Insektenfreundliche Kommune Weissach lässt das Gras wachsen

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Zufrieden mit dem Wachstum: Bauhof-Leiter Frank Daucher und Kollege Marco Schleiß. Foto: Jürgen Bach

Weissach - Hier entsteht eine insektenfreundliche Blühfläche“, verkündet ein Schild unweit des Weissacher Bauhofs in Flacht. Wer einen Blick auf die Wiese dahinter wirft, sieht aber schnell: Viel entstehen muss hier nicht mehr. Die Grünfläche ist übersäht von rotem Mohn und blauen Kornblumen, dazwischen blitzt es in gelb und weiß hervor. Überall brummt und summt es, Bienen und andere Insekten schwirren zwischen den langen Gräsern umher.

Angelegt haben die insektenfreundliche Blühfläche die Mitarbeiter des Bauhofs. Seit rund einem Jahr ist Weissach eine von fünf sogenannten Leader-Kommunen im Landkreis Böblingen, die in einer Kooperation mit dem Landschaftserhaltungsverband (LEV) des Kreises zur insektenfreundlichen Kommune werden sollen. Die Projektkoordination übernimmt der LEV, außerdem gibt es fachliche Unterstützung. Umgesetzt werden die Maßnahmen vor Ort von der Gemeinde und vom Bauhof.

Zahl der Insektenarten geht zurück

Maßnahmen, das waren im ersten Jahr besonders: das Anlegen von Blühflächen wie die am Flachter Bauhof. Auch an der Verbindungsstraße zwischen Flacht und Weissach und vor dem Rathaus blüht es gerade. Knapp 2000 Quadratmeter Blühfläche wurden in der Gemeinde Weissach bisher insgesamt angelegt. Außerdem wurden drei Insektenhotels aufgestellt, auch an der Blumenwiese am Bauhof.

Nötig ist der Insektenschutz, weil sowohl die Anzahl der Arten, als auch die Zahl der Insekten in vielen Regionen Deutschlands seit Jahren zurückgeht – so sind etwa die Hälfte der knapp 600 heimischen Wildbienenarten inzwischen gefährdet. Das hat Auswirkungen auf das Ökosystem, denn Insekten sind nicht nur wichtige Bestäuber, sondern auch Teil der Nahrungskette, etwa bei Vögeln. Ein Grund für den Rückgang: Der Verlust von geeignetem Lebensraum. Insektenfreundliche Landschaftsgestaltung wie in Weissach soll helfen, diesen zu schaffen.

Der Boden macht’s

Mit der Entwicklung der Blühflächen ist man in Weissach generell zufrieden. „Als eine von fünf Pilot-Kommunen konnten wir mit wenig Aufwand und fachlicher Unterstützung unsere Flächen sowohl optisch aufwerten als auch einen Beitrag für mehr Artenvielfalt leisten“, resümiert Bürgermeister Daniel Töpfer nach dem ersten Projektjahr. Auch die Bauhofmitarbeiter sind glücklich mit der Arbeit. „Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich hier stehe“, sagt Bauhofmitarbeiter Marco Schleiß, Verantwortlicher für die Blühflächen mit Blick auf die Blumenwiese. An der Blumenpracht erfreut sich auch Bauhof-Leiter Frank Daucher: „Es muss ja nicht immer alles wie im Park runtergemäht sein.“

Trotzdem: Luft nach oben gibt es noch reichlich. Um sowohl bestehende als auch zukünftige Blühflächen optimal nutzen zu können, haben sich die Mitarbeiter von Bauhof und LEV sowie ein Biodiversitätsexperte jüngst zum Rundgang durch Weissach getroffen. Rund 50 bis 60 Blüten- und Gräsersorten waren in dem Saatmix, mit dem man die Blühflächen bisher angelegt habe. „Stellenweise haben aber nur drei oder vier dieser Sorten geblüht“, berichtet Marco Schleiß. Das liegt laut dem Bauhofmitarbeiter auch an den örtlichen Gegebenheiten, etwa dem Boden. „Wir probieren viel aus und schauen, wo was auf unserem speziellen Boden gut wächst.“

Im No-Mow-May wird nicht gemäht

Aus dem Rundgang außerdem mitgenommen haben die Daucher und Schleiß ein neues Mähkonzept. Denn: Im ersten Projektjahr wurden viele Blühflächen neu ausgesät. Das soll bald nur noch Stellenweise passieren, etwa durch das Pflanzen einzelner Knollen. Stattdessen wollen die Bauhof-Mitarbeiter bei den für das Projekt ausgeschriebenen Flächen nach dem „No-Mow-May“-Prinzip handeln. Das bedeutet: Wachsen lassen. Vor Mai wird nicht gemäht, um Bienen und Insekten ihren Lebensraum zu lassen. „Zwischen Februar und Juni schlüpfen die meisten Insekten“, erklärt Daucher. Irgendwann, so wünscht sich es sich der Bauhofleiter, soll dann nur noch ein bis zweimal im Jahr gemäht werden.

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Übrigens auch nicht über den Winter – auch wenn das, gesteht Daucher, schlecht aussieht. „Aber es hat seine Gründe.“ Stattdessen müsse man die Bewohner mehr sensibilisieren, betont sein Kollege Schleiß. Um die Bürgerinnen und Bürger Weissachs an die stellenweise hüfthohe Vegetation zu gewöhnen, wollen die Bauhof-Mitarbeiter bald sogenannte „Akzeptanzstreifen“ schaffen. Dabei werden ein bis zwei Meter breite Streifen am Rand der Blühfläche wie gewohnt kurz gemäht. „Damit sehen die Menschen, dass hier auch was gemacht wird“, sagt Schleiß. „Und es hängt nichts auf den Bürgersteig.“

Im Herbst geht es weiter

Insgesamt sollen die Blühflächen im zweiten Projektjahr auf 5000 Quadratmeter erweitert werden. Für den Herbst ist etwa an die Aufwertung der Blühfläche in der Bahnhofstraße gedacht, und auch im Oberen Ettlesberg soll es künftig mehr blühen. Zudem überlegen Bauhof und Stadtverwaltung, ob ein Biodiversitätspfad entlang der Blühflächen entstehen soll. „Schritt für Schritt“, ist die Devise des Bauhof-Leiters Daucher. „Wir schaffen uns nach und nach das nötige Wissen an“, erklärt er. Umdenken müssten jetzt alle, sowohl die Weissacher, als auch die Bauhofmitarbeiter. Das Ziel ist erreicht, so Daucher, wenn die Weissacher in fünf bis sieben Jahren sagen können: „Jawoll, wir haben wieder artenreiche Wiesen.“

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