Kommentar zum Lämmle-Gutachten Die Sprache der Fakten

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Das Gutachten war wichtig. Es hat historische und praktische Klarheit geschaffen, kommentiert LKZ-Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski. Foto: factum

Leonberg - Hinter diese Diskussion können wir jetzt hoffentlich einen Punkt machen. Wir führen sie ja schon seit Jahrzehnten.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Wunsch von Bernd Murschel erfüllt, ist mit dem Beschluss des Leonberger Gemeinderates vom Donnerstagabend sehr groß. Denn der Fraktionschef der Grünen hat ja recht: Der Streit, ob August Lämmle der geeignete Namensgeber für eine wichtige Schule ist, kam in den vergangenen Jahren immer wieder hoch.

Doch nie wollten sich weder die Politik noch die breite Öffentlichkeit tiefer darauf einlassen. Zu weit weg schien die Frage, ob ein längst verstorbener und allenfalls regional bekannter Dichter in der Nazi-Zeit nun Mitläufer oder doch mehr war? Zu sehr drängten und drängen bei den meisten Menschen die Sorgen im Hier und Jetzt. Es ist ja auch was dran an der Frage des Freien Wählers Jörg Langer: Haben wir keine anderen Probleme? Die haben wir, gerade in Zeiten einer bis dato unbekannten Pandemie, bei der es um Leben und Tod nicht nur im medizinischen Sinne geht, sondern um die Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit

Und dennoch ist die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Vergangenheit eine ungebrochen notwendige Voraussetzung für den Erhalt unserer offenen Gesellschaft. Nur wer nachvollziehen kann, wie eine Diktatur jedwede Freiheit in Geist und Bewegung auslöscht, weiß unsere jetzige – gewiss nicht perfekte – Staatsform zu schätzen. In Zeiten, in denen sich im Internet und unter dem Deckmantel der Corona-Kritik totalitäres Gedankengut wie ein Krebsgeschwür ausbreitet, ist der Blick in dunkle Zeiten unserer jüngeren und älteren Geschichte zur Bewusstseinsbildung unabdingbar.

Deshalb ist es im Ergebnis richtig, dass die KZ-Gedenkstätteninitiative nie locker gelassen hat. Um aber geschichtliche Klarheit zu schaffen, bedurfte es mehr als den moralischen Brustton der Überzeugung, der in früheren Debatten immer mitgeschwungen ist. Es bedurfte einer objektiven historischen Bestandsaufnahme.

Faktenaufzählung ohne ideologische Einfärbung

Die hat Peter Poguntke jetzt geliefert. Das Überzeugende an der Analyse des Geschichtswissenschaftlers ist die Faktenaufzählung ohne jedwede ideologische Einfärbung. Sie entlarvt Lämmle als einen um Anerkennung heischenden Nationalkonservativen, der sich mit seinen Beiträgen auf aus heutiger Sicht unerträglicher Weise bei den Nazis anbiedert, aber kein Gehör findet. Lämmle war kein Mordgeselle oder Architekt des Todes, gleichwohl ein geistiger Zündler. Damit ist er als Namensgeber einer Schule, auf der Werte wie Toleranz und Eigenverantwortung vermittelt werden, schlicht ungeeignet.

Mit dem Gutachten und den klugen Beschlüssen haben der Gemeinderat und Oberbürgermeister Cohn nicht nur angemessene Konsequenzen aus historischen Fakten gezogen, sondern auch zur langfristigen Beruhigung einer emotional schwierigen Debatte beigetragen.

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