KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen Gedenkpfad entlang der Geschichte

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Mit einer Radtour erkunden die Besucher die bereits bestehenden Tafeln (Archivbild). Foto: Johannes Kuhn

Gäufelden - Die Stationen, an denen die Gedenktafeln angebracht sind, sind Stationen eines unfassbaren Leides: Sie führen beispielsweise am Ort des einstigen KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen vorbei, wo heute ein Sportplatz steht. Auch an den Militärflugplatz, den ab dem Jahr 1942 sowjetische und französische Kriegsgefangene bauen mussten, erinnern die Tafeln. Und schließlich verweisen sie auf ein Massengrab, in dem einst 75 Tote verscharrt wurden.

Die Spuren, die das Konzentrationslager hinterlassen hatte, sind an vielen Stellen bereits verwischt, doch an manchen Stellen sind sie noch deutlich zu erkennen. Zum Beispiel zeugen der ehemalige Steinbruch Schäfer in Reusten, wo die Zwangsarbeiter schuften mussten, oder die Pfeiler einer Flugzeugreparaturhalle von den Geschehnissen. Mit dem Mahnmal am Westende der ehemaligen Startbahn des Flughafens Hailfingen, dem Dokumentationszentrum im Alten Rathaus in Tailfingen und nun schließlich mit dem Gedenkpfad werden die Erinnerungen an allen Originalschauplätzen am Leben ­­ gehalten.

Authentische Orte der Nazi-Herrschaft

„Die Besucher wollen die authentischen Orte der Naziherrschaft sehen, auch wenn dort nicht mehr viel übrig ist“, erklärt Volker Mall, der gemeinsam mit Harald Roth die KZ-Gedenkstätte initiierte und nun auch die Realisierung des Gedenkpfades vorantrieb.

Die letzten fünf der insgesamt zwölf Tafeln entlang des rund 15 Kilometer reichenden Gedenkpfades wurden nun mit einer Radtour eingeweiht. Die Informationstafeln sind dreisprachig gehalten. Über einen QR-Code können Besucher zusätzlich eindrückliche Berichte von Zeitzeugen abrufen. So erzählt beispielsweise ein Überlebender von den mörderischen Arbeitsbedingungen im Reustener Steinbruch. Diese Zeitzeugen und Hinterbliebenen haben Volker Mall und Harald Roth auf der ganzen Welt aufgespürt, nach Gäufelden eingeladen und interviewt.

Massiver Widerstand gegen den Erinnerungspfad in der Bevölkerung

Sie zu finden war eine schwierige Aufgabe. Doch den Gedenkpfad genehmigt zu bekommen war mindestens ebenso schwierig, sagt Mall. Denn die erste Idee entstand schon vor rund 13 Jahren, als die beiden ehemaligen Lehrer gemeinsam mit zwei Schulen einen Geschichtslehrpfad entwickeln wollten. Doch während der Rottenburger Gemeinderat bereits 2006 einen Erinnerungspfad für Hailfingen befürwortete, stieß die Idee im Gäufeldener Gemeinderat auf massiven Widerstand. „An die dunklen Seiten in der Geschichte wollten manche nicht erinnert werden, und wir waren die Nestbeschmutzer“, sagt Mall.

Auch der Sportverein TSV Tailfingen hatte sich gegen Gedenktafeln gewehrt. „Mit dem Friedhof Tailfingen, dem Rathaus und dem Sportplatz, wo sich der Hangar des einstigen Flugplatzes und das eigentliche Lager befanden, wären aber wichtige Gedenkorte unberücksichtigt geblieben“, sagt Mall. Weil er eine Verantwortung gegenüber den Opfern verspüre, sei er hartnäckig geblieben – und konnte das Vorhaben schließlich vor drei Jahren in Gang bringen. „Ich habe das Gefühl, die jüngere Generation ist dem Thema gegenüber aufgeschlossener“, erklärt er sich die Kehrtwende. Auch für diese Generation sei es wichtig, die authentischen Orte zu erhalten. „Das was war, muss gesagt werden“, betont Mall. Auch für ihn sei es eine Aufarbeitung mit der Vergangenheit gewesen: „Mein Vater war ein Nazi.“

Doch auch wenn der Gedenkpfad nun endlich fertig ist – der Lernort KZ-Gedenkstätte wird ständig weiterentwickelt werden. Für Volker Mall ist es außerdem erfreulich, dass auch die Online-Plattform www.outdooractive.com die Radtour entlang des Gedenkpfades bei ihren Tipps aufgenommen hat.

Geschichte des KZ-Lagers:

Das KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen war von November 1944 bis Februar 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler/Struthof im Elsass. Am 19. November 1944 traf ein Transport mit 601 jüdischen Häftlingen ein. Sie mussten in den Steinbrüchen arbeiten und Start- und Landebahnen für einen Flughafen bauen. Mindestens 186 der Inhaftierten starben dort.

Die pensionierten Lehrer Volker Mall und Harald Roth wurden 2018 mit dem German Jewish Award ausgezeichnet. Der Preis wird an nicht jüdische Deutsche verliehen, die sich dem jüdischen Erbe in Deutschland widmen.

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