Kriminalität im Kreis Ludwigsburg Wie Corona die Statistik schönt

Von Michael Bosch
170 Mal war die Polizei im vergangenen Jahr bei sogenannten Montagsspaziergängen im Einsatz – ein Phänomen, das die Corona-Pandemie mit sich brachte und nun wohl langsam abebbt. Foto: Simon Granville

Es sind gute Nachrichten, die in diesen Tagen aus dem Polizeipräsidium in Ludwigsburg kommen. Die Kriminalität im Landkreis ist abermals gesunken, die Zahlen sind so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr. „Wir haben ein sehr gutes Ergebnis erreicht,“ lobt Polizeipräsident Burkhard Metzger die Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen. Die Zahlen seien einerseits Ausdruck für „hervorragende Arbeit“ der Polizei, andererseits verhehlt Metzger nicht, dass „auch die Corona-Pandemie eine Rolle gespielt“ hat und die Zahlen dadurch etwas geschönt sind.

Einbruch und Diebstahl Wenig verwunderlich ist die Entwicklung beispielsweise bei den Einbrüchen. In diesem Bereich verzeichnete die Polizei einen neuen Tiefstand. Gerade einmal 162 Fälle wurden im Kreis Ludwigsburg im Jahr 2021 bekannt. Ein plausibler Grund dafür: die Mobilitäts- und Kontaktbeschränkungen. „Viele Menschen waren öfter zu Hause und im Homeoffice. Einbrecher hatten weniger Gelegenheiten“, sagt Metzger. In etwa der Hälfte der Fälle sei es bei einem Versuch geblieben.

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Erfreulich aus Sicht der Polizei ist die Aufklärungsquote in diesem Feld. Sie stieg von 28,6 auf mehr als 40 Prozent. Laut Metzger ist die Quote im Land „vermutlich einmalig“ und auch der vermehrten Überwachung in bekannten Brennpunkten geschuldet. Zurückzuführen ist sie aber auch auf die Festnahme eines einzelnen Täters, der im Raum Bietigheim etwa 100 Einbrüche verübt hat. Neben den Wohnungseinbrüchen sind auch die Diebstahlsdelikte um etwa 20 Prozent von 8704 auf 6920 Delikte zurückgegangen.

Gesamtzahl Straftaten Im landesweiten Vergleich schneidet der Kreis gut ab. Durchschnittlich registrierten die Präsidien in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr 4380 Straftaten, in Ludwigsburg und der Umgebung waren es „nur“ 3684. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Straftaten um 7,6 Prozent zurück – ähnlich niedrige Zahlen registrierte die Polizei letztmalig im Jahr 1991. Gleichzeitig konnte die Aufklärungsquote noch einmal gesteigert werden: von 63,7 auf 65,1 Prozent.

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Corona und die Polizei Die Polizei war im vergangenen Jahr mit einigen neuen Phänomenen wie etwa den sogenannten Montagsspaziergängen konfrontiert. Bei rund 170 Veranstaltungen dieser Art waren Polizistinnen und Polizisten im Einsatz. Markus Geistler, Leiter der Schutzpolizeidirektion, betont, dass das Aggressionspotenzial unter den Demonstranten in Ludwigsburg jedoch wesentlich geringer gewesen sei als in anderen Städten im Land. Zuletzt seien bei den Protesten auch deutlich weniger Teilnehmer gezählt worden.

Auf der anderen Seite machte das Coronavirus vor der Polizei selbst nicht Halt. Unter anderem „das umsichtige Verhalten unserer Mitarbeitenden und eine hohe Impfbereitschaft hielten das Infektionsgeschehen in den eigenen Reihen in Grenzen und verhinderten gravierende Einschränkungen im Dienstbetrieb“, sagt Metzger.

Mord und Totschlag Die Gesamtzahl der Straftaten gegen das Leben – darunter fallen Mord und Totschlag – befindet sich mit 14 erfassten Delikten auf dem Niveau des Vorjahres. 13 dieser Delikte und damit 93 Prozent wurden aufgeklärt. Zu beachten ist laut den Verantwortlichen jedoch, dass sich darunter sieben sogenannte Cold-Case-Fälle befinden, die zu einem früheren Zeitpunkt begangen worden waren, aber erst jetzt dank neuer Möglichkeiten – wie etwa der Auswertung von DNA-Spuren – abgeschlossen werden konnten.

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Sexualdelikte Sorgen bereitet der Polizei die steigende Zahl von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Ihre Zahl stieg von 624 auf 892 Fälle und damit um 43 Prozent. Ein nicht unerheblicher Teil der Fälle rechnet die Polizei dabei der sogenannten Schulhofpornografie zu. Die Anzahl der Ermittlungsverfahren im Bereich der Kinder- und Jugendpornografie stieg von 189 im Jahr 2021 auf 479 an. Das Präsidium hat deshalb eine 13-köpfige Ermittlergruppe eingesetzt, die im vergangenen Jahr 809 Terrabyte Daten auswertete. Außerdem wurde die Präventionsarbeit forciert. Metzger sieht aber auch die Eltern in der Pflicht, die mit ihren Kindern über Bilder und Videos, die möglicherweise gegen das Gesetz verstoßen, reden müssten. Fälle von sexuellem Missbrauch waren hingegen rückläufig (von 102 auf 85 Fälle).

Gewalt gegen Polizisten Auch wenn die Zahlen (140) das erste Mal seit Jahren wieder leicht rückläufig sind (minus 11,3 Prozent), von einer Trendwende möchte Burkhard Metzger nicht sprechen. 146 Polizeibeamtinnen und -beamte wurden im vergangenen Jahr im Einsatz verletzt – einer von ihnen sogar schwer. Auch im Hinblick auf Attacken gegen Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter brauche es „an der ein oder anderen Stelle deutlich mehr Respekt im Umgang miteinander“, so Metzger.

Politisch motivierte Kriminalität Die politisch motivierten Straftaten insgesamt haben zugenommen (von 234 auf 362). Allerdings arteten sie weniger häufig in Gewalt aus. 2020 waren zehn solcher Fälle registriert worden, im vergangenen Jahr nur noch drei. „Im Wesentlichen resultiert die Zunahme aus Sachbeschädigungs- und Diebstahlsdelikten, die im Zusammenhang mit der Landtags- und Bundestagswahl erfasst wurden“, heißt es im Bericht.

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