Interview mit Martin Kaufmann „Wir können vertrauensvoll über alles reden“

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„Jede Idee ist willkommen“: Oberbürgermeister Martin Kaufmann beim 100-Tage-Interview. Foto: factum/Weise

Leonberg - Selbst wenn Leonberg fünf mal so groß ist wie Rudersberg: Die Probleme sind bisweilen ähnlich gelagert, hat Martin Kaufmann nach 14 Wochen in der Chefetage des Rathauses festgestellt. Die Dimensionen aber sind oft fünf mal so groß. Mit unorthodoxen Ansätzen will der 51-Jährige deren Lösung angehen, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet.

Herr Kaufmann, Sie sind an diesem Samstag genau 100 Tage im Amt. Wie unterscheidet sich Leonberg von Ihrer früheren Wirkungsstätte Rudersberg?
Die Unterschiede liegen weniger in den Themen, die die Menschen bewegen: Die Verkehrsproblematik beispielsweise oder die bauliche Entwicklung interessieren die Leute in beiden Kommunen. Der entscheidende Unterschied liegt in den Dimensionen. Es gibt hier einen viel schärferen Wettbewerb bei Grundstücken, der Bedarf an Kindergärten oder Senioreneinrichtungen ist wesentlich höher. Auch die Verfahrenswege, etwa die Reparatur eines Schlaglochs, dauern in Leonberg länger als im kleineren Rudersberg. Da alles ein Stück weit anonymer ist, ist es auch schwieriger, möglichst viele Menschen mitzunehmen.
Ist die Gesamtlage zu unübersichtlich?
Nein. Mit der Zeit lernt man die Nuancen einer Stadt und deren Menschen besser kennen und auch schätzen.
Was ist das Besondere an Leonberg?
Allein schon die Lage am Autobahndreieck mitten in der wirtschaftsstarken Region Stuttgart ist besonders. Wir sind ein Wirtschaftszentrum, das seinesgleichen sucht. Die Topografie setzt der großen Flächennachfrage allerdings natürliche Grenzen.
Sie hatten in Ihrer Neujahrsansprache von einem „inneren Leonberger Dreieck“ gesprochen. Was meinen Sie damit?
Wir haben in der Innenstadt keine kompakte Situation. Deshalb müssen wir die Achse zwischen dem Leo-Center, dem Bahnhof und der Altstadt entwickeln.
Der Bahnhof spielt bei Ihnen eine besondere Rolle. Sie wollen ihn sogar renovieren.
Genau. Dafür bin ich im Gespräch mit der Bahn. Der Bahnhof ist der Knoten für Züge, Busse und Taxis und daher auch sehr wichtig bei unseren Bemühungen für eine saubere Luft.
Kritiker sagen, dass vor optischen Verbesserungen erst ein gutes Verkehrsangebot mit attraktiven Preisen kommen muss.
Beides ist richtig. Wobei vor allem die Leistung, also ein guter Takt, stimmen muss. Die Menschen bewegt nicht nur der Preis.
Also kein Gratis-Nahverkehr?
Dass etwas kostenlos ist, heißt nicht automatisch, dass es auch gut ist.

Ran ans Stau-Problem

Wie wollen Sie das Stau-Chaos bewältigen?
Wenn die Autobahn nicht dicht ist, haben wir mit Blick auf unsere Einwohnerstärke in der Stadt ein gewöhnliches Verkehrsaufkommen. Aber es ist richtig: Wir müssen Anreize zum Umsteigen schaffen. Dazu ­gehört neben besseren Bustakten ein großflächiger Radverleih.
Wie sieht der aus?
Ein Beispiel: Sie nehmen am Bahnhof an einer Verleihstation ein Fahrrad mit, ­radeln damit nach Gebersheim und geben es bei der dortigen Station wieder ab. Wichtig ist, dass man es nicht zum Ausgangsort ­zurückbringen muss. In anderen Städten klappt das hervorragend.
Sie haben schon einige unorthodoxe Ideen geäußert. Könnte es sein, dass das einigen Stadträten zuviel des Guten ist?
Das glaube ich nicht. Alle sind an der ­Entwicklung von Leonberg interessiert und bereit, neue Wege zu gehen. Bei einem ­vertrauensvollen Miteinander kann man über alles reden. Jede Idee ist willkommen.
Trotzdem muss es Schwerpunkte geben.
Die gibt es. Ganz vorne steht das Krankenhaus. Ein vom Landrat angesprochener ­Gesundheitscampus kann nur gemeinsam mit einem starken Krankenhaus existieren. Es muss eine unabdingliche medizinische Bindung zwischen der Klinik und den anderen Einrichtungen des Campus vorhanden sein. Ob das möglich ist, wenn das Haus, wie vom Klinikverbund geplant, nur noch 162 Betten haben wird, halte ich für zweifelhaft. Darüber müssen wir sprechen.
Was sagen Sie zum Diesel-Urteil?
Das Urteil hilft insofern, dass Bund und Land jetzt handeln müssen. Und wir können mit dem Urteil im Rücken zeigen, dass wir gewollt sind, Schritte für eine saubere Luft einzuleiten. Wie die genau aussehen, wird derzeit geplant.

Alle müssen ins gleiche Boot

Werfen wir einen Blick in die Kernstadt. In Rudersberg ist es Ihnen gelungen, das Weihnachtsdorf zu einem überregional strahlenden Markenzeichen zu machen. Ist das mit dem Nikolausmarkt auch möglich?
Dafür müssen alle ins Boot, auch die beiden Werbe­gemeinschaften „Faszination Altstadt“ und „Wir sind Eltingen“. Eine ­Variante könnte sein, den Nikolausmarkt an allen vier Adventswochenenden zu ­öffnen und nicht nur an einem. Das funktioniert in Rudersberg sehr gut.
Viele Menschen brennt das Thema Sauberkeit in der Stadt unter den Nägeln.
Neben der eigentlichen Sauberkeit können mehr Grün und Blumenbeete einem schöneren Stadtbild dienen. Hier wird sich unser Baubetriebshof engagieren.
Was passiert mit dem Reiterstadion?
Das Reiterstadion ist seit 1959 ein zentraler Ort des Pferdemarkts. Aber wir brauchen ein Konzept für eine ganzjährige Nutzung über den Pferdemarkt hinaus. Im Winter könnte ich mir dort eine Eisbahn mit Glühweinausschank vorstellen, im Sommer vielleicht eine Boulebahn oder Reiter­vorführungen. Wichtig ist, dass wir dabei die Anwohner mitnehmen.
Sie sind für den Erhalt der Schuhfabrik.
Die Schuhfabrik gehört zum Stadtbild. Ein Abriss zugunsten eines Wohnhauses würde die Gesamtproblematik des bezahlbaren Wohnraums nicht lösen.
Sie bekommen selbst gerade den schwierigen Immobilienmarkt zu spüren.
Ich möchte, wie ich es gesagt habe, nach Leonberg ziehen. Aber dafür muss ich erst einmal mein jetziges Haus verkaufen. Einen doppelten Haushalt möchte ich mir nicht leisten. Der Zeitdruck ist nicht so groß, weil ich hier eine Übernachtungsmöglichkeit habe.
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