Janosch Kowalczyk aus Höfingen Auf dem Gipfel fühlt er sich im Trail-Himmel

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Die Nacht lässt Janosch Kowalczyk laufend hinter sich – die Konkurrenz auch. Foto: Raphael Weber

Leonberg - Den Druck, im einzigen Rennen dieser Saison siegen zu müssen, hatte sich Janosch Kowalczyk selbst auferlegt. Wegen der Corona-Pandemie wurden ab März so gut wie alle großen Veranstaltungen abgesagt. Nur das Innsbruck Alpine Trailrun Festival nicht, das eigentlich im April stattfinden sollte und nun in den September hinein verlegt wurde. Ein Tag vor dem 103 Kilometer langen Lauf lag der 30-jährige Höfinger in seinem Hotelzimmer, versuchte sich zu entspannen – doch seine Gedanken schlugen Purzelbäume, der Kopf brummte. „Ich habe mir selbst eingeredet, dass ich als Profi meinen Sponsoren gerecht werden muss und die Pflicht habe, bei einer Chance im Jahr auch vorneweg laufen zu müssen.“ Am Wettkampftag war dies alles wie weggeblasen. Und nach 10:57,33 Stunden und 4500 Höhenmetern rund um Innsbruck kam Kowalczyk als Sieger im Ziel an. Seinem Verfolger Christian Stern aus Österreich nahm er fast eine Stunde ab.

Der Startschuss fiel um 23 Uhr. Für die Schnellsten war dieser Wettbewerb in erster Linie ein Nachtlauf. Eine Disziplin, die dem Höfinger entgegen kommt. „In der Nacht ist man mit sich im Mikrokosmos der Stirnlampe. Da gibt es wenig Leute, die an der Strecke sind, man sieht nicht, wie weit sich die Gerade erstreckt oder wie lang der Anstieg noch ist“, sagt der Extremsportler. Es sind nur die nächsten zwanzig Meter im Lichtschein zu erkennen. Trainiert hatte der Höfinger diese Situation, als er einmal eine Nacht alleine durch den Schwarzwald lief. „Und da war absolut niemand unterwegs.“

Nach sieben Kilometern hatte sich Janosch Kowalczyk ins Rennen eingefunden, arbeitete sich von Platz zehn auf drei vor. Die Stirnlampen der beiden Führenden waren in der verwinkelten Stillschlucht Richtung Telfs noch nicht zu sehen. Bei der ersten Verpflegungsstation nach 17 Kilometern hatte er sie dann eingeholt. Schnell ein Riegel und das Power-Gel eingeschoben und die Wasserflasche aufgefüllt. Jetzt hieß es, allein voraus durch die Nacht zu eilen. „In diesem Moment fing mein Rennen an, es lief richtig gut, mein Körper war im Autopilot und die Erschöpfung habe ich super ertragen“, sagt der 30-Jährige. Er führte regelmäßig Energie nach, achtete auf seinen Körper und auf die Strecke, machte einen Schritt nach dem anderen. „Das klingt simpel, aber es gehört einiges an Übung dazu, diese Routine zu bekommen.“ So lief er die ganze Nacht hindurch, trotz Ermüdung, die ihn immer wieder ausbremsen wollte. Das Licht bei Tagesanbruch sorgte noch einmal für einen Energieschub im Körper.

Und dann kommt der steile Anstieg

Gut 80 Kilometer hatte der Höfinger bereits in den Beinen. Und vor ihm lag noch der längste und extrem steile Anstieg zum 2246 Meter hohen Patscherkofel. „Jetzt musste ich aufpassen, nicht stehen zu bleiben und den Schmerzen im Oberschenkel nachzugeben.“ Auf dem Gipfel angekommen fühlte er sich im Trail-Himmel. Die restlichen 15 Kilometer gingen nur noch bergab, der Vorsprung auf die Konkurrenz respektabel. Jetzt musste Janosch Kowalczyk nur noch achtgeben, dass er auf Grund seiner Müdigkeit nicht stürzte und im Rhythmus blieb. „Der Bewegungsapparat ist in diesem Moment extrem eingestaucht und gereizt, jeder Schritt bergab tut weh, man muss jede Minute leiden, für die ständigen Schmerzen ist man aber selbst verantwortlich“, sagt der Profi.

Nach diesen Strapazen braucht Janosch Kowalczyk gut vier Wochen Zeit, um sich wieder zu erholen. Die Probleme im Oberschenkel will er auch vollständig auskurieren. „Da muss ich jetzt vernünftig sein mit der Belastung, riskieren möchte ich da absolut nichts.“ Sein Wettkampf-Soll ist in diesem Jahr ohnehin erfüllt. Auch die Bilanz stimmt: Ein Rennen, ein Sieg. Jetzt kann er, was die Zahl der Rennen betrifft, nur auf ein besseres Jahr 2021 hoffen.

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