Heimatmuseum Flacht Wohl dem, der eigene Hühner und Vieh hatte

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Barbara Hornberger zeigt eine Dose eines Gefangenen. So groß war die Tagesration in Kriegsgefangenschaft. Foto: factum/

Weissach - Als der Flachter Künstler Sepp Vees vor vielen Jahren eine bemalte Keramikschüssel aus dem 19. Jahrhundert von ihrem tristen Dasein als Hühnertränke in einem Flachter Bauerngarten erlöste, rettete er nicht nur ein kunsthistorisch wertvolles Stück, sondern auch ein altgedientes Zeugnis der heimischen Ess- und Tischkultur.

Die Schüssel aus dem Nachlass von Sepp Vees‘ Tochter Susanna kann jetzt im hiesigen Heimatmuseum neben anderen Dingen des täglichen Gebrauchs in der Sonderausstellung „Von Spätzle bis Heckengäulinsen. Kostproben unserer Esskultur“ bewundert werden. Hier stehen Henkelmann und Sutterkrug neben einer Kühltasche aus den 50er-Jahren, Kochbücher stehen in einem schmalen Regal, der unverzichtbare „Kittelschurz“ hängt daneben.

„Früher ging es darum, überhaupt etwas zu essen auf dem Tisch zu haben“, weiß die Museumsleiterin Barbara Hornberger, „und wer kein eigenes Gemüse im Garten hatte, ein paar Hühner und ein bisschen Milchvieh, der hatte zu kämpfen. Auch hier im ländlichen Gebiet.“

Tagtägliche Sorge, die hungrigen Mäuler stopfen zu können

Dass sich der existenzielle Satz aus dem „Vater Unser“, „Unser täglich Brot gib uns heute“, als Denkspruch auf vielen Küchentüchern, Tischläufern oder Vorlegetellern wiedergefunden hat, ist Ausdruck der tagtäglichen Sorge, die hungrigen Mäuler stopfen zu können.

Pflichtbewusste Hausfrauen führten daher akribisch Buch über alle Einnahmen und Ausgaben. Ein schönes Beispiel aus dem vergangenen Jahrhundert darf in der Ausstellung vorsichtig durchgeblättert werden. Wohl dem, der die alte Sütterlinschrift noch lesen kann! Die Kuratorin kann’s natürlich, und so erfährt der interessierte Besucher, dass in den 50er-Jahren eine Schachtel Zigaretten für 1,90 Mark zu haben war und der Friseurbesuch mit 6,30 Mark zu Buche schlug. „Eine Brezel“, das hat Hornberger eine alte Flachterin erzählt, „gab es damals nur an besonderen Tagen, zum Jahrmarkt beispielsweise.“ Heute kauft man sich schnell eine Brezel beim Bäcker um die Ecke, wenn der Hunger zwickt.

Wie weh echter Hunger tut, daran erinnert sich ein Weissacher Bürger noch genau. Er hat einen Blechbecher aus der Kriegsgefangenschaft mitgebracht, nicht groß, doch überlebenswichtig, denn er enthielt die Tagesration an dünner Suppe, die dem hart arbeitenden Gefangenen als nahezu einzige Speise zuteil wurde. Damit er das nie vergessen würde, hat er dieses Erlebnis in den Becher geritzt.

„Ich finde es wichtig, dass wir wieder zu schätzen lernen, dass wir genügend zu essen haben“, sagt Hornberger und nimmt den Becher in die Hand. „Und ich finde es genauso wichtig, dass wir uns Gedanken darüber machen, woher unser Essen kommt und wie es produziert wird.“ Deshalb werden im Rahmenprogramm zur Ausstellung unter dem Motto „Wie wächst unser Essen hier?“ Ausflüge zu Bauern in Flacht und Weissach angeboten, bei denen man sich ungezwungen und mit den Produzenten direkt über Themen wie Bio- oder konventionelle Landwirtschaft, Essensproduktion oder Tierhaltung unterhalten kann.

Knoblauch und Paprika stammen aus Siebenbürgen oder dem Banat

Übrigens: Heute ganz gebräuchliche Gemüsesorten hat man hierzulande erst mit dem Einzug der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg näher kennengelernt. „Das weiß heute kaum mehr jemand, aber die Flüchtlinge aus Siebenbürgen oder dem Banat haben aus ihrer Heimat Knoblauch und Paprika mitgebracht und hier angebaut, sie nannten den Mais ‚Kukuruz‘ und haben neue Gerichte etabliert.“

So, wie es die Flüchtlinge heute tun. Sie haben ebenfalls die gewohnten Speisen aus ihrer jeweiligen Heimat mitgebracht. Beim Nachtmarkt zur Eröffnung der Ausstellung haben die Besucher davon eine Kostprobe bekommen: Süßes aus der afghanischen, deftiges aus der syrischen Küche. Wer das verpasst hat, kann in den kommenden Wochen bei gemeinsamen Koch-Workshops, die ebenfalls zum Rahmenprogramm gehören, die eine oder andere Spezialität und die Menschen, die sie mitgebracht haben, kennenlernen: „Die Workshops sind gemütliche Abende, man lernt sich beim Kochen und Essen kennen“, erklärt Hornberger, denn gemeinsam zu essen, ist mehr, als nur den Magen zu füllen.“ Es ist Balsam für die Seele, der „soziale Kitt“, der viel zu unserem Wohlbefinden beiträgt. Nicht umsonst heißt es schon seit Urgroßmutters Zeiten: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.“

Die Sonderausstellung

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 21. Juli zu sehen, immer sonntags zwischen 14 und 17 Uhr.

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