Japanische Filme bei Arte Die abgerissenen Samurai

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Der glücklose Kanjuro (Takaaki Nomi) steckt in „Samurai ohne Schwert“ ganz schön in der Patsche. Foto: Saya Zamurai

Stuttgart - Der Herr, der da den Waldweg entlang kommt, ist ein Samurai. Aber was für einer. Keiner der legendären Schwertmeister auf dem Weg in die Schlacht, sondern ein abgerissenes Männlein auf der Flucht. Kurzatmig, verschwitzt und hinkend, zu alt für den Job, in einer schäbigen Kluft, mit der großen Brille im Gesicht eher wie ein Magazinverwalter wirkend als wie einer der gefährlichen Desperados, die man auch im Westen etwa aus Akira Kurosawas Filmen kennt. Kämpfen könnte er aber sowieso nicht, die Scheide an seiner Linken baumelt leer. Der Titel dieses bei Arte im Rahmen eines Schwerpunkts laufenden Films kündigt die Entmannung des Mythos schon an: „Samurai ohne Schwert“.

Mit mehreren Werken an diesem Montag, am Montag darauf und in der Mediathek stellt Arte klassisches und modernes japanisches Kino gegeneinander. „Samurai ohne Schwert“ von Hitoshi Matsumoto mutet seiner Hauptfigur in mal schrill überdrehten, mal erbarmungslos stillen Szenen viel zu. Takaaki Nomi in der Rolle des steckbrieflich gesuchten Versagers wirkt so gallig bekümmert, als habe er die Samurai-Legenden schon nicht mehr geglaubt, als er sein Schwert noch besaß.

Welt ohne Sicherheiten

„Samurai ohne Schwert“ ist ein Beispiel für die Neuorientierung des japanischen Kinos seit dem Platzen des Wirtschaftsbooms 1989. Eine gerade noch als neue ökonomische Supermacht auftretende Nation erlebte auf allen Ebenen einen Kontrollverlust. In Japans Filmwelt brach damals die Macht der alten Studios zusammen. Unabhängige Filmemacher und kleine Produktionsfirmen setzten neue Konzepte um.

Die mal satirische, mal wütende, mal renovierungsfreudige Auseinandersetzung mit klassischen Genres des heimischen Kinos – Samurai-Epen, Yakuza-Thriller, Monsterreißer, Spukfilme und Familiendramen – war Teil der Neujustierung: Japans Kino reagierte auf eine Welt, die keine Sicherheiten mehr bot, und auf eine Gesellschaft, deren Werte unter dem Ansturm von Raffgier, Egoismus und Konsumlust messbar zerbröselten.

Schwertkämpfer und kleine Leute

Es ist sicher eine Schwäche des Arte-Themenschwerpunkts, dass kein Beitrag diese Entwicklung ordnet und durchschaubar macht. Immerhin gibt es in der Mediathek Yves Montmayeurs Dokumentation „Yakuza-Kino: Der japanische Gangsterfilm“, die klarmacht, wie wichtig das Genrekino für das gesellschaftliche Selbstverständnis war.

Dem wilden Mythenzerpflückungskino – neben „Samurai ohne Schwert“, Sabus „Mr. Long“ und Fumihiko Soris „Ichi – Die blinde Schwertkämpferin“ (beide nur in der Mediathek) – stellt das Programm jene Klassiker entgegen, an denen sich das Kino heute reibt. „Midareru“ (3. August, 22.05 Uhr) von 1964 ist ein Spätwerk des Regisseurs Mikio Naruse, einer prägenden Figur des japanischen Kleine-Leute-Kinos, das von Menschen mit wenig individuellem Spielraum in Zeiten spürbaren Wandels erzählt. „Midareru“ handelt von einer Kriegswitwe, deren kleines Lädchen vom Supermarkt bedroht wird und deren Gefühlswelt von ihrem Schwager durcheinander gewirbelt wird.

Shakespeare in Japan

Gegen solche stillen Filme hatte der künftige Regisseur Yasuzo Masumura („The Blind Beast“) schon 1954 in einem Essay gewütet, das Japans Kino als, weichlich und gefühlsduselig abwatschte. Akira Kurosawas Werken konnte man das nicht anheften. Ab Anfang der 50er Jahre galt Kurosawas Schaffen im Westen als Inbegriff japanischen Kinos. Ironischerweise wurde es zuhause als Inbegriff eines vom Westen geprägten, nicht mehr japanischen Films gesehen. Arte zeigt „Die verborgene Festung“ (10. August, 22.45 Uhr) von 1958, eine großartige Verpflanzung von Shakespeares „Macbeth“ in die Welt der Samurai.

Wild und grell war ein Teil von Japans Kino dann auch in den Sechzigern und Siebzigern. Arte präsentiert online zwei rabiate Yakuza-Filme von damals, Seijun Suzukis „Abrechnung in Tokio“ von 1966 und Teruo Ishiis „Blind Woman’s Curse“ von 1970. Die moderne, bissige Neuorientierung von Japans Kino setzt, merkt man da, nur fort, was viel früher begann.

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