Lasst uns über … Polyamorie reden Warum soll man nur einen einzigen Menschen lieben?

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Es ist sowohl schwer monogam als auch polygam zu leben. Foto: Unsplash/Gemma Chua Tran

Stuttgart - Als Paartherapeut beobachte ich den Trend zu polyamourösen Beziehungen erst seit etwa fünf Jahren. Doch auch diese Form der Partnerschaft bringt Probleme mit sich, denn aus meiner Sicht ist es sowohl schwer monogam als auch polygam zu leben. Beides hat mit Schwierigkeiten zu tun, denn die Monogamie ist ein recht junges Kulturgut, das aus gesellschaftlichen und religiösen Konventionen entstanden ist. Dass sich Monogamie etabliert hat, heißt nicht, dass sie richtig oder gar natürlich ist. Mit etwas Abstand betrachtet, sind Menschen Säugetiere und auch im Tierreich gibt es verschiedenste Strategien: So gibt es Tiere, die monogam leben, aber auch durchaus Lebewesen, deren Ziel es ist, sich mit möglichst vielen anderen zu paaren. Wo der Mensch steht, ist je nach Wissenschaft unterschiedlich.

Zu wenig Zeit und Energie für zwei Partner

Monogamie ist eine schöne romantische Vorstellung, die auch Vorteile mit sich bringt. Das Problem ist, dass unsere Sexualität mit der Vorstellung gepaart ist, dass sie spannend und erfüllend sein soll. Das kann mit einem Partner oft nicht über längere Zeit aufrechterhalten werden. Die Alternative, polyamourös unterwegs zu sein, erscheint zunächst eine plausible Lösung. Anfänglich findet sicher Befriedigung statt, aber langfristig sind diese Beziehungen genauso schwierig wie monogame Partnerschaften. Denn ein Mensch, der im Berufsleben steht und sich in zwei Beziehungen einbringen will, hat viel zu wenig Zeit und Energie für all die Sexualität, Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Die meisten sind schon mit einer Beziehung überfordert – zwei machen es nicht besser.

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Auch wenn man es ganz offen lebt, so wie beispielsweise in den Kommunen der 70er Jahre, können sich starke Eifersüchteleien und Besitzansprüche einschleichen. Aus meiner Sicht ist Polyamorie oft ein Ausweichmanöver, wenn man sich nicht richtig auf eine Beziehung einlassen will. Auch die Befriedigung anderer Bedürfnisse, wie das eigene Selbstwertgefühl und das Gefühl begehrt zu werden, können eine Rolle spielen.

Wenn man seine Beziehung öffnen will, sollte man es offen mit seinem Partner ansprechen. Welche Bedürfnisse hat man, womit ist man unzufrieden? Ist der Partner diesem möglichen Lösungsvorschlag aufgeschlossen, sollte man über die Bedingungen sprechen. Oft wird vereinbart, dass Sex in Ordnung ist, Liebe bleibt verboten. Doch ich habe auch viele Paare betreut, die sich über einen One Night Stand lieben gelernt habe. Denn es ist nicht einfach, die Gefühle auszuschalten.

Klare Regeln und Vereinbarungen

Lebt man in einer polyamourösen Beziehung, sollte man ehrlich miteinander sprechen und auch eine Art Monitoring betreiben, um zu überprüfen, ob die Bedürfnisse aller Parteien weiterhin befriedigt werden und ob die „Ur-Partnerschaft“ noch genug Aufmerksamkeit bekommt. Klare Regeln und Vereinbarungen können dabei helfen. Sind diese nicht haltbar, sollte man darüber sprechen und es nicht heimlich machen, denn in der Regel sickert alles durch und die Probleme werden größer. Gehören Kinder zur Beziehung, spielt auch das Zeitmanagement eine große Rolle.

Klar Nein sagen

Wenn der Partner die Beziehung öffnen will, und man damit nicht einverstanden ist, sollte man klar Nein sagen. Frustration ist vorprogrammiert, wenn man aus Angst um die Beziehung Ja sagt und sich auf etwas einlässt, das man gar nicht will. Theorie und Praxis liegen dabei oft weit auseinander, da viele nicht so liberal sind, wie sie meinen. Ob es um Fremdgehen oder Polyamorie geht – die Bedürfnisse, die dahinterstecken, sind absolut berechtigt und dringend. Man sollte die Konflikte in der eigenen Beziehung einbringen. Denn alles andere könnte Nebenwirkungen haben.

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