Heimatmuseum Flacht Bilder geben ermordeten Kindern ihre Würde zurück

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Mechtild Schöllkopf–Horlacher und die kleine Gerda aus Flacht. Foto: factum/Simon Granville

Weissach - Direkt in die Augen des Betrachters schaut das kleine Mädchen, fröhlich und unschuldig. Nur die große schwarze Fläche wirkt bedrohlich. Am unteren Rand des Gemäldes die Aufklärung: Gerda Metzger, Jahrgang 1939. Eingewiesen 11.7.1943. Ermordet 12.7. 1943.

Gerda ist eines der Werke der neuen Ausstellung im Heimatmuseum Flacht, die vom nächsten Sonntag an Gemälde der Stuttgarter Malerin Mechtild Schöllkopf–Horlacher zeigt. Es geht um im Nationalsozialismus ermordete Kinder – ein Thema, mit dem man sich im Heimatmuseum schon länger beschäftigt. Seit November ist dort schon eine wissenschaftliche Ausstellung zur Euthanasie zu sehen. Ergänzend dazu laden die Bilder von Schöllkopf–Horlacher auch zur künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Thema ein.

Wer an den Holocaust denkt, denkt oft nicht an Kinder

Aber geht das überhaupt? Kunst über ermordete Kinder? Man braucht sich nur die Gerda anzuschauen, ist sofort ergriffen, hat eine Beziehung zu ihr aufgebaut, interessiert sich für das kleine Mädchen.

Mechtild Schöllkopf–Horlacher geht das genauso, immer noch, auch wenn sie sich schon vor langer Zeit die NS-Euthanasie-Opfer zu einem ihrer wichtigsten Themen gemacht hat. „Wer an den Holocaust denkt, denkt oft nicht an Kinder“, sagt sie. „Dabei ist es so grausam, was mit den Kindern passiert ist.“

2011 und 2012 hat sie an mehreren Meisterklassen im ehemaligen Kloster Irsee teilgenommen. Herrliche Barockgebäude im Ostallgäu sind das, und doch weist dort eine kleine Ausstellung auf das Schreckliche hin. Zwischen 1939 und 1945 war in Irsee eine „Heil- und Pflegeanstalt“ eingerichtet. 2000 Patienten wurden ermordet oder in Vernichtungslager deportiert – darunter viele Kinder.

Kinder sind jedermanns Blicken ausgesetzt

In der dortigen Gedenkstätte im Kloster hängen Fotos, die zeigen, wie abgemagerte und missgebildete Kinder von Mitarbeitern festgehalten werden, nackt, brutal, wehr- und würdelos. „Das hat mich sehr irritiert“, erinnert sich Schöllkopf–Horlacher. „Ich empfand, dass diese Kinder hier erneut verletzt werden, weil sie jedermanns Blicken ausgesetzt sind.“

Von da an hatte sie ihre Mission gefunden: Den Kindern ihre Würde zurückgeben, und zwar mit schönen Bildern, in freundlichen Farben gehalten. Rot, Rosa und Blau zum Beispiel sind dominierend bei Gerda. Schöllkopf–Horlachers Hauptarbeitsmaterial ist Kreide. „Kreide ist zerbrechlich“, erklärt die Malerin. „So zerbrechlich, wie all diese unschuldigen Kinder.“ Fotos, wenn vorhanden, nimmt sie als Grundlage, arbeitet sie um, verfremdet sie, übermalt sie, kratzt sie an, variiert mit Terpentin und Schellack – eine lebhafte Tiefenstruktur, die die Kinder mit dem Betrachter sprechen lassen. Ihn mahnen und von ihrem Schicksal erzählen.

„Die Opfer bekommen dadurch eine Persönlichkeit“

Essenziell zur Ausstellung gehören daher auch die Erklärtexte neben den Gemälden, die all das erläutern, was die Kinder selbst nicht mehr sagen können. „Gerda Metzger aus Flacht wurde 1943 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ihrer Mutter entrissen“, ist da zum Beispiel zu lesen. „Zwei Tage später wurde sie in einer Stuttgarter Kinderfachabteilung ermordet. Sie wurde nur vier Jahre alt.“

Barbara Hornberger, die Leiterin des Heimatmuseums Flacht, recherchiert schon lange das Schicksal der kleinen Gerda, zusammen mit Karl-Horst Marquart, der Arzt beim Stuttgarter Gesundheitsamt war und das Schicksal der ermordeten Kinder aufarbeitet. Gerdas Mutter Berta Metzger, so weiß Hornberger, habe das Schicksal ihrer Tochter zeitlebens im Ort nicht ansprechen können und sich nur dem Masseur anvertraut, der sie bis zu ihrem Tod 2009 in einem Rutesheimer Pflegeheim betreut hatte.

Seit 2013 erinnert ein Stolperstein in Stuttgart an Gerda – so hatte auch die dort lebende Malerin Mechtild Schöllkopf-Horlacher vom Schicksal der kleinen Flachterin erfahren und in die Reihe ihrer Werke über die Kinderopfer der NS-Euthanasie aufgenommen. „Es ist ein schönes Bild, ja, aber auch ein bedrohliches“, sagt sie und zeigt auf die schwarze Fläche, auf der eine Puppe zu erahnen ist.

Barbara Hornberger ist es wichtig, neben der wissenschaftlichen Ausstellung auch diese Art der Auseinandersetzung zu ermöglichen. „Die Opfer bekommen dadurch eine Persönlichkeit“, sagt die Museumsleiterin. „Das macht auch deutlich, wie gut wir es in unserer heutigen Welt haben – auch wenn viele das vergessen.“

„Das Thema wird immer wichtiger“

80 Jahre alt wird Mechtild Schöllkopf-Horlacher in diesem Jahr, was ihr aber niