Hemmingens letzte Hebamme Begleiterin bei Hausgeburten im Bett

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Barbara Jetter hat dafür gesorgt, dass es im Etterhof eine Ausstellung auch über ihre Mutter, die Hebamme Frida Rapp, gibt. Foto: Simon Granville

Bellte in der Nacht der Hund, war die Sache klar. Für Familie Rapps Nachbarn – und für die Familie sowieso. An Schlaf war dann nicht mehr zu denken, für Frida Rapp zumindest, denn solche Situationen kündigten einen neuen Erdenbürger an. Dem die Hebamme auf die Welt verhalf. In Hemmingen, Hochdorf, Heimerdingen und Schwieberdingen. „Unser Hund schlug zuverlässig bei Fremden an“, berichtet Frida Rapps Tochter Barbara Jetter.

Frida Rapp halfen 1200 Kindern in die Welt

Weil die Familie kein Telefon besaß, musste vorbeikommen, wer die Hebamme holen wollte. Gelegentlich wurde sie über die Familie Kläger informiert, in deren Glaserei ein Telefon stand. So oder so: Frida Rapp war ständig auf Abruf und oft unterwegs. „Viele Kinder sind zu später Stunde geboren“, sagt Barbara Jetter. Zwischen 1928 und 1963 brachte ihre Mutter mehr als 1200 Kinder zur Welt. Hausgeburten im Bett waren üblich. Bei Komplikationen zog Frida Rapp einen Arzt hinzu. Waren Schwierigkeiten zu erwarten, gebar die Frau aber in der Klinik.

Barbara Jetter sagt, dass ihre Mutter arbeitete, noch dazu als Hebamme, sei in der damaligen Zeit außergewöhnlich gewesen. „Sie wollte Hebamme werden und hat das gemacht.“ Mit Leib und Seele, mit Ruhe und Gelassenheit habe sie ihren Beruf ausgeübt, nachdem sie mit 21 ihre Ausbildung an der Landeshebammenschule in Stuttgart beendet hatte. „Meine Mutter hatte Kinder immer sehr gern gehabt“, sagt Barbara Jetter. Frida Rapps Mutter starb früh, und so übernahm sie als ältestes Kind die Mutterrolle für ihre sechs Geschwister. Barbara Jetter selbst hat zwölf Schwestern und Brüder. So kam Frida Rapp auf 26 Enkel.

„Bekannt wie ein bunter Hund“

Die Hebamme war außerdem die letzte im Dienst der Gemeinde Hemmingen. Dort waren im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts stets ein bis zwei examinierte Hebammen tätig. Die Kommune zahlte ihnen ein Wartegeld. Von 1839 bis 1963 hat der Gemeinderat die Hebammen angestellt, die Ausbildungs- und Anschaffungskosten übernommen. All das und noch viel mehr, darunter von Frida Rapp (1907 bis 1989) und elf weiteren Hemminger Hebammen, erzählt die Ausstellung „Willkommen im Leben“ im Etterhof. Die Schau rund um die Geschichte der Geburtshilfe entstand auf Barbara Jetters Initiative. Sie steuert neben Erinnerungen zahlreiche Gegenstände wie Arbeitsmittel und Arbeitsgeräte ihrer Mutter bei.

Frida Rapp brachte nicht nur Kinder zur Welt. Sie versorgte die Frauen auch vor und nach der Geburt. Und sie wurde gerufen, wenn zum Beispiel ein Kind erkrankte. Wie eine Kinderärztin. „Meine Mutter war beliebt und hilfsbereit, bekannt wie ein bunter Hund“, erinnert sich Barbara Jetter und lacht. Man habe sie im Ort bewundert für das, was sie geleistet hat, beruflich wie privat. Als Mutter sei Frida Rapp streng gewesen.

Gern gesehener Gast auf Taufen

Die häufige Abwesenheit ihrer Mutter fand Barbara Jetter als Kind nicht immer gut, klar. „Doch es war selbstverständlich.“ Eine Haushaltshilfe unterstützte – Hebammen hatten das Recht, die Hausarbeit liegenzulassen, wenn der Beruf es erforderte. Ebenso war die älteste Tochter mehr eingespannt, als das in anderen Familien der Fall war.

Allerdings brachte der Beruf der Mutter auch Annehmlichkeiten mit sich: Frida Rapp war Gast bei vielen Taufen – „von denen sie gute Kuchen mitbrachte“, sagt Barbara Jetter. Und wenn die Mutter mit dem Zug fuhr – meistens radelte sie – wartete der Schaffner geduldig, wenn er Frida Rapp heraneilen sah. Von deren sieben Töchtern übrigens keine Hebamme wurde. Die Mutter habe abgeraten, angesichts des ständigen Einsatzes.

Hausgeburten jetzt wieder möglich

Cornelia Mewis, geborene Kessler, war eines der letzten Kinder, die mit Frida Rapp das Licht der Welt erblickten. Cornelia Mewis wiederum war eine der ersten Frauen in Hemmingen, die wieder zuhause entbunden haben – was in der Gemeinde und Umgebung von 1996 an die freiberufliche Hebamme Ursula Flagmeier ermöglichte. Ihre Praxis in Hemmingen führt seit 2020 Lorena Hägele.

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