Kreis Böblingen So arbeiten die Kontaktnachverfolger im Gesundheitsamt

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Wilhelm Hornauer leitet das Gesundheitsamt kommissarisch. Foto: factum/Simon Granville

Böblingen - Guten Tag, hier ist das Gesundheitsamt.“ Carina Bierholz weiß gar nicht, wie oft in den vergangenen Wochen sie mit diesem Satz ein Telefonat eingeleitet hat. Es ist aber immer wichtig, denn es geht um das Coronavirus. Carina Bierholz klingt dabei freundlich, aber doch bestimmt. „Vor kurzem ich mit einem Mann gesprochen, der auf dem Weg zur Arbeit war – und auch schon mit den Gedanken ganz bei der Arbeit“, erzählt sie. Ihm hat sie mitteilen müssen, dass sein Test positiv ist, dass er also an Covid-19 erkrankt ist. Aber er müsse doch noch dies und jenes erledigen, müsse noch kurz bei der Arbeit vorbeischauen, sagte der Mann. „Das geht leider nicht“, hat Carina Bierholz geantwortet. „Ich habe ihm mitgeteilt, dass er mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne steht und sich auf direktem Weg nach Hause bewegen muss.“

Wer hat das Virus? Und mit wem hatten die Infizierten Kontakt? Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel, mit dem die Gesundheitsämter nun seit vier Monaten beschäftigt sind, und damit versuchen, das Virus zu bekämpfen. „Wir versuchen, Infektionsketten herauszufinden und dann die Weiterverbreitung zu unterbinden“, erklärt Wilhelm Hornauer, aktuell kommissarischer Leiter des Gesundheitsamts.

500 „Containment Scouts“ in Deutschland

60 Mitarbeiter arbeiten in dieser Behörde, die eine Abteilung des Landratsamts Böblingen ist, darunter 14 Ärztinnen in Teilzeit. Für die aktuelle Pandemie reicht das natürlich nicht, das Robert-Koch-Institut hat deshalb im Frühjahr 500 „Containment Scouts“, also Kontaktnachverfolger, eingestellt und den Landkreisen zur Verfügung gestellt. Carina Bierholz ist eine von zwei Mitarbeiterinnen, die zusammen mit einer Studentin diesen Job nun seit April im Kreis Böblingen erledigen. Bierholz war gerade mit ihrem Studium der Gesundheitsökonomie fertig geworden. „Ich wollte in der Krise unterstützen“, sagt sie.

Eine Woche lang hat sie bei der Telefonhotline des Landratsamts ausgeholfen, anschließend ist sie in die Kontaktnachverfolgung gewechselt. Das Verfahren läuft dabei immer gleich ab. Der Befund des Coronatests aus dem Labor in Sindelfingen geht ans Böblinger Gesundheitsamt. Die Mitarbeiter dort müssen dann erst einmal die Betroffenen informieren, dass sie krank sind. So wie jenen Mann, der gerade auf seinem Arbeitsweg war. „Die meisten nehmen das gut und ruhig auf“, sagt sie. Sie erinnert sich aber auch zum Beispiel an eine ältere Dame, die sehr verunsichert war. Die schlimmste Nachricht für viele sei die zweiwöchige Quarantäne.

Die eigentliche Arbeit ist es dann, mit den Infizierten durchzugehen, mit wem sie alles zuletzt Kontakt hatten. Auf der Arbeit? Beim Sport? Beim Einkaufen? „Wir fragen nach Name und Telefonnummer“, berichtet Carina Bierholz. Im Durchschnitt vier bis fünf Personen sind es, denen die Infizierten so nah kamen, dass diese ebenfalls in Quarantäne müssen. Am Anfang der Pandemie, als die Kontakteinschränkungen des Lockdowns noch nicht griffen, gab es aber auch Fälle mit mehr als 20 Kontaktpersonen.

