Interview mit Jan Hambach B 464: „Ein Ausbau zieht nur noch mehr Verkehr an“

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Gefährliche Strecke und viel befahren: Die B 464 bei Sindelfingen. Foto: factum/Simon Granville

Renningen - Um die Unfallgefahr auf der Bundesstraße 464 zu senken, fordern der Böblinger Landrat Roland Bernhard und der CDU-Bundestagsabgeordnete Marc Biadacz den vierspurigen Ausbau zwischen Sindelfingen-Maichingen und Renningen. Selbst Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält das für denkbar. Aber die SPD hat andere Ideen, wie Jan Sascha Hambach (25) von der Kreistagsfraktion erklärt.

Herr Hambach, was haben Sie denn gegen den Ausbau der B 464?

Die Idee hat eine lange Vorgeschichte. Schon vor 30, 40 Jahren wurde diskutiert, eine Verbindungsautobahn zwischen der A 81 und der A 8 zu bauen. Der Vorschlag wurde damals abgelehnt. Wenn die B 464 durchgehend vierspurig wird, wäre es genau eine solche Ersatzautobahn. Ein Ausbau führt doch auch nur dazu, dass die Straße mehr Verkehr anzieht. Dadurch ist nichts gewonnen.

Aber was ist mit der Sicherheit, die als Argument angeführt wird, um die vielen Unfälle zu vermeiden?

Da muss man ehrlich sein: Wenn der Ausbau jetzt beschlossen wird, dauert es bis zur Umsetzung mindestens zehn, wahrscheinlich eher 20 Jahre. Im Moment bringt der Vorschlag also gar nichts. Ich habe das Gefühl, dass die Sicherheit einen Deckmantel liefert für diejenigen, die schon immer die Vierspurigkeit wollten. Es gibt andere Möglichkeiten, die Sicherheit zu erhöhen – durch Überholverbote, Geschwindigkeitskon­trollen und die Verstärkung der Mittellinie, die beim Überfahren ein Signal abgibt. Das ist hilfreich, wenn der Fahrer am Handy hantiert. Außerdem ist doch fraglich, ob das Individualverkehrsaufkommen in zehn Jahren überhaupt noch sein wird, wie es heute ist.

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Glauben Sie ernsthaft, dass die Menschen weniger Auto fahren?

Wenn ich mir meine Generation anschaue, dann ja. Ich habe vor Kurzem auch mein Auto verkauft, weil der öffentliche Nahverkehr immer besser wird. Viele machen gar keinen Führerschein mehr.

Was schlagen Sie also vor?

Statt der B 464 den Nahverkehr ausbauen, zuverlässiger machen und die Ticketpreise senken. Im Kreistag hat die CDU gemeinsam mit den Freien Wählern und der AfD im Herbst erst wieder für eine Erhöhung der Ticketpreise gestimmt. Jetzt will Marc Biadacz ein Vielfaches davon für die Bundesstraße ausgeben. Man muss andere Prioritäten setzen.

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Die da wären?

Die Taktverdichtung bei der S-Bahn ist eine super Sache. Der Ausbau der Schienenverbindungen nach Nagold und die Überlegungen für eine Stadtbahnverlängerung von Gerlingen nach Leonberg finde ich ebenfalls sehr gut. Dann fahren weniger Menschen mit ihren Autos durch den Kreis Böblingen. Wo es keinen S-Bahn-Anschluss gibt, sollten entweder die Bustakte erhöht werden oder Bussysteme eingeführt werden, die den individuellen Bedarf abdecken. Dazu bestehen bereits Pilotprojekte mit kleinen Busshuttles wie etwa von Bosch, die heute noch mit Fahrer, später autonom die Menschen dort abholen, wo sie sind – in Schorndorf zum Beispiel und bei der Stuttgarter SSB. Solche Angebote würden das Bedürfnis nach dem eigenen Auto stark senken.

Auch im Autokreis Böblingen?

Vielleicht wird die Quote der Autobesitzer hier immer größer sein als anderswo. Aber wir können die Augen nicht vor den Entwicklungen verschließen und einfach sagen: Wir verkaufen seit 70 Jahren Autos – und wollen sie auch noch in 120 Jahren wie heute verkaufen. Wir müssen mit der Entwicklung Schritt halten und sie aktiv steuern. Der vierspurige Ausbau der B 464 ist in jedem Fall das falsche Signal – auch was den Klimaschutz angeht.

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