Im Kino: „Emily“ Emma Mackey als wild verliebte Poetin

Von Kathrin Horster
Eine unglückliche Liebe inspiriert Emily Brontë (Emma Mackey) zu ihrem einzigen Roman „Wuthering Heights“ . Foto: Wild Bunch/Michael Wharley

Die Tuberkulose ist eine üble Krankheit. Etliche Opern und Romane verklären die Schwindsucht als vermeintlich romantische Todesform; in der nüchternen Realität des 19. Jahrhunderts aber gab es kein Heilmittel für die von den Bakterien verwüsteten Organe. Also mussten sich die Zeitgenossen beeilen, um aus der eigenen, zeitlich stark begrenzten Existenz das Maximum an Leben herauszuholen.

Genau das hat die mit nur 30 Jahren gestorbene britische Autorin Emily Brontë versucht – so jedenfalls erzählt es die Schauspielerin Frances O’Connor in ihrem empathischen Regiedebüt „Emily“. Ein Jahr vor ihrem Tod veröffentlichte Brontë 1847 ihren einzigen Roman „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“). Heute ein Klassiker, galt das unter männlichem Pseudonym veröffentlichte Werk als harter Tobak, den man einer weiblichen Urheberin weder zugetraut noch zugestanden hätte. Eine starke Leistung also für eine Frau in dieser Zeit.

Über Emily Brontës reales Leben ist wenig bekannt

„Wie hast du ‚Wuthering Heights‘ geschrieben?“, bedrängt Charlotte Brontë (Alexandra Dowling) ihre sterbende Schwester zu Beginn von O’Connors Erzählung. „Ich habe eine Feder und ein Blatt Papier genommen“, antwortet matt hustend Emily (Emma Mackey, bekannt aus der Netflix-Serie „Sex Education“). Doch die eifersüchtige Charlotte gibt sich damit nicht zufrieden. In einer langen Rückblende entrollt O’Connor nun die Bedingungen, die Emily befähigt haben könnten, „Wuthering Heights“ zu schreiben.

Das Interessante an diesem Biopic: Anstatt sich entlang historischer Fakten zu hangeln, verquickt O’Connor Motive der Lebensgeschichte Emily Brontës mit Elementen aus Werken der Brontë-Schwestern zu einer modernen Neudichtung der Historie. Denn außer ein paar Eckdaten und verklärenden Erzählungen aus zweiter Hand ist wenig über Emilys echtes Leben bekannt.

Emily ist scheu und introvertiert

Verbürgt ist, das Emily mit den Schwestern Anne (Amelia Gething) und Charlotte sowie dem Bruder Branwell (Fionn Whitehead, „Dunkirk“) als Tochter des früh verwitweten Pfarrers Patrick Brontë (Adrian Dunbar) aufwächst. In flotten, elliptischen Szenen entwirft Frances O’Connor ein Familienleben, das immerhin von guter Bildung bestimmt ist, aber auch von morbider Trauer um die Mutter, von Strenge und der Rivalität der fast erwachsenen Kinder um die väterliche Aufmerksamkeit.

Während Charlotte vom Vater aufgrund ihrer Fügsamkeit besonders geschätzt wird, tun sich Emily und ihr freigeistiger Bruder Branwell schwer, den Wünschen des Vaters zu entsprechen. Emily erweist sich als zu scheu und introvertiert, um mit ihrer Schwester an einem Mädchenpensionat zu lernen und später als Lehrerin zu unterrichten. Branwell wirft sein Kunststudium hin, konsumiert Alkohol und Opium und versucht sich als Dichter – schon als Kinder hatten die Geschwister gemeinsam Geschichten entwickelt. Diese Leidenschaft lässt sie auch als Erwachsene nicht los, aber sie steht nicht im Einklang mit den sozialen Erwartungen und Konventionen der Zeit.

Eine Frau im Korsett religiöser und sozialer Standards

Dass Emily eine heftige Affäre mit vorehelichem Sex unterhielt, ist allerdings pure Erfindung. Im fiktiven Plot wird die Liebe zum Vikar William Weightman (Oliver Jackson-Cohen) jedoch zum Dreh- und Angelpunkt für Emilys Entwicklung als Schriftstellerin, was sich unter O’Connors einfühlsamer Regie als kluger Kunstgriff erweist. Denn viel weniger als eine verbriefte historische Persönlichkeit porträtiert O’Connor eine Frau als Typus, die in einer von strikten religiösen und sozialen Standards bestimmten Ära eine eigenständige Position bezieht, auch in ihrer Beziehung zu einem Mann.

Im Film ist das sogar witzig: Als der neue Pfarrer Weightman in seinen Predigten von Gottes Gegenwart in Regentropfen schwärmt, kontert Emily keck, wie Gott sich denn in jeden einzelnen Tropfen quetschen könne, noch dazu, ohne nass zu werden. Die Skepsis gegen den Vikar überwindet Emily ausgerechnet in Französischlektionen, die ihr der Vater verordnet hat – und schließlich auch im Bett, was O’Connor weitestgehend kitsch- und klischeebefreit erzählt. Dass der Romanze kein glückliches Ende beschieden ist, hängt dann nicht nur an Williams mangelnder Courage, sich für eine ihm intellektuell ebenbürtige Frau zu entscheiden. Für das Werden der Dichterin von „Wuthering Heights“ aber, so sieht es O’Connor, ist genau dieser Verlust die notwendige Bedingung.

Wer weiß schon, ob Emily in einer anderen Realität nicht das lange, erfüllte Leben einer Lehrerin dem romantischen Tod der einsamen Schriftstellerin vorgezogen hätte.

Emily. GB 2022. Regie: Frances O’Connor. Mit Emma Mackey, Fionn Whitehead, Oliver Jackson-Cohen. 130 Minuten. Ab 12 Jahren.

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