Kulturgut im Strohgäu Die Mühle nährt nach wie vor den Mann

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Alte Technik bleibt zeitgemäß – und fordert den Müller: Markus Birenbaum kontrolliert in der Talmühle das gemahlene Mehl. Foto: factum/Simon Granville

Strohgäu - Es ist laut. In zwei riesigen Kästen aus Metall, grün lackiert, laufen Walzen. Gleichmäßig rutschen pro Sekunde Hunderte Körner von oben nach. Bruchteile von Sekunden später sind sie zu Mehl geworden. Der rhythmische Klang der Maschinen ist Musik in den Ohren des Müllers. Markus Birenbaum hebt ein Fenster an der Vorderseite des Walzenstuhls an, greift hinein, lässt ein bisschen Mehl in seine Hand rutschen. Die Qualität stimmt. Der 43-Jährige lächelt.

Birenbaum ist Müllermeister, wie sein Vater. Die Talmühle, unterhalb des Ditzinger Stadtteils Schöckingen unweit der Glems gelegen, ist die kleinste der Ditzinger Mühlen, in denen noch gemahlen wird. Die anderen haben auch ihre Eigenheiten: Die Tonmühle ist auf Öko-Qualität spezialisiert, in der Schlossmühle mitten in der Kernstadt vereint sich Historie und moderne Technik, in der Zechlesmühle bringt der Futterhandel einen guten Ertrag. Und die Ölmühle am Bahnhof ist völlig unabhängig von der Wasserkraft der Glems. Eines haben alle gemeinsam: Die Mühle nährt den Mann, dessen Familie und ein paar Angestellte. Nicht nur in Coronazeiten erinnern sich Menschen, wo das Mehl herkommt. Die Mühlenläden sind gefragt.

Bessere Qualität als die Massenware

Ihre Produkte, so denken alle Müller an der Glems, sollen sich unterscheiden von der Massenware im Supermarkt. Es funktioniere „nur mit Qualität“, ist Markus Birenbaum überzeugt, mit gutem Mehl „wird der Kuchen lockerer.“ Ulrich Siegle, dessen Tonmühle sieben Kilometer weiter in Richtung Leonberg liegt, schwört auf Bioqualität. „Da sehe ich die Zukunft“, meint der Müllermeister. Auch seine Kollegen wollen bei der Kundschaft punkten: Sie setzen zwar nicht auf Bio, aber samt und sonders auf Regionalität. „Unser Korn kommt aus Ditzingen, Korntal, Weilimdorf, Hirschlanden, Hochdorf, Hemmingen“, berichtet Werner Müller von der Schlossmühle, „kürzer geht’s nicht.“ Und zur Auslieferung „fahren wir nicht weiter als 50 Kilometer“.

Apropos Lieferung: Die Mühlenläden mit ihrer Privatkundschaft sind nur ein Standbein. Die Massen an Mehl verkaufen die Müller an der Glems an selbstständige Bäckereien, an Pizzerien oder Dönerläden. Lose im Tankwagen oder im Halbzentnersack. Um diese noch schneller und mit weniger Personal verladen zu können, ist in der Schlossmühle gerade in eine Palettieranlage investiert worden. Hochmoderne Technik gibt es dort schon eine ganze Weile: Die Mühle läuft rund um die Uhr. Der Computer steuert die Beschickung der Walzenstühle aus dem Getreidesilo, und er sagt der Pneumatik, in welches Lagerbehältnis das fertige Mehl geschickt werden soll. Ganz unten in der Schlossmühle staunt der Besucher noch einmal. Da tut Technik ihren Dienst, wie sie schon vor 100 Jahren genutzt wurde: Ein riesiger Motor treibt eine Welle an – und von der gehen viele gewundene Riemen auf die Antriebswellen weiterer Maschinen ab. Eine gute alte Transmission.

Das Wasser der Glems spielt eine Rolle

Strom ist die Antriebskraft aller Mühlen an der Glems. Das Strohgäu-Flüsschen und sein Wasser spielt aber dennoch eine Rolle. Zur Talmühle läuft noch das Wasser in einem 650 Meter langen Kanal. Direkt unter dem Mühlengebäude sitzt eine Turbine – mit deren Strom werden die Motoren ein paar Meter weiter angetrieben. Übriger Strom geht ins Netz. Und wenn die Glems zu wenig Wasser hat, wird mit Strom von außen gemahlen. Welche Rolle die Glems in der Schlossmühle spielt, weiß Werner Müller genau: „Die Wasserkraft bringt neun Prozent der Energie.“ Die Glems hatte aber auch noch andere Auswirkungen: Striche an der Wand erinnern an das Hochwasser von 2010. Tonnenweise ging damals das Mehl kaputt.

Außerplanmäßig waren auch die Mehlbestände, welche die Müller an der Glems im März und April verkauft haben. Eine Stunde lang hätten die Leute vor dem Laden der Tonmühle gewartet, erzählt Ulrich Siegle. Markus Birenbaum berichtet von einer Frau, die mehrmals gekommen sei und für die gesamte Verwandtschaft insgesamt 120 Tüten Mehl gekauft habe – à fünf Kilo. Mittlerweile verkaufe man nur noch etwa 50 Prozent mehr pro Woche wie in der Vor-Corona-Zeit, berichtet Zechles-Müller Thomas Siegle. Sein Kollege Birenbaum befürchtet und bedauert eines: „Ein Teil des gehamsterten Mehls wird rausfliegen.“ Schade drum.

Hinter Ditzingen trifft der Wanderer oder Radfahrer an der Glems auf weitere acht aktive oder ehemalige Mühlen. „Wir sind noch in Betrieb, unser Mühlenladen ist gut nachgefragt“, erzählt Christa Nonnenmacher von der Stumpenmühle in Schwieberdingen. An Pizzerien und Bäckereien liefere man Mehl, im Laden wird es an Privatkunden verkauft: Weizen aus dem Strohgäu, Roggen aus Hemmingen, Dinkel aus dem Land. Ihre Prognose für die Zukunft, nachdem sich der Corona-Boom („wir mussten schaffen wie blöd“) gelegt hat? „Ich habe die Hoffnung, dass wir ein paar neue Kunden gewonnen haben“, sagt Christa Nonnenmacher.

Aus der Mühle wird ein Veranstaltungszentrum

In der Bruckmühle, zwei Kilometer weiter, wird ebenso nicht mehr gemahlen wie in der Neumühle. Die Bruckmühle, ebenso Jahrhunderte alt wie die anderen Mühlen an der Glems, wurde 1970 stillgelegt. Aber erst seit gut 15 Jahren ist dort wieder Betrieb: Die Gemeinde Schwieberdingen hatte das Areal samt Gebäude 1992 erworben, gut zehn Jahre später umgebaut und 2004 als kleines Veranstaltungszentrum („Bürgerhaus II“) wieder eingeweiht. In der Neumühle, nochmals einen Kilometer weiter, sind mittlerweile luxuriöse Eigentumswohnungen entstanden.

Auch in der Spitalmühle in Markgröningen laufen die Mahlwerke seit 2012 nicht mehr. Hans-Hermann Kefer, der letzte Spitalmüller, hat aber nach wie vor mit dem weißen Nahrungsmittel zu tun. „Ich verkauf Mehl aus einer Mühle in Vaihingen, vom Lastwagen runter“, erzählt er, „montags in Möglingen, donnerstags in Tamm, freitags in Asperg und samstags in Markgröningen.“ Damit das Mühlengewerbe nicht vollends den Bach, Verzeihung, die Glems, runter geht.

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