Heimsheim Eine Frau, die ihren Mann steht

Von Elisa Wedekind
Doro Moritz. Foto: Andreas Gorr

Heimsheim - Doro Moritz ist eine echte Schafferin. Ein Bürojob von 8 bis 17 Uhr und danach gemütlich die Beine hochlegen – nein, so ist die Heimsheimerin wahrlich nicht gestrickt. Ihr Job als Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) nimmt sie ganz schön in Anspruch. Meist läuft es auf eine 80-Stunden-Woche hinaus, sagt sie. Außerdem ist Doro Moritz seit vielen Jahren Personalrätin im baden-württembergischen Kultusministerium und sitzt im Rundfunkrat des Südwestrundfunks. Und wenn ihr neben all dem noch Zeit bleibt, dann spielt sie gerne Tennis, trifft sich mit Freunden oder arbeitet in ihrem Garten.

Doro Moritz wirkt ziemlich zufrieden, wie sie so am Esstisch in ihrer offenen Wohnküche sitzt und erzählt. „Ich fühle mich total wohl hier“, sagt die 58-Jährige und meint damit nicht nur das gemütliche Haus, das sie vor ein paar Jahren gekauft und komplett renoviert hat. „Das war eine ganz schöne Bruchbude“, sagt sie. Zusammen mit den Töchtern Lena und Hannah und vielen Freunden hat die Gewerkschaftschefin kräftig angepackt. „Kürzlich habe ich mit Hannah meine erste Holzdecke hochgemacht“, sagt sie und ist dabei schon ein bisschen stolz.

Leben in einer „Mädels-WG“

Dass die erwachsenen Töchter noch zu Hause wohnen, stört sie gar nicht. „Es ist ein bisschen wie in einer Mädels-WG“, sagt sie und lacht. Die dreckige Wäsche räumt sie ihren Kindern aber nicht hinterher und es steht auch nicht jeden Abend ein warmes Essen auf dem Tisch. „Dazu habe ich ja gar keine Zeit“, sagt Doro Moritz und Tochter Lena setzt einen traurigen Blick auf. Dann grinst die 23-Jährige und streicht der Frau Mama kurz über die Hand. „Alles nur Spaß“, sagt sie. „Wir haben schon eine tolle Mutter.“

Die lebt im Übrigen schon seit mehr als 30 Jahren in der Schleglerstadt. Geboren und aufgewachsen in Pforzheim, tritt Doro Moritz nach dem Sport- und Deutschstudium an den Pädagogischen Hochschulen in Ludwigsburg und Heidelberg ihre erste Stelle als Grund- und Hauptschullehrerin an der Ludwig-Uhland-Schule an. Das war 1978. „Ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt und ich will auch nicht weg aus Heimsheim“, sagt die 58-Jährige – und ihre Augen leuchten.

Seit Jahren engagiert sie sich, gestaltet das soziale Leben in ihrer Stadt mit. Als die Töchter noch klein sind, gibt es zu wenig Kindergartenplätze im Ort. Doro Moritz tut sich mit der Spielplatzgruppe Heerstraße zusammen. Sie sammeln Unterschriften für mehr Betreuungsplätze, veranstalten eine Demo beim damaligen Bürgermeister Manfred Pfisterer, während dieser ein Ehepaar traut.

Unrecht kann sie nicht leiden

1995 gründet Doro Moritz den Verein „Initiative für Kinder und Jugendliche Heimsheim“, ist dreizehn Jahre lang Vorsitzende. Auch bei der Lokalen Agenda ist sie dabei, baut das internationale Frauencafé mit auf und setzt sich für die Integration türkischer Frauen in Heimsheim ein. Doro Moritz ist ein neugieriger und offener Mensch. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man viel erreichen kann, wenn man auf die Leute zugeht“, erzählt sie.

