KZ-Gedenkstätteninitiative „Aufarbeitungsgeschichte ist mein Thema“

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„Aufarbeitungsgeschichte, das ist mein Thema“, sagt Katharina Fuchs, die jetzt Junglotsin der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg ist und Führungen in dem alten Engelbergtunnel oder auf dem Weg der Erinnerung leitet. Foto: Regine Brinkmann

Leonberg - Es gibt tatsächlich auch heute noch Menschen in Leonberg, die nicht gewusst haben, dass es hier ein Konzentrationslager gegeben hat.“ Katharina Fuchs steht in der Sonne am Eingang zur KZ-Gedenkstätte am alten Autobahntunnel am oberen Ende der Seestraße. Die 25-jährige Silberbergerin zückt einen silbrigen Schlüssel und öffnet die schweren Gittertore. „Und nein“, sie lächelt kurz, denn sie muss es bei nahezu jeder Führung betonen, die Frage kommt immer wieder: „Die Häftlinge haben den Tunnel nicht gebaut, der wurde schon 1938 eingeweiht. Doch er konnte im Krieg ziemlich einfach geschlossen und in eine Arbeitsstätte umgewandelt werden.“

Katharina Fuchs ist Junglotsin der Gedenkstätteninitiative, kurz KZ-Ini, und führt meist Schüler, ab und zu auch interessierte Leonberger Bürger oder auswärtige Besucher auf die Spuren eines dunklen Kapitels in der Leonberger Geschichte. Um dieses Kapitel öffentlich zu machen, hat es viel Arbeit und Engagement seitens der Mitglieder der KZ-Ini bedurft. Vielen Bewohnern der Stadt wäre es lieber gewesen, man hätte stillschweigend vergessen können. Doch damit genau das nicht passiert, egal, ob in Leonberg oder anderswo, ist Katharina Fuchs in der KZ-Initiative aktiv geworden.

„Im Geschichtsunterricht in der achten Klasse habe ich zum ersten Mal vom Leonberger KZ gehört“, erzählt die Geschichtsstudentin. Zusammen mit Eberhard Röhm, Gründungsmitglied und zweiter Vorsitzender des Vereins, ist sie die markanten Stationen abgelaufen. Sie hat gut zugehört, recherchiert und schließlich vor ihrer Schulklasse ein Referat im alten Engelbergtunnel gehalten, da, wo die Tragflächen von Hitlers „Wunderwaffe“, dem Messerschmitt-Düsenjäger Me 262, montiert wurden.

Aufarbeitung ist ihr Thema

Seitdem ist die engagierte Studentin in der Materie drin. „Aufarbeitungsgeschichte, das ist mein Thema“, erklärt sie. Ihre Bachelorarbeit hat sie über die Täter des KZ Leonberg geschrieben, nach dem Masterstudium will sie zum Thema Erinnerungskultur promovieren. „Wie unterschiedlich erinnern oder gedenken Menschen und Kulturen? Und wie unterschiedlich wird auch der Gedenkstätte hier erinnert? Das beschäftigt mich.“

Wenn die Junglotsin Schülergruppen führt, ist sie auf alles vorbereitet, auf Lachen, Weinen, Fragen und Stille. „Das ist für die Schüler viel Stoff, und jeder geht anders damit um. Wichtig ist, dass die Führung ohne erhobenen Zeigefinger stattfindet und jeder auch eine Pause machen kann, wenn es zuviel wird.“

Der erste Stolperstein liegt schon auf der ersten der sechs Wegstationen, auf dem alten Friedhof in der unteren Seestraße. „Die meisten Schüler denken, das große Denkmal am unteren Eingang sei dem Gedenken der KZ-Häftlinge gewidmet.“ Doch der dunkle Stein erinnert an die gefallenen Soldaten beider Weltkriege. Sachlich klären die Lotsen auf: Das Grabmal für die Opfer des Leonberger Lagers steht in einem verborgenen Winkel des Friedhofs, die Inschrift lässt nicht erkennen, wem damit gedacht werden soll. Lediglich eine Tafel aus dem Jahr 2014 führt die Namen der Opfer auf.

Auch eine weitere Station auf dem Weg berührt die junge Frau jedes Mal besonders, wenn sie dort ist: „Der Keller in einem Haus des Samariterstifts ist noch original erhalten“, erzählt sie, „dort zu stehen, das ist für mich immer wieder ein ganz merkwürdiges Gefühl. Beklemmend.“

Doch am eindringlichsten ist der Tunnel selbst mit den dort ausgestellten Biografien. „Die Lebensgeschichten der Häftlinge, was sie dachten, was sie fühlten, was hier passiert ist, das müssen die Besucher erst einmal verkraften.“ Katharina Fuchs steht im Tunnel und zeigt auf die ausgestellten Zeitzeugnisse.

Wie das von Avraham Ary aus Polen, der von Dezember 1944 bis April 1945 im Tunnel gearbeitet hat und der viele Jahre nach dem Krieg erzählte: „Und ich habe ständig die Hoffnung gehabt, dass ich werde leben bleiben, dass ich muss leben bleiben, dass ich den Kindern erzählen kann, was alles gewesen ist.“

„Weg der Erinnerungen“

Doch Katharina Fuchs hat Erfahrung im Umgang mit den jungen Besuchern und wie sie ihnen Einblicke in die Geschichte des „Dritten Reiches“ vor ihrer Haustür ermöglichen kann, zumal viele nicht mehr die Möglichkeit haben, Zeugen dieser Zeit zu erleben. Sie hat aktiv an dem Leitfaden, den die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg zusammen mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten herausgebracht hat, mitgearbeitet. Dieser Leitfaden will künftigen Lotsen die pädagogischen Ansätze und Konzepte für Jugend- und Vermittlungsarbeit an Gedenkstätten zugänglich machen.

Davon profitieren auch die Leonberger Neulotsen. Zusammen mit Armin Schmidt, der in der Leonberger Initiative für die Lotsen-Schulungen zuständig ist, feilt sie an den Konzepten, um die ehrenamtlichen Helfer fit zu machen für den „Weg der Erinnerung“.

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