Kulturelles Leben in Leonberg Von Verzweiflung und Freiheit

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„Das Schiff bricht vor Wut entzwei“: Mit eindrucksvollen Szenen inszeniert das Tanztheater aus Reutlingen in der Leonberger Altstadt den Pandemie-Wahnsinn. Foto: Jürgen Bach

Leonberg - Es ist heiß. Brütend heiß. Vier Menschen stehen mitten im Pomeranzengarten. Am Brunnen, der keine Kühlung verschafft. Sie bewegen sich, sie tanzen! Unglaublich, bei dieser Hitze. Zwei Frauen und ein Mann tragen Wolljacken, der andere einen Nadelstreifenanzug, den Kopf von einer Melone bedeckt.

Hier steht Mr. Krake, ein einsamer Mensch, der mit der Pandemie hadert. Oder auch nicht: „Das bisschen eingesperrt sein, das ist eigentlich nicht so schlimm.“ Der Ausdruck des Tanzes um ihn herum sagt etwas anderes: ein Winden, ein Schlängeln, die Suche nach dem Weg zurück in die Freiheit.

Mr. Krake ist ein Projekt des israelischen Choreografen Yaron Shamir. Der Künstler, der seit zehn Jahren in Reutlingen lebt und kreativ auf dem ganzen Erdball unterwegs ist, hat seine Erfahrungen mit der Pandemie in sechs Szenen verarbeitet, die bewusst draußen aufgeführt werden. Eben in der Freiheit.

Monate der Lähmung

Der Zufall wollte es, dass Joachim Heller, der rührige Vorsitzende der Werbegemeinschaft Faszination Altstadt, auf Shamir und dessen tänzerische Szenen um Freiheit und Verzweiflung aufmerksam wurde. Er sprach die Leonberger Citymanagerin Nadja Reichert und Katja Rohloff vom städtischen Kulturamt an: Sofort waren die drei sich einig, dass das mobile Tanztheater ideal ist, um nach Monaten der Lähmung wieder Leben in die Altstadt zu bringen.

Das Team erarbeitete ein griffiges Hygienekonzept aus, um den szenischen Rundgang coronagerecht möglich zu machen. Zwei Aufführungen mit maximal 40 Gästen. Jeder bekommt einen Schirm, um auf den Gängen zwischen Stadtkirche, Marktplatz und Pomeranzengarten automatisch Abstand zu haben. Der Schatten durch die Schirme ist fürs Publikum ein willkommener Nebeneffekt.

Ersatz für den Altstadt-Garten

„Eigentlich wäre an diesem Wochenende der Altstadt-Garten gewesen“, sagt Joachim Heller – jenes Spektakel, in dem Natur und Kultur so wunderbar vereint werden. Doch wie fast alle Feste fällt auch der Altstadt-Garten zum zweiten Mal der Pandemie zum Opfer. Das Tanztheater Mr. Krake sollte ein Ersatz sein.

Und es ist viel mehr als das: Das Ensemble mit dem Erzähler Daniel Tille als Mr. Krake und dem Tanzteam mit Risa Kojima, Konstanos Pappamatthaiakis und Simona Semeraro ziehen an zwei Abenden ihr Publikum von Anfang an in den Bann.

Der absolute Kontrollverlust droht

Ein großer schwarzer Ballon platzt, das normale Leben ist vorbei. Mr. Krake zeigt sich unbeeindruckt: „Ich werde meine Emotionen wegdrücken und packe ohne Bedenken die Liebe ein.“ So leicht ist es nicht, stellt der Protagonist fest: „Wir schweben in den absoluten Kontrollverlust“ – eindrücklich visualisiert durch die Tänzer und untermalt von dröhnenden Technoklängen, die Choreograf Shamir mit einer mobilen Tonanlage einspielt.

Nach einem ekstatischen Finale in der Stadtkirche brandet beim Publikum erlösender Applaus auf. Diese Art der Kunst hat es schon länger nicht mehr gegeben. Auch der Oberbürgermeister ist begeistert: „Das ist der Auftakt zu einer Reihe unter dem Motto ‚Leonberg tanzt’.“ Martin Georg Cohn bedankt sich nicht nur bei den Künstlern und Organisatoren, sondern auch bei der Pfarrerin Heidi Essig von der Stadtkirche, die mit der Mesnerin Dorothea Schuster dieses außergewöhnliche Projekt tatkräftig unterstützt hat.

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