Auch im örtlichen Tennisclub ist die Hobbysportlerin aktiv, sitzt im Vorstand. „Das macht viel Spaß, wir sind eine tolle Truppe“, sagt die 58-Jährige, die sich in Sachen Tennis selbst als „echten Spätzünder“ bezeichnet. Schließlich habe sie erst mit 47 angefangen. Die Vorstandsposten, das ganze Engagement – die sympathische Frau macht das alles ehrenamtlich. Und aus Überzeugung. „Da sieht man, was man so alles hinkriegt.“

Doro Moritz ist eine Frau, die sich für Benachteiligte und Gerechtigkeit einsetzt. „Ich habe was gegen Unrecht“, sagt sie mit bestimmtem Ton und ernstem Blick. Da könne sie kaum an sich halten. „Das hat mir meine Mutter mitgegeben.“ Vor einiger Zeit hat sie am Leonberger Bahnhof eine Schlägerei zwischen drei Männern aus der rechten Szene und einem Dunkelhäutigen verhindert. Schon in der S-Bahn habe sie mitbekommen, dass die drei auf den Mann losgehen wollten. Draußen seien die vier dann aneinander geraten. „Ich bin daneben gestanden, habe auf sie eingeredet“, erzählt die GEW-Chefin. „Ich habe mich nicht abschütteln lassen.“ Irgendwann seien die Männer dann auseinander gegangen. Ob sie denn keine Angst hatte? „In dem Moment war mir egal, dass auch ich hätte eine drauf kriegen können“, sagt sie, ihre Stimme klingt empört. „Man muss doch Zivilcourage zeigen.“

Das sagt Doro Moritz auch in ihrer Funktion als Gewerkschafterin. „Die Menschen sollen sich für ihre Rechte hinstellen und kämpfen“, fordert sie. Täglich berät sie Lehrer aus dem ganzen Land, hilft ihnen bei Problemen am Arbeitsplatz oder, was besonders die junge Lehrergeneration betrifft, bei der Jobsuche. Es sind viele Gespräche, die Doro Moritz führt. Doch immer wieder verlaufen diese einfach im Sand. „Ich erlebe viele Menschen, die nicht zu ihrer Meinung stehen“, sagt die 58-Jährige. Das ärgert sie. „Ich bin doch nicht der Mülleimer.“ Doro Moritz ist eben eine Frau der klaren Worte. Die findet sie auch, wenn sie über die Bildungspolitik der grün-roten Landesregierung spricht. „Es tut mir sehr leid, dass einige gute Reformen schlecht umgesetzt werden.“

Lehrerin, Personalratsvorsitzende, Geschäftsführerin der GEW Nordbaden und schließlich GEW-Landeschefin, gewählt bis 2016 und vielleicht sogar noch länger – diese Karriere hat Doro Moritz nicht geplant. Sie sei immer fleißig gewesen, habe aber nie Machtansprüche gehabt. „Ich habe mich nie so wichtig genommen“, sagt sie und ergänzt: „Ich war schon immer bereit, mich anzustrengen.“ Doro Moritz musste schon früh Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen, ihre Mutter starb, als sie gerade 15 Jahre alt war. Und hat sich durchs Leben gekämpft.

Und mit dem ihren scheint die 58-Jährige ziemlich zufrieden zu sein. Sie genießt es, Zeit mit ihrer Familie oder ihren vielen Freunden zu verbringen. Genauso gerne ist sie aber auch mal alleine, geht spazieren und schaltet dabei ab. Viel Zeit verbringt sie auch im heimischen Garten. „Ich arbeite gerne grobe Sachen, das Filigrane liegt mir nicht“, erzählt sie und lacht herzhaft.

Eine leidenschaftliche Köchin ist Doro Moritz nicht, geht stattdessen lieber mal essen. „Ein schönes Menü kredenzt bekommen und sich unterhalten, das ist doch wunderbar“, sagt sie. Ebenso wunderbar findet sie es, Urlaub zu Hause in Heimsheim zu machen. Durch die Weltgeschichte zu fliegen ist nicht ihr Ding. „Ich genieße es, auf meinem Balkon zu stehen und den Blick in die Natur schweifen zu lassen“, erzählt Doro Moritz. Und wenn sie doch der Rappel packt, dann schwingt sie sich aufs Rad.

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