Kommunalwahl und die Jugend „Städte sind Keimzellen der Demokratie“

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Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Norbert Frank in Weil der Stadt. Foto: factum/

Weil der Stadt - Wenn am 26. Mai neue Gemeinde- und Kreisräte gekürt werden, dürfen auch schon 16- und 17-Jährige zur Wahlurne schreiten – und damit eine politisch sehr interessierte Generation, stellt Norbert Frank fest. Der 62-Jährige leitet die Landesakademie für Jugendbildung in Weil der Stadt.

Herr Frank, viele dachten, die junge Generation interessiert sich nur für ihr Smartphone. Jetzt gibt’s auf einmal die Fridays-for-future-Demos. Hat Sie das auch überrascht?

Nein, überrascht hat es mich nicht wirklich. Nachdem sich die Jugendlichen lange politisch eher zurückgehalten haben, hatte ich erwartet, dass das Pendel wieder umschlägt. Das Klima ist als Thema dafür hervorragend geeignet, weil das die Zukunft der Jugendlichen unmittelbar betrifft. Ich befürchte, dass es nur lediglich ein kleinerer Teil der Jugendlichen ist, der sich engagiert, wie das bei früheren Jugendbewegungen auch der Fall war, und ein größerer Teil dieser Generation passiv bleibt.

Wie könnte man auch die weniger interessierten Jugendlichen erreichen?

Mein Sohn wird jetzt 14. Neulich hat er zu mir gesagt: Die Demos sind ja eine tolle Sache, aber eigentlich müssten wir bei uns selbst anfangen. Ihm ist klargeworden, dass es nicht zusammenpasst, wenn wir auf der einen Seite nach den Politikern rufen, und andererseits in die ganze Welt in den Urlaub fliegen. Man muss die Themen runterbrechen: Wir alle können was tun!

Ende Mai haben wir Europa- und Kommunalwahl. Das sind zwei politische Ebenen, die nicht ganz so im Fokus stehen. Auch die Wahlbeteiligung ist nie sehr hoch. Woran liegt das?

Das liegt sicherlich an der öffentlichen Wahrnehmung. Berlin sieht man als interessanter und wichtiger an als Weil der Stadt. Viele erkennen nicht, dass das, was mich vor Ort betrifft, nicht in Berlin, sondern in Weil der Stadt entschieden wird.

Warum sind die Städte und Gemeinden so wichtig?

Das sind die Keimzellen unserer Demokratie. Das ist die Ebene, wo sich jeder Bürger einbringen kann – von jung bis alt. Deshalb finde ich Jugendgemeinderäte und Projekte zur Jugendbeteiligung so toll. Wenn die Erwachsenen die Jugend bei solchen Formaten ernst nehmen und eine wirkliche Auseinandersetzung stattfindet, dann erfahren die Jugendlichen, dass sie wirklich was bewegen können.

Welche Themen sollten die Erwachsenen mit der Jugend diskutieren?

Es geht nicht immer nur um Skateboard-Anlagen oder W-Lan. Die Fridays-for-Future-Demos zeigen, dass die Umwelt ein wichtiges Thema ist. Da ist das Projekt Weil der Stadts als Fair-trade-Town ein gutes Beispiel: Vom Kindergarten über die Schule bis zum Gemeinderat und den Gewerbetreibenden könnte man sagen: Wir versuchen, in unserer Stadt konkrete Maßnahmen zu ergreifen, die für das Weltklima und für unseren Umgang miteinander gut sind. Warum soll nicht eine Stadt über Fridays for Future diskutieren? Den Jugendlichen muss man sagen: Da müsst Ihr mitmachen, sonst sind Eure Demos unglaubwürdig!

Wie betreiben Sie hier an der Akademie politische Bildung?

Früher haben wir originäre politische Bildung betrieben. Wir haben aber festgestellt, dass es viel geschickter ist, diese Themen in den normalen Kanon hineinzunehmen. Wenn wir also Jugendleiter schulen, geht es um Spiele, Kommunikation, um Konfliktlösung, um Aufsichtspflichten – aber eben auch um solche Fragen. Bei uns treffen ja die unterschiedlichsten Leute aufeinander. Wenn also zwei Leute vom Musikverein, zwei Pfadfinder, jemand von der DLRG und einer von den Jusos zusammenarbeiten, dann ergeben sich die Gespräche zur Politik ganz automatisch in jeder Pause oder am Abend beim Bier.

Neu ist die AfD, die auch in Weil der Stadt für den Gemeinderat antritt. Warum schlägt diese Partei gleich so große Wellen?

Weil die AfD polarisiert. In der Art und Weise, wie sie Themen angeht, auch in der Sprache. Wenn man sieht, wie die Abgeordneten sich im Landtag verhalten und sich über alle Geschäftsordnungen hinwegsetzen, dann provoziert das. Wir hatten seit Jahrzehnten ein festes Parteiensystem, das jetzt aufgebrochen wird. Wie immer in so einer Situation sortiert sich das Lager neu, was anstrengend ist. Alle Beteiligten müssen erst damit umgehen lernen.

Wie geht man am besten mit der AfD um? Ignorieren? Oder sich der Diskussion stellen?

Den Stein des Weisen habe ich nicht. Man darf aber eines nicht machen: Man darf nicht die Sprache übernehmen, die Grenzen auslotet und ausweitet. Wir müssen ganz stur bei einem wertschätzenden Miteinander bleiben. Wertschätzend heißt: Ich gehe nicht unter die Gürtellinie und ich diffamiere niemanden.

Wahlkämpfer, auch hier in Weil der Stadt, müssen sich jetzt überlegen, wie sie vorgehen, wenn sie zum Beispiel auf Markus Frohnmaier treffen.

Ja klar. Sie müssen versuchen, sachlich zu argumentieren. Im Wahlkampf darf man dann auch mal zuspitzen. Aber es darf eines nicht sein, dass man persönlich hetzt und bewusst mit Unwahrheiten arbeitet. Wenn sich jemand nicht an diese Regel hält, ist eine Diskussion nicht mehr möglich.

Standen Sie hier in der Akademie schon mal vor der Frage, ob ein AfD-Mitglied zu einer Veranstaltung kommen darf?

Ja, wir hatten hier schon AfD-Mitglieder. Ich hatte mir damals überlegt, wie ich damit umgehe. Aber jeder, der das Gefühl vermittelt, dass er sich ernsthaft mit anderen Meinungen auseinandersetzt, hat hier seinen Platz. Wenn jemand andere Meinungen nur niederschreit, hat er hier nichts zu suchen. Das gilt für alle. In den konkreten Fällen war es am Ende unproblematisch.

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