Laurentiuskirche Flacht Eine kleine Röhre wird zum Geschichtslehrer

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Zusammen befüllen der Bürgermeister Daniel Töpfer, Armin Thiel und Pfarrer Harald Rockel die Zeitkapsel. Foto: factum/Simon Granville

Weissach - Es ist nur eine schmale Röhre mit viel Papier und ein paar Münzen darin, die Armin Thiel von der evangelischen Kirchengemeinde in Flacht aus der goldenen Kugel des Kirchturms geholt hat. Doch bei näherem Hinsehen ist es viel mehr als das. Denn die Röhre ist eine Zeitkapsel, die dort 1960 eingebracht wurde. Die Dokumente darin, zum Teil sogar noch aus dem 19. Jahrhundert, geben Aufschluss über das Leben in Flacht vor vielen Jahrzehnten.

Armin Thiel hat sich auf eine kleine Zeitreise begeben und die Dokumente gesichtet und abfotografiert. Vor wenigen Tagen sind sie schon wieder in ihrer Kapsel und die Kapsel in der goldenen Kugel verschwunden – zusammen mit ein paar Stücken aus unserer Zeit, darunter eine Ausgabe der Leonberger Kreiszeitung von Montag, 17. August 2020.

Dass die Zeitkapsel aus ihrem Schlaf geweckt wurde, hat seinen Grund. 1960 wurde die Laurentiuskirche zuletzt saniert, damals hatte die Kirchengemeinde die Idee mit der Zeitkapsel. Nun bekommt das historische Gebäude erneut eine Generalüberholung. Dazu musste unter anderem die Turmzier, also Hahn, Kreuz und Kugel, heruntergeholt und restauriert werden. Das nutzten die Beteiligten, um die Dokumente in der Kapsel durchzusehen, abzufotografieren und ein paar neue Dokumente hinzuzufügen.

Wie alt ist die Kirche wirklich?

„Das älteste Dokument ist eine Urkunde von 1897 mit angesengten Rändern“, erzählt Armin Thiel, der zugleich Bauleiter des Projekts ist. „Das ist aber handschriftlich, ich konnte es deshalb noch nicht entziffern.“ Für die Sichtung selbst war auch nur wenig Zeit zwischen dem Ab- und Aufbau der Turmzier. „Deshalb haben wir erst mal alles abfotografiert.“

Zu verdanken ist die Idee, die Geschichte von Flacht auf diese Weise zu bewahren, dem Oberlehrer Schray, der damals in Flacht lebte und zugleich Hobbyarchäologe war, berichtet Armin Thiel. „Er hat ein 30-seitiges Dokument verfasst, auf dem er die Geschichte der Kirche aufgeschrieben hat.“ Dabei kommt ein sehr spannendes Detail zum Vorschein. Unter der Kirche wurde bei der damaligen Sanierung eine Gebeinekammer gefunden. Damals war es mit dem Denkmalschutz noch nicht ganz so weit her. Und so konnte Schray eigenständig ein bisschen in der Kammer herumstöbern.

Er stellte die Theorie auf, dass es sich um eine römische Grabkammer handelt, über die später die Kirche gebaut wurde. Deren Geschichte ginge also zurück bis ins 9. Jahrhundert. „Das ist aber nur eine Theorie von Schray, das lässt sich heute nicht mehr belegen“, so Thiel. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kirche um die Jahre 1200 bis 1250.

Auch über das Leben um 1960 finden sich viele Informationen, zum Beispiel wie viele Einwohner Flacht damals hatte – genau 1062 – und was ein Tagelöhner im Durchschnitt stündlich verdiente: nämlich 2,50 Mark. Ebenso lag die Ausgabe der Leonberger Kreiszeitung vom 25. Mai 1960 bei.

Einen ähnlichen Einblick in unsere Zeit möchte die Kirchengemeinde zukünftigen Generationen gewähren. Unter anderem wurden der Kapsel deshalb entsprechende Informationen und Dokumente sowie ein USB-Stick mit Bildern und Bauplänen beigefügt, „in der Hoffnung, dass man den in Zukunft noch lesen kann“, ergänzt Thiel schmunzelnd.

Neben der Kirche entsteht ein kleines Nebengebäude

Die Kirchensanierung selbst ist ein echtes Großprojekt: „Das fängt an beim Dach, die Dachbalken waren zum Teil komplett zerfressen“, erklärt der Bauleiter. „Das Dach wurde zudem komplett neu gedeckt, da einige Ziegel abgängig waren.“

Insgesamt lassen sich die Arbeiten kaum alle aufzählen: Der komplette Außenputz muss abgeschlagen, das Gefache, also der Bereich zwischen den Fachwerk-Balken, erneuert und einst bewusst angelegte Hohlräume zwischen den Kirchenwänden verfüllt werden und vieles mehr. Die überalterte und marode Elektrik wird nicht nur ersetzt, es gibt dazu noch eine moderne Beschallungsanlage mit dem nötigen Equipment für Band-Auftritte speziell für die Gottesdienste der jüngeren Gemeindemitglieder.

Neben der Kirche entsteht außerdem ein kleineres Nebengebäude, in dem eine Teeküche, Toi­letten, ein Raum für Eltern mit ihren Kindern sowie ein kleines Foyer Platz finden.

Die Kosten für das Projekt liegen geschätzt bei rund 1,7 Millionen Euro. Nach Abzug von Zuschüssen und Spenden unter anderem von der Gemeinde Weissach und vom Denkmalamt verbleiben für die Kirchengemeinde noch etwa 800 000 Euro, die sie selbst aufbringen muss. Sehr große Teile davon konnte man glücklicherweise im Vorfeld über die Jahre zurücklegen, so Thiel. Dazu kommt noch der ungemein große Anteil an Eigenleistung, den die Mitglieder der Kirchengemeinde für die Sanierung erbringen. „Inzwischen sind es schon um die 800 Stunden.“ Die Arbeiten haben im April 2019 begonnen. Im Sommer 2021, so hofft die Gemeinde, soll alles fertig sein.

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