Hermann-Hesse-Bahn Eine Kammer für die Fledermäuse

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Das streng geschützte Graue Langohr ist eines von 5000 Fledermäusen, die in den Tunneln leben. Foto: Stock.Adobe

Calw - Renate Fischer steht etwas abseits und lächelt. „Ich hab immer daran geglaubt, dass wir das hinbekommen“, sagt sie und ist erleichtert – so, wie alle Beteiligten an diesem Montagmorgen im Nordschwarzwald, vor dem Eingang zum historischen Hirsauer Tunnel.

Eigentlich sollte genau hier, durch den Bahntunnel, schon seit Ende 2018 die Hermann-Hesse-Bahn fahren und Calw mit Renningen verbinden. Dass dies immer noch nicht der Fall ist, liegt an politischem Streit mit der Region Stuttgart, und an vielen Fledermäusen, die in den Tunneln leben. Renate Fischer, der Calwer Ortsvorsitzenden des Naturschutzbundes Nabu, war schon lange klar, dass es dabei Konflikte geben könnte. Unterstützung holte sie sich beim Nabu-Landesvorstand in Stuttgart, der schließlich Klage beim Verwaltungsgerichtshof Mannheim einlegte.

Dieser Streit ist jetzt beigelegt. Der Verkehrsminister ist am Montag zur großen Einigung gekommen, der Calwer Landrat und auch der Nabu-Landesvorsitzende. Alle strahlen mit der Sonne um die Wette. „Das ist ein historischer Tag für den Kreis Calw – und auch für Baden-Württemberg“, frohlockt Winfried Hermann (Grüne). Die Einigung mit dem Naturschutzbund zeige, dass moderne Verkehrspolitik und Artenschutz kein Widersprich seien, erklärt der Minister. Damit werde eine dringend notwendige Bahnverbindung nach Stuttgart endlich ermöglicht, sagt auch der Calwer Landrat Helmut Riegger (CDU).

„International bedeutsames Winterquartier für bedrohte Fledermäuse“

Die Ursache des Streits: Wenn die Hesse-Bahn einmal von Calw aus nach Renningen pendelt, dann durchquert sie unter anderem den Hirsauer Tunnel und den Forsttunnel, die beide aus dem Jahr 1872 stammen. Im Sommer 2016 hatte der Nabu eigens einen Gutachter beauftragt und nachgewiesen, dass in den historischen Tunneln bis zu 5000 Fledermäuse leben, darunter das vom Aussterben bedrohte Graue Langohr, die Mopsfledermaus und die stark gefährdete Bechsteinfledermaus. Ein „international bedeutsames Winterquartier für bedrohte Fledermäuse“ sei das, erklärte der Nabu damals.

Im Calwer Landratsamt hatte man die Zahl der Fledermäuse weit niedriger angesetzt und wollte das Problem lösen, indem man in alten Kellern Ersatzquartiere schafft. Fledermäuse lassen sich aber nicht umquartieren, entgegnete der Nabu und reichte die Klage ein.

Seitdem ruhte das Projekt Hesse-Bahn weitgehend. Dem Landesverkehrsminister Winfried Hermann behagte es währenddessen gar nicht, dass die bislang einzige Bahn-Reaktivierung in seiner Amtszeit wegen des Artenschutzes zu scheitern drohte. Im März 2017 rief er alle Beteiligten zu sich nach Stuttgart und übte eine Art leichten Einigungsdruck aus.

Seitdem tüftelten Fachleute an der Lösung, die Hermann und Riegger jetzt präsentierten: die sogenannte Kammerlösung. Die alten Tunnel werden mit einer Stahlwand in zwei Bereiche geteilt. Durch eine der Kammern fahren die Züge, in der anderen Kammer leben die Fledermäuse. „Die Stahlwand enthält auch Lärmschutzelemente, die Druck, Schall und Abgase der Züge abhalten“, erklärt Michael Stierle, der Geschäftsführer des Zweckverbands Hesse-Bahn.

Lösung von weltweiter Bedeutung

Die Lösung sei von weltweiter Bedeutung, meint gar Johannes Enssle, der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes: „Wenn es funktioniert, werden Heerscharen von Planern und Verkehrsexperten hierher kommen und das Kammersystem anschauen.“ Denn den Konflikt von geschützten Tierarten in alten Tunneln gebe es häufig, nicht nur in der Region Calw.

Auch der Calwer Landrat betont das – aber aus einem anderen Grund. Denn wer die zusätzlichen Kammern in den Tunneln bezahlt, ist noch nicht geklärt, gibt Helmut Riegger auf Nachfrage zu.

Finanziell ist die Hesse-Bahn schon jetzt auf Kante genäht. Rund 50 Millionen Euro kostet die Bahn bisher, und mehr dürfen es nicht sein, denn sonst fällt das Projekt aus dem Fördertopf des Landes.

Wenn der Fledermausschutz von weltweitem Modellcharakter sei, dann müsse das auch entsprechend honoriert werden, hieß es immer wieder aus Calw. „Wir werden uns über die Finanzierung einigen“, sagt Hermann dazu. „Das ist eine so gute Lösung, dass wir das auch bei der Suche nach Drittmitteln unterstützen.“

Bleibt die Frage, wann die Reaktivierung der Strecke fertig ist. „In spätestens drei Jahren möchte ich wieder hier stehen und die Strecke eröffnen“, sagt der Calwer Landrat. „Ich freue mich drauf.“

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