Diese müssen die drei Mitarbeiterinnen dann alle anrufen. „Wir sagen ihnen, dass sie ab dem Zeitpunkt des Kontakts zwei Wochen unter Quarantäne stehen“, berichtet sie. Sie empfiehlt den Kontaktpersonen, sich ebenfalls testen zu lassen. Aber die Quarantäne kann man damit nicht verkürzen. Es ist möglich, dass der Test negativ ausschlägt, die Personen trotzdem infiziert sind, die Krankheit aber noch nicht ausgebrochen ist.

„Die Menschen sind erstaunlich gut erreichbar“, stellt Carina Bierholz fest, gibt aber zu: „Manchmal fühlen wir uns schon ein bisschen als Detektiv.“ Etwa, wenn die Infizierten keine Telefonnummer ihrer Kontaktpersonen kennen, dann muss sie über mehrere Ecken rumtelefonieren. „Es gibt aber auch Fälle, die mich ärgern“, sagt sie. „Ich denke da an eine Frau, die schon Symptome hatte und trotzdem noch eine Woche lang zur Arbeit ging und sogar noch privat Leute zu sich nach Hause eingeladen hatte.“ Auch diese Partygäste musste sie unter Quarantäne stellen, die dann auch sauer auf diese Nachricht reagiert haben. „Das konnte ich nachvollziehen“, erinnert sie sich.

Die Arbeit geht nicht aus

Ein bis drei neue Infizierte sind es zurzeit im Kreis Böblingen pro Tag. Die Arbeit im Gesundheitsamt geht also nicht aus, auch wenn es deutlich ruhiger ist als zur Hochphase Mitte April. Man arbeitet dabei auch eng mit den Mitarbeitern der Stadtverwaltungen zusammen. Die Ordnungsämter der Kommunen müssen die schriftliche Quarantäne verschicken. Als einer der wenigen Landkreise in Deutschland ist Böblingen bei diesem System der Einzelverfügung geblieben und hat nicht auf eine Allgemeinverfügung umgestellt. „Das ist zwar deutlich aufwendiger, aber auch genauer und feiner“, erklärt Wilhelm Hornauer, der Chef des Gesundheitsamts.

Im Kontaktpersonenmanagement arbeitet man immer auch eng mit den 14 Ärztinnen im Amt zusammen, etwa, wenn es strittige Fragen gab. „Die Ärztinnen beraten auch Einrichtungen“, nennt Hornauer weitere Aufgaben. Zum Beispiel, wenn es Fälle in Schulen oder Pflegeheimen gibt. „Die Unsicherheit bei den Verantwortlichen dort ist sehr groß“, sagt er.

Und all das müssen sie unter verschärften Arbeitsbedingungen tun, denn die waren im Gesundheitsamt auch vor der Pandemie schon schwierig. Sichtbares Zeichen dafür ist Wilhelm Hornauer selbst. Er ist Tierarzt und eigentlich Leiter des Böblinger Veterinäramts. Die Chef-Stelle und die Stelle des stellvertretenden Leiters im Gesundheitsamt aber sind derzeit beide vakant. Landrat Roland Bernhard übertrug diese Aufgaben Hornauer kommissarisch zusätzlich, auch wenn er das Amt lediglich organisiert. Die medizinischen Entscheidungen treffen weiterhin die Humanmedizinerinnen im Amt.

Ob Kontaktnachverfolgerin oder Arzt – alle arbeiten derzeit bis zum Anschlag. „Ich habe schon Angst um die Mitarbeiter, da die Personalsituation so prekär ist“, sagt Wilhelm Hornauer. Zuständig für die Besetzung der Stellen ist das Sozialministerium. Dort hat man zwar zusätzliche Stellen versprochen. Das Hauptproblem ist nach Einschätzung Hornauers aber, dass es nicht genügend Mediziner gibt, die sich für die Arbeit im öffentlichen Gesundheitswesen interessieren.

Und auch die Corona-Warn-App bietet für das Gesundheitsamt keine Entlastung. „Wir müssen mit den Infizierten trotzdem erörtern, mit wem sie wie lange Kontakt hatten“, sagt der Veterinär. Carina Bierholz hatte auch schon mit der App zu tun. „Ich hatte vergangene Woche einen Infizierten am Telefon, der wissen wollte, was er jetzt in die App eintragen muss.“

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