Klärschlammreformer in Renningen Der Phosphor liegt noch ungenutzt herum

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Ein Blick ins Innenleben des Klärschlammreformers. Foto: Jürgen Bach

Renningen - Mit ihrem Klärschlammreformer ist die Stadt Renningen ihrer Zeit voraus. Bereits 2015 fiel der Beschluss, auf dem Klärwerk der Stadt eine neuartige Anlage zu errichten, die den anfallenden Klärschlamm so bearbeitet und reduziert, dass am Ende nur wertvolle Phosphat-Asche zurückbleibt.

Phosphor ist der Grundbestandteil von Dünger und kommt in der Natur nur in Mineralien vor, die irgendwann verbraucht sein werden. Phosphor befindet sich aber ebenso in Exkrementen. Anstatt das kostbare Gut also auf Deponien zu entsorgen, möchte die Stadt ihn aus dem Klärschlamm zurückgewinnen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wurde die Anlage im November 2020 schließlich abgenommen und läuft nun im Standardbetrieb. Vom Ziel, die gewonnene Phosphat-Asche verwerten oder sogar verkaufen zu können, ist die Stadt allerdings noch weit entfernt. Der Gemeinderat will an dem Projekt trotzdem festhalten.

„Es ist noch viel zu tun“

„Der Weg ist gut, aber es ist noch viel zu tun“, formulierte es der Bürgermeister Wolfgang Faißt im Gemeinderat. Diesen Weg geht Renningen nicht erst seit 2015. Zur Reduzierung des Klärschlamms, der für die Entsorgung zu entfernten Deponien transportiert werden muss, wurde bereits 1988 ein sogenannter Faulturm errichtet. Die Menge an Schlamm, der grundsätzlich viel Wasser enthält, wurde dabei um 25 Prozent reduziert. Die Trocknungsanlage, die 2005 errichtet wurde, verringerte die zu entsorgende Klärschlammmenge von 1200 auf 400 Tonnen jährlich.

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Der neue Klärschlammreformer sollte die Menge noch weiter reduzieren, auf 250 Tonnen, und dazu noch weitere positive Effekte haben: Zum Beispiel mit dem Reformer elektrische Energie zu erzeugen und organische Schadstoffe im Schlamm zu zerstören. Außerdem sollte die Herstellung eines verkaufsfähigen Phosphor-Düngemittels oder eines Rohstoffs zur Phosphor-Rückgewinnung aus dem Klärschlamm ermöglicht werden.

Das Problem ist die Düngemittelverordnung

Viele der Ziele konnten inzwischen erreicht werden. Doch ausgerechnet die Verwertung des so wichtigen Phosphors ist noch nicht möglich. Zwei große Hürden seien dafür noch zu überwinden, wie der zuständige Ingenieur Steffen Ritterbusch im Gemeinderat erklärte. Eine Lösung gibt es für beide Probleme noch nicht, die Verantwortlichen arbeiten aber daran. Ein Knackpunkt ist der zu hohe Kupfergehalt in der Phosphor-Asche. Auch wenn Kupfer eigentlich nicht als Schadstoff, sondern als Spurennährstoff gilt, gibt es eine Höchstgrenze, die nicht überschritten werden darf, weshalb die Asche nicht als Düngemittel zulässig wäre. Alle tatsächlichen Schadstoffe liegen deutlich unter den zugelassenen Mengen.

Als noch weit ärgerlicher beschreibt Ritterbusch das zweite Problem: die neue Düngemittelverordnung. Diese wurde seit Projektbeginn mehrfach novelliert, inzwischen ist Asche als Düngemittel gar nicht mehr zulässig. Dünger muss jetzt zum Beispiel wasserlöslich sein, sagte Ritterbusch und wurde darauf sehr deutlich: Das sei im Prinzip völliger Unsinn, es sei sogar kontraproduktiv, wenn der Dünger ausgewaschen werden kann. Es handle sich hierbei um eine reine Lobby-Entscheidung zugunsten der Vertreiber von „mit Uran und Cadmium belastetem und unter fragwürdigen Umwelt- und Sozialstandards gewonnenen“ mineralischem, also fossilem Phosphatdünger.

Gesetzesänderung: Kein Verständnis im Rat

Die Änderung der Verordnung sei so deshalb auch nicht vorhersehbar gewesen und wurde auf die Schnelle „durchgedrückt“. Viele Politiker sowie Fachverbände stünden deshalb hinter einer erneuten Änderung der aktuellen Gesetzeslage. Ob und wann diese umgesetzt werde, lasse sich aber leider noch nicht absehen.

Vielen Gemeinderäten fiel dabei erst einmal die Kinnlade herunter. „Heißt das, der Bund, der uns Fördergeld für den Klärschlammreformer gibt, ist derselbe, der das Gesetz so geändert hat, dass wir die Anlage gar nicht nutzen können?“, warf Wolfgang Steudle (CDU) die Frage in den Raum. Natürlich handle es sich um unterschiedliche Ministerien, so Ritterbusch. Aber im Prinzip: ja.

Die Alternativen sind alle nicht ideal

Was also sind die Alternativen, wenn die Phosphorasche in Renningen nicht verarbeitet werden kann? Dazu gibt es unterschiedliche Ansätze, die jedoch alle nicht ideal sind. Möglich wäre eine Entsorgung der Asche auf einer Deponie, dann würde der kostbare Phosphor allerdings verloren gehen. Man könnte die Asche andernorts industriell entsprechend aufbereiten lassen, das Interesse daran ist wegen der Neuartigkeit des Konzepts aber noch überschaubar. Auch eine Kooperation mit dem Zweckverband Klärschlammverwertung Böblingen wurde angeregt, das sei aufgrund der Prozesstechnik in der dortigen geplanten Anlage aber schwierig.

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Da der neuartige Reformer und seine Handhabung zusätzlich auch noch einiges an Manpower geschluckt haben, um diverse Kinderkrankheiten auszumerzen, äußerten sich Gemeinderäte auch kritisch in Bezug auf die finanziellen Auswirkungen. Denn für die zukünftigen Haushaltsjahre muss die Stadt den Gürtel deutlich enger schnallen, da viele Großprojekte in Haus stehen. Trotzdem erkannten die Politiker die Bedeutung und die positiven Auswirkungen des Klärschlammreformers, die auch ohne die Phosphorvermarktung bewirkt werden, an. „Wir haben uns Klimazielen unterworfen und müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass es nicht allein um wirtschaftliche Faktoren geht“, formulierte es Jürgen Lauffer von den Freien Wählern.

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