Hemminger Politik-Urgestein geht Wolfgang Gerlach: Pragmatisch, praktisch, gut

Von Stefanie Köhler
Wolfgang Gerlach hat mit den Freien Wählern ein Stück Acker aufgewertet. Foto: Jürgen Bach

Seine Abschiedsworte hat er bereits zu Papier gebracht: Wolfgang Gerlach kehrt zum Jahresende dem Gemeinderat den Rücken. Der 76-Jährige sitzt für die Freien Wähler in dem Gremium, das schon im Sommer Ursula Tronich, auch sie von den Freien Wählern, nach 33 Jahren verabschiedet hat. Jetzt also Wolfgang Gerlach, der erst beim zweiten Anlauf anno 1984 gewählt wurde. Um dann 38 Jahre zu bleiben.

Gründe für seinen Rückzug nennt Wolfgang Gerlach mehrere. Sein Alter gehört dazu. Bereits bei der Kommunalwahl 2019 sei für ihn klar gewesen, dass dies seine letzte Amtsperiode ist. Sein Erinnerungsvermögen sei nicht mehr ganz so gut, wie es mal war, gibt Wolfgang Gerlach unumwunden zu, ehe er lacht. Und er fühle, dass mancher im Ort es für an der Zeit halte, dass er Schluss macht. Festgestellt hat er indes, „dass das Feuer nicht mehr ganz so brennt“, die Leidenschaft für das Amt gesunken sei, ihm die Ideen ausgehen würden. „Nun sollen sich die Jüngeren profilieren und einsetzen“, findet Wolfgang Gerlach. Sein Nachfolger Thomas Arendt sei so eine engagierte Person. Gerlach sagt, er fühle sich wie vor 14 Jahren, als er, Lehrer am Hans-Grüninger-Gymnasium in Markgröningen, nach einem „tollen Schuljahr mit weniger Unterrichtsstunden und frei von allen Verwaltungsaufgaben“ in den Ruhestand ging. „Ich bin mit mir im Reinen.“

„Kommunalpolitik muss man lernen“

Zu den Freien Wählern kam Wolfgang Gerlach durch seinen Schwager. Ihm habe die Möglichkeit gefallen, politisch freier zu sein als in anderen Fraktionen. „Ich bin ein bisschen sozial, aber kein Sozi, ebenso wenig bin ich übermäßig konservativ“, sagt der Vater von zwei Söhnen, der seit 50 Jahren in Hemmingen lebt. Gleichwohl: „Kommunalpolitik muss man lernen." Und das hat Wolfgang Gerlach. Bevor er Gemeinderat wurde, stieß er anno 1979 die Gründung des Ortsvereins der Freien Wähler an. Damit wollte er ihnen Struktur geben und sie stärken. Zu wenig Stimmen bekam er bei der Gemeinderatswahl im selben Jahr trotzdem. Das sollte sich erst fünf Jahre später ändern. Den Erfolg erklärt sich Wolfgang Gerlach auch damit, dass er im Ort bekannter und vernetzter war, unter anderem wegen seines jahrzehntelangen ehrenamtlichen Engagements bei der GSV, mit Unterbrechungen bis 2014.

Mehr als 30 Jahre war Wolfgang Gerlach Fraktionschef der Freien Wähler, im Oktober 2020 übergab er an Sabine Waldenmaier. Viele Jahre war er zudem der Stellvertreter des Bürgermeisters. Ihm sei wichtig gewesen, Hemmingen weiterzuentwickeln, vor allem die Innenbereiche. Außenentwicklung solle „eher zurückhaltend“ betrieben werden. Nicht alles, was ihm und seiner Fraktion vorschwebte, setzte der Gemeinderat auch um. Genug allerdings, um den 76-Jährigen zufrieden zurückblicken zu lassen. Zu seinen Erfolgen zähle er die Beschlüsse zur Realisierung des historischen Ortsrundgangs „und aktuell den Lärmaktionsplan, der unter anderem dafür sorgen soll, dass die Geschwindigkeit auf der Heimerdinger, der Neuen Schöckinger und hoffentlich bald auch in der Hochdorfer Straße und der Eisgasse reduziert wird“. Auch habe er sich dafür eingesetzt, dass der Friedhof modern umgestaltet wird, der Freizeitplatz für alle etwas bietet und kein reiner Jugendplatz wird oder sich das Bauamt mehr um den Gebäudebestand kümmert. Dagegen wurde sein Vorstoß, dass die Gemeinde ihre Beteiligung am Clubhaus der GSV zurücknimmt, bisher nicht erfüllt. Womit er aber gut leben kann. „Ich bin pragmatischer geworden“, stellt Wolfgang Gerlach fest: Bei manchen Vorhaben sei Geduld nötig – und manche werden eben nichts. „Dann ist das halt so.“

Bank wird häufig genutzt

Trotzdem, was Wolfgang Gerlach „noch immer sehr ärgert“, wie er sagt: der Streit über den Umgang mit der Gemeinschaftskasse des Gemeinderats und konkret das Verhalten, die Vorwürfe der SPD. Er selbst habe immer versucht, mit den Menschen um sich herum gut auszukommen. Pflege man einen ordentlichen Umgang, kriege man das zurück. Damit sei er gut gefahren, auch schon als Lehrer, und so sei er auch mit den Bürgermeistern Werner Nafz (Freie Wähler) und Thomas Schäfer (CDU) stets gut zurechtgekommen.

600 Meter entfernt vom Haus der Gerlachs haben die Freien Wähler ein Stück Acker aufgewertet, mit Bäumen, Büschen – und einer Bank, die Google Maps als „Geheimnisvolle Bank“ kennt. „Viele Leute nutzen die Bank, weil man einen tollen Blick auf Hemmingen hat“, so Gerlach, der dort selbst gern Zeit verbringt. Und Hemmingen generell mag, zuvor lebte er in Renningen. „Wir haben Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Physiopraxen, Friseure, Gastronomie, einen sehr guten ÖPNV und ein funktionierendes Vereinsleben.“ Neben der Kinderbetreuung sei aber auch die Versorgung der alten Menschen wichtig, betont Wolfgang Gerlach.

Auch künftig hat Wolfgang Gerlach zu tun

Dem wohl auch künftig nicht langweilig wird. Dem Ortsverein der Freien Wähler will er treu bleiben, sich aber nicht einmischen. „Sondern mich äußern, wenn mir etwas auf den Nägeln brennt oder ich um Rat gefragt werde.“ Er hat sechs Enkel, treibt regelmäßig Sport – und im Haus und Garten gebe es immer was zu tun. Auch will er den Familienstammbaum vervollständigen, er soll auch Verwandte zweiten und dritten Grades berücksichtigen. Die Verwandtschaft seiner Frau habe er abgearbeitet, nun sei seine dran.

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