Hochwasserschutz im Kreis Ludwigsburg Die Fluten sind nur provisorisch gebannt

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Die Schäden, die das Unwetter angerichtet hat, gingen in die Millionen. Allein in Ditzingen, wo das Foto entstand, war von 20 Millionen Euro die Rede. Foto: factum/Andreas Weise

Kreis Ludwigsburg - Wenn es nachts sehr stark regnet, schläft der Ditzinger Oberbürgermeister schlecht. Die Wassermassen, welche 2010 mehrere Orte entlang der Glems fluteten, haben sich ins Gedächtnis von Michael Makurath eingebrannt. Um sich fortan zu schützen, schufen acht Kommunen ein zu diesem Zeitpunkt landesweit einmaliges Projekt. Doch der größte Schutz, ein Bauwerk nahe der Autobahn, ist noch immer nicht errichtet, er wird es auch am Jahrestag im Sommer nicht sein. Erst stritten die Beteiligten über die Finanzierung, nun sind seit einiger Zeit die Genehmigungsbehörden am Zug. Vor wenigen Tagen befassten sich die Stadträte abermals damit. Gut möglich, dass nicht nur Makurath bei heftigem Regen schlecht schläft. Ein Überblick.

Das Unwetter

Nach einer mehrtägigen Hitzewelle geht am 4. Juli 2010 ein Unwetter über der Region nieder. Der südliche Landkreis Ludwigsburg ist an diesem Sonntag besonders von dem mehrstündigen Starkregen betroffen. Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rotem Kreuz sind stundenlang im Einsatz. Unterstützt werden sie dabei vom Technischen Hilfswerk. Die Glems ist „beispiellos schnell“ angestiegen, heißt es in Schwieberdingen über das gewöhnlich vor sich hin plätschernde Gewässer.

Am Messpunkt Talhausen steigt die Glems binnen kürzester Zeit um 1,80 Meter auf 2,10 Meter an. Die Kanalisation kapituliert: Privathaushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen werden geflutet und zerstört. In Ditzingen steht das Wasser in Sporthalle und Schulzentrum bis zu drei Meter hoch. Auch das mit Stuttgart und Gerlingen gemeinsam betriebene Klärwerk läuft über. Die Sachschäden gehen in die Millionen, allein in Ditzingen ist von 20 Millionen die Rede.

Die Folgen beeinträchtigten zum Teil über Monate hinweg das Leben in den Orten: In Ditzingen fällt viel Schulunterricht aus, für die Betreuung der Kindergartenkinder wird ein Notbetrieb eingerichtet. Bürger, die entlang der Glems leben, werfen dem Landrat vor, keinen Katastrophenalarm ausgelöst zu haben. Dann wären Kosten wie etwa die Entsorgung aus privaten Kellern vom Staat übernommen worden. Der Landrat widerspricht: Die Voraussetzungen für einen Katastrophenalarm seien nicht gegeben gewesen.

Die Betroffenen

Die Leidtragenden sind acht Kommunen in drei Kreisen: Ditzingen, Gerlingen, Hemmingen, Korntal-Münchingen, Markgröningen, Schwieberdingen. Leonberg und Stuttgart schließen sich zusammen, um die Hochwassergefahr einzudämmen. Für das Projekt, das den Beteiligten zufolge bundesweit Modellcharakter hat, wird eine interaktive Gefahrenkarte erstellt. Sie simuliert den Abfluss des Oberflächenwassers und zeigt auf, welche Bereiche und Gebäude bei Hochwasser betroffen sind, etwa weil sie in einer Senke liegen.

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Auf Basis der Gefahrenkarten werden daraufhin interkommunale Alarmpläne abgestimmt. Doch offenbar bleibt manches Theorie: Das Hochwasser rückt mit immer größerem zeitlichen Abstand in den Hintergrund. Im vergangenen Sommer verordneten sich die Kommunen deshalb ein Arbeitsprogramm. Dabei geht es vor allem darum, Theorie und Wissen – etwa aus inzwischen vorliegenden digitalen Daten zu Pegelständen – in die Praxis umzusetzen. Die Kommunen erhalten Checklisten, wie untereinander zu kommunizieren ist. 2020 wollen sie Bilanz ziehen. Unklar ist, ob das vor oder nach dem Jahrestag im Juli geschehen soll.

Die Konsequenzen

Ditzingen erhöhte nach dem Unwetter den Druck zum Bau eines Schutzbauwerks im Scheffzental. Die Pläne für das viereinhalb Meter hohe Stauwerk lagen damals bereits in der Schublade. Der Bau war aber bis zu diesem Zeitpunkt an der Verteilung der Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro unter den beteiligten Kommunen Ditzingen, Gerlingen und Stuttgart gescheitert. Der Bau hätte wenigstens zeitweise 57 000 Kubikmeter Wasser zurückhalten können. „Bei den Schäden durch das Hochwasser wird klar, dass das Geld sehr gut angelegt gewesen wäre“, sagte Michael Makurath (parteilos).

Der Bau ist immer noch nicht errichtet. „Aktuell läuft das Planfeststellungsverfahren. Wir rechnen mit etwa einem Dreivierteljahr“, teilt die Ditzinger Stadtverwaltung, der Sitz des Zweckverbands, mit. Damit wäre zunächst Baurecht geschaffen. „Baubeginn wäre dann 2021“, heißt es aus Ditzingen mit Verweis auf die jüngste Sitzung des Zweckverbands.

Auch die Bürger werden erst nach dem Hochwasser aktiv, treffen Vorsorge, fordern aber auch Schutz von den Verwaltungen ein. Davon ist wenig geblieben. Nach zehn Jahren erkundigt sich etwa in Ditzingen nur noch eine Bürgerin regelmäßig öffentlich nach dem Stand der Planungen.

Die Beteiligung

Das Scheffzental ist ein mehrere Hektar großes Landschaftsschutzgebiet auf Ditzinger Gemarkung zwischen Stuttgart-Hausen und Ditzingen. Weil sich dort auch Oberflächenwasser von Gerlingen sammelt, ist die Stadt an Bau und Unterhalt des Bauwerks beteiligt. Gerlingen trägt die Hälfte, Stuttgart rund ein Drittel.

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