Judoschule in Leonberg Judokas lassen in Corona-Zeiten die Puppen tanzen

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Aus der Not eine Tugend gemacht: Coco Baur, die Tochter des Coaches, trainiert in den momentan kontaktlosen Zeiten mit einer selbst gebastelten Wurfpuppe. Foto:  

Leonberg - Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr muss Roman Baur, der seit 2004 in Leonberg eine Judoschule betreibt, wie alle anderen Sportkollegen seine Trainingsstätte wegen Corona schließen. „Wir haben uns auf alles vorbereitet, aber nicht auf einen erneuten Lockdown“, sagt der 51-jährige mehrfache Deutsche- und Europameister der Veteranen. Allein seine fünf Landeskader-Athleten – Rafael Walter, Lenni Tietgen (er wurde Anfang des Jahres Dritter bei den Deutschen U 18-Meisterschaften), Marleen Lehrer, die beiden U 15-Mädchen Coco Baur (Süddeutsche Meisterin 2020) und Divina Allmann sowie Frederike Stumpf – dürfen auch im November in der Judoschule in der Mollenbachstraße trainieren.

Eine Variante für die Athleten, wenn sie nicht gerade im Sportgymnasium sind oder ihre Einheiten abwechselnd im Bundesstützpunkt in Sindelfingen und im Olympiastützpunkt in Stuttgart absolvieren. Die anderen Mitglieder der Leonberger Judoschule müssen auf ihre Präsenz-Lehrstunden vorerst wieder seit Anfang November verzichten.

Wie kann man 280 Mitglieder bei der Stange halten?

„In einer Krise kann man sich dieser hingeben oder man kann sich aus ihr herauskämpfen“, sagt Roman Baur. Als Leistungssportler entschied er sich schon im März dieses Jahres für die zweite Variante und überlegte, wie er seine rund 280 Mitglieder bei der Stange halten kann. Und das in einer Kontaktsportart, wenn Kontaktverbote ausgesprochen werden. Die Lösung für seine Schülerinnen und Schüler, die zuhause üben wollen: Wurfpuppen als Trainingspartner.

Die Idee ist grundsätzlich nicht neu. Die leblosen Kampfpartner gibt es längt auf dem Markt. „Eine günstige Variante, die allerdings nicht viel taugt, kostet rund 300 Euro, eine gute aus echtem Leder liegt bei 1000 Euro. Mein Ziel war es daher, eine aus Alltagsgegenständen zu bauen, die so preisgünstig wie möglich ist“, sagt der Judo-Lehrer.

So einfach baut man sich einen Trainingspartner

In einem Online-Workshop auf dem Videoportal Youtube bastelte er den Prototyp aus Handtüchern, einer Isomatte, einer Schwimmnudel für die Arme sowie reichlich Klebeband. In der Zwischenzeit hat Baur verschiedene Varianten ausgetüftelt. Die kleinere wiegt gut fünf Kilogramm, die größere das doppelte. „Damit kann man richtig gutes Krafttraining machen“, sagt der zweifache Familienvater.

Seine Trainingshalle in der Mollenbachstraße funktionierte er in ein kleines Film-Studio um und nahm die ersten Sequenzen auf. Für das Kindertraining durfte auch der vierjährige Sohn mitdrehen. Mit ihm ging Baur spielerisch auf virtuelle Reisen in alle Kontinente dieser Welt. Für seine älteren Schülerinnen und Schüler war und ist es Roman Baur trotz Kontakteinschränkungen auf diese Weise möglich, ein Training anzubieten. Live und online – zu den gewohnten Kurszeiten, um eine gewisse Kontinuität beizubehalten. Die Videos bleiben im Netz, sodass auch Nichtmitglieder das Angebot nutzen können. Für Roman Baur ist das Online-Training die beste Möglichkeit in dieser außergewöhnlichen Zeit, um weiterzumachen anstatt zu warten, bis alles wieder losgehen kann.

Judo-Trainer Roman Baur ist in der Krise erfinderisch. Foto: Archiv/Gorr

Im Sommer war der Sportbetrieb dann wieder möglich. Die Athleten kamen zurück in die Judoschule, mussten aber zunächst weiterhin kontaktlos trainieren. „Das Gute war, dass ich nicht wieder bei Null anfangen musste, meine Schüler hatten dank des Online-Trainings einen neuen Wurf nach zwei Wochen drauf.“ Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Die selbst gebastelten Wurfpuppen sind weiterhin fester Bestandteil der Trainingseinheiten, nicht nur nach dem erneuten Teil-Lockdown. „Damit kann man auch richtig gut neue Würfe einstudieren“, sagt Baur.

Baur kritisiert: Es gab kein Krisenmanagement

Enttäuscht ist der Leonberger sowohl vom Württembergischen Judo Verband als auch vom Deutschen Judo-Bund. „Es gab schon im März kein Krisenmanagement, wir Vereine hatten keinerlei Unterstützung in dieser Situation und waren komplett auf uns gestellt.“

Was den Athleten fehlt, ist die sportliche Herausforderung. Wann Meisterschaften sowie der Liga-Betrieb – die Frauen der Judoschule Roman Baur kämpfen in der Württembergliga, die Männer in der Landesliga – wieder aufgenommen werden können, weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand.

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