aufrüstung (MRA) zusammen. Aus einem Urlaubssemester wurden am Ende 20 Jahre.

Als Dolmetscher begleitete Junker eine internationale Schauspielergruppe durch ganz Deutschland. „Im Ruhrgebiet überzeugten wir die vielen marxistisch-leninistischen Betriebsräte, die am liebsten die DDR nach Westdeutschland geholt hätten, dass der Klassenkampf nicht die einzige Möglichkeit ist, um einen Ausgleich zu schaffen zwischen den Interessen der Chefs und Untergebenen“, erzählt er.

Die Angst als Hindernis

Und nach einem Auftritt in Berlin nahm ihn der Leiter des Spandauer Gefängnisses zur Seite und bat ihn um ein Gespräch mit seinem letzten verbliebenen Häftling – Rudolf Heß. „Ich hatte damals zu viel Angst, heute bereue ich aber, dass es nicht dazu kam“, sagt der Leonberger, der dann mit der MRA die ganze Welt bereiste. „Nicht nur mein Glaube hatte mich dazu gebracht, es ging auch darum, eine Brücke zu schlagen zu unseren ehemaligen Feinden. Das hatte ich mir zutiefst gewünscht.“

Bei einem seiner Vorträge lernte er auch seine Frau Beate kennen – die frühere Gemeinderätin und Gründerin des BUND Leonberg begleitete ihn auf seiner „Mission“. Entscheidend für die lange Ehe der beiden, die mittlerweile ihren goldenen Hochzeitstag feierten und zwei Kinder haben, war nicht zuletzt auch die gemeinsame geistige Grundhaltung. Nach dem Ende ihres Engagements in den späten Sechzigern heuerte Frowin Junker als Bauleiter bei einem Architekturbüro an, dann holte er sein Studium an einer Fernhochschule nach. „Ich bekam mein Diplom mit 52 Jahren, da war sogar mein Professor jünger als ich“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Im Winter wird das Massengrab ausgehoben

Am Ende seiner beruflichen Laufbahn war er als Architekt in der Bauabteilung des evangelischen Oberkirchenrats in Stuttgart tätig. Im Ruhestand arbeitete er dann als freier Architekt und war ehrenamtlicher Vorsitzender des Bauausschusses sowie Laienvorsitzender der Gesamtkirchengemeinde Leonberg. Fortan bemühte er sich zusammen mit seiner Frau auch um bessere Beziehungen zu Osteuropa und gründete mit seinem früheren Schulkameraden Eberhard Röhm die KZ-Gedenkstätteninitiative. „Am Kriegsende hatte ich die Häftlinge am Blosenberg gesehen und fragte mich, warum sie im Winter im Boden graben, um Telegrafenmasten zu setzen. Später erfuhr ich, dass es ein Massengrab war“, erzählt er. Nicht zuletzt erinnert dank ihm ein Gedenkbuch im Vorraum der Blosenbergkirche an die verstorbenen und ermordeten KZ-Häftlinge.

Besonders das Treffen mit dem verstorbenen Samuel Pisar in Paris, der als polnischer Jude in sieben Konzentrationslagern war, darunter auch in Leonberg, und sich später einen Namen als Berater von John F. Kennedy machte, beschreibt er als einen bedeutenden Moment. Rückblickend sagt der 90-Jährige, der demnächst seine Autobiografie herausbringen möchte: „Ich habe in meinem Leben einiges falsch gemacht, aber auch vieles richtig. Es ist eigentlich ein Geschenk und auch im christlichen Sinne eine Gnade, so alt zu werden, obwohl mir das nicht immer bewusst ist.“

Strohgäu Leonberg Rutesheim Weil der Stadt Renningen Weissach Enzkreis-Gemeinden

Sonderthemen