Hilfe für Ida Baustelle der Menschlichkeit und Solidarität

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Ida und Mutter Rebecca Rentschler freuen sich über den Anbau, der bereits der Lieblingsplatz der Elfjährigen ist. Foto: factum/Simon Granville

Rutesheim - Jedes Mal bekomme ich Gänsehaut, wenn ich sehe, was da in unserem Nachbarort Perouse über die Bühne geht“, sagt Frank Bauer. Dabei ist der Vorsitzende des Flachter Vereins „Helfen mit Herz“ selbst „Schuld“ an allem. Denn er und sein Team haben die ganze Sache angezettelt. Dabei haben sie eine immense Welle aus Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität losgetreten, die in eine beispiellosen Aktion gemündet hat.

Die elfjährige Ida Rentschler, ihre Eltern Rebecca und Sven und ihr Bruder Hans sind dankbar, obwohl ihr Haus über viele Monate eine Baustelle gewesen ist. Viele Helfer haben sie zu etwas Besonderem gemacht. Sie stehen für das Gute im Menschen, für Anteilnahme, für die Verbundenheit über die Perouser Dorfgemeinschaft hinaus mit der Familie Rentschler und ihrer schwerkranken Tochter.

Die Elfjährige aus dem Waldenserort braucht viel Pflege und dafür war das Elternhaus baulich nicht ausgestattet. Menschen, von denen sich vorher viele nicht kannten, hat in kurzer Zeit etwas zusammengeschweißt: Das Schicksal eines Kindes, das sich willensstark ins Leben zurückkämpft. Idas Leidensweg begann im Alter von sechs Monaten. Zuerst in den Augen, dann in der Nase und den Ohren gab es Zellwucherungen, sogenannte Granulome, die operativ entfernt werden müssen. Mehr als 20 große Operationen und etwa 300 ambulante Termine in verschiedenen Abteilungen der Universitätsklinik Tübingen hat sie hinter sich.

Der lange Leidensweg eines Kindes

Im Juni 2018 führte ein nicht erkanntes Granulom in ihrer Luftröhre dazu, dass sich das Leben von Ida und der ganzen Familie grundlegend veränderte. Sie ist völlig unerwartet daran erstickt. Nach 15 Minuten konnte Ida erfolgreich reanimiert werden. Es folgten Wochen im Koma auf der Intensivstation des „Olgäle“ in Stuttgart. Die ersten Aussagen der Ärzte waren niederschmetternd: Große Teile des Gehirns sind irreparabel geschädigt.

Nahezu ein Jahr lang war Ida in einem Rehazentrum am Bodensee und kämpfte sich mit immenser Kraft und Geduld ins Leben zurück. Sie spricht mittlerweile wieder gut, koordiniert ihre Arme und Hände und geht erste Schritte. Allerdings liegt noch ein langer Weg vor ihr. Sie besucht eine Förderschule in Sindelfingen. „Zu ihrem Bedauern geht das jetzt wegen Corona nicht“, sagt die Mutter.

Der Verein „Helfen mit Herz“ wurde auf das Schicksal der Familie aufmerksam. „Wir haben gehört, dass das Haus grundlegen umgebaut werden muss und haben bei unserem traditionellen Car-Wash-Day, bei dem wir Geld für karitative Aktionen erwirtschaften, eine Liste ausgehängt – wer kann aushelfen – und womit “, sagt Frank Bauer im Rückblick. Die sei dann sehr schnell sehr lang geworden. So hat der Verein die Federführung der Aktion „Hausumbau“ übernommen, für die ein Architekt Kosten in Höhe von 136 000 Euro errechnet hat – was die Eltern finanziell nicht stemmen konnten.

Im Herbst 2019 wurde das Badezimmer so umgebaut, dass es auch Ida in ihrem Rollstuhl nutzen kann. „Es ist erstaunlich, wie viele gekommen sind, um zu helfen – auch wildfremde Menschen, die wir vorher nicht gekannt haben“, sagt Rebecca Rentschler ergriffen. Spontan fallen ihr Ulrich Schenk, der für Perouse im Rutesheimer Stadtrat sitzt, oder die beiden Handballer Lars und Tobias vom SV Leonberg/Eltingen ein. Oder die Eltern der Mitschüler von Hans. Besonders dankbar ist sie Angela Schenkel. Die Chefin eines Flachter Fliesenfachbetriebes hatte die kompletten Fliesenarbeiten inklusive Material übernommen.

Eine Kette der Solidarität

Die Welle der Hilfsbereitschaft ging weiter, denn mit dem neuen Badezimmer war es nicht getan. In einem Anbau musste ein zusätzliches Zimmer entstehen, denn es wird Platz für das Krankenbett und die medizinischen Geräte benötigt. „Dank großzügiger Handwerker aus dem Umland und der vielen Helfer konnten wir es mit knapp 40 000 Euro schaffen“, sagt Frank Bauer zufrieden. „Es ist eine Kette der Solidarität gewesen“, sagt er und macht es am Beispiel der Weissacher Holzbaufirma von Steffen Lautenschlager deutlich, der den Großteil des Anbaus geliefert hat. Darauf angesprochen, hätte bereits der Holzlieferant den Preis klein gehalten, die Mitarbeiter hätten sich die Stunden nicht bezahlen lassen und alle haben beim Aufbau Hand angelegt. „Oder da stand eines Tages ein Unternehmer mit einem Bagger da, der gehört hatte, dass Hilfe benötigt wird – dem mussten wir erst einmal erklären, um was es ging“, schildert Bauer.

Viele der Helfer haben sich jetzt am Wochenende eingefunden beim „Tag des offenen Hauses“, den Rebecca und Sven Rentschler veranstaltet haben, um das fertige Haus zu zeigen. Idas Onkel Georg Haupert, der Bruder der Mutter, ist vom Fach und hat den Umbau koordiniert.

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„Es tut gut, wenn man nicht allein gelassen wird“, sagt Rebecca Rentschler immer wieder. Landschaftsbauer Hans Jörg Stellmacher aus Korntal, der von der Aktion über die Leonberger Kreiszeitung erfahren und die Außenanlagen gestaltet hat, spricht allen aus dem Herzen, als er sagt: „Man nimmt viel, viel Menschlichkeit bei einer solchen Zusammenarbeit mit. Und es macht bescheiden.“

Um die Finanzierung macht sich Frank Bauer keine Sorgen. Beim Car-Wash-Day hat der Verein 5000 Euro erwirtschaftet, ferner 2500 Euro an Spenden bekommen. Der Magier Thorsten Strothman hat zum Zehnjährigen seiner Magic Lounge um Spenden, statt Geschenken gebeten – das brachte 7000 Euro. Und nicht zuletzt unterstützt „Lichtblicke“, die Hilfsaktion der Leonberger Kreiszeitung und ihrer Leser, das Vorhaben mit 20 000 Euro.

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