Interview mit Metzger Matthias Scherer „Eine Steilvorlage für die Vegetarier“

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Matthias Scherer. Foto: factum//Simon Granville

Renningen - Billiges Fleisch hat seinen Preis. Vor allem Tiere, die ihr Leben in engen Ställen fristen und vor ihrem Fließband-Tod in den Großbetrieben lange Transporte ertragen müssen, zahlen die Zeche mit ihren Leiden. Seit den Corona-Infektionen in deutschen Groß-Schlachtereien geraten auch die erbärmlichen Bedingungen der dortigen Leiharbeiter an die Öffentlichkeit. Was machen diese Nachrichten mit den kleinen Metzgereien hier vor Ort? Matthias Scherer, Metzger aus Renningen und Obermeister der Fleischerinnung Böblingen, gibt Auskunft.

Herr Scherer, hat Sie als Metzger überrascht, was in den vergangenen Wochen in den deutschen Groß-Schlachtereien geschehen ist?

Nicht wirklich. Wenn die Mitarbeiter in klimatisierten Räumen eng am Band arbeiten, ist das wohl ein optimales Klima für das Virus. Dass die Leiharbeiter aus Osteuropa eng wohnen, ist ebenfalls nachvollziehbar. Die wollen billig leben und viel Geld nach Hause mitnehmen.

Die sowieso nicht immer so geliebte Fleisch produzierende Branche hat seit den Corona-Infektionen in den Großbetrieben ein weiteres Imageproblem. Hat das Auswirkungen auf Sie und ihre Metzgerkollegen?

Ja, denn es ist traurig, dass jetzt auf der Fleischwirtschaft herumgehackt wird. Der Gesamtschaden für die Fleisch- und Wurstbranche ist immens, mit der Konsequenz, dass noch mehr Leute kein Fleisch mehr essen. Unterm Strich ist das eine Steilvorlage für die Vegetarier.

Sie wollen nicht mit den Großbetrieben in einen Topf geworfen werden.

Die Menschen unterscheiden nicht zwischen Fleischindustrie und Fleischhandwerk. Das ist, wie wenn Sie den Maler und den Künstler miteinander gleichsetzen. In den Groß-Schlachtereien steht ein Betriebswirt an der Spitze, der Rest sind Leute, die schlachten, zerlegen und Wurst mischen. Da geht es nur um Kiloleistung. In den kleinen Metzgereien hingegen sind gelernte Metzger am Werk, die alles machen von A bis Z und eine Beziehung zu ihrem Produkt haben. Ich liebe mein Fleisch, kenne meine Bauern und die Tiere von jung auf.

In der Fleischerinnung Böblingen haben sich 42 Metzger zusammengeschlossen. Können Sie die Hand dafür ins Feuer legen, dass es bei Ihren Kollegen anders läuft als bei den Großen?

Hundertprozentig. Industriell zu produzieren würde schon betriebswirtschaftlich gar keinen Sinn machen. Akkordzerlegung geht nur bei Masse. Wir sind alle Vollblutmetzger. Wenn man als solcher aufgewachsen ist, hat man eine ganz andere Einstellung zur Arbeit und zu den Tieren. Ich betrachte meine Mitarbeiter nicht nach Kiloleistung, ich kümmere mich um meine Leute. Die sind schon fast Familienmitglieder.

Das alles hat auch seinen Preis. Was kostet ein industriell hergestelltes Schweineschnitzel beim Discounter im Vergleich zu einem Metzgerschnitzel?

Das Übel bei den Discountern schaue ich mir gar nicht mehr an, aber dort bezahlt man etwa acht Euro pro Kilo, bei uns Metzgern zwischen zehn und dreizehn Euro. Bei den Groß-Schlachtern wird ein Schwein für rund 2,50 Euro geschlachtet, ich bezahle etwa 30 Euro. Die Differenzen werden durch die Schlachtbedingungen und am Tierwohl eingespart. In unserem Schlachthof in Gärtringen gab es auch schon Diskussionen über Lohnschlachterei. Aber die Genossenschaft hat sich klar dagegen entschieden. Dort wird weiterhin an nur drei Tagen geschlachtet – von einem Betrieb, der festangestellte Mitarbeiter hat. Die Tiere stammen von Bauern aus der Umgebung.

Was garantiert der höhere Preis?

Faire Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter, ein höheres Tierwohl, Tiere von Höfen, die wir kennen, die ordentlich gehalten werden und keine langen Transporte ertragen müssen. Dies alles führt zu einer besseren Qualität des Fleisches.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Politik?

Generell mehr Ehrlichkeit bei der Unterscheidung zwischen Fleischerhandwerk und Fleischfabriken. Wenn bei Tönnies was schief läuft, wird das gleich aufs ganze Handwerk heruntergebrochen. Wünschen würde ich mir auch eine Gleichbehandlung bei den Fleischschaugebühren und die Überprüfung der Sinnhaftigkeit mancher Vorschriften, die in der Industrie Sinn machen, aber im Handwerk verfehlt sind.

Wird es Ihrer Branche helfen, wenn in Zukunft Leiharbeiter-Kolonnen in den Schlachtfabriken nicht mehr erlaubt sind?

Das weiß ich nicht. Die Produktionspreise werden dann auf jeden Fall steigen, und die Discounter werden wiederum versuchen, diese zu drücken. Am Ende bekommen das dann die Bauern zu spüren.

Viele Verbraucher möchten für hochwertig produziertes Fleisch nicht mehr Geld bezahlen. Würde ein Mindestpreis etwas daran ändern?

Das wäre vielleicht eine Lösung. Der Druck auf die Preise wäre dann weg. Aber Fleisch muss auch für alle Menschen weiterhin erschwinglich sein.

Manche Leute, die beklagen, dass sie sich kein hochwertig produziertes Fleisch leisten können, besitzen teure Handys und große Fernsehbildschirme. Kommt es nicht auch darauf an, für was man sein Geld ausgibt?

Dass wir, verglichen mit Europa, am wenigsten für Fleisch beziehungsweise Essen ausgeben, ist ein typisch deutsches Problem. Es wäre sicherlich einmal ganz interessant, zu untersuchen, was Menschen, die Billigfleisch und Billigprodukte kaufen, sich sonst so leisten.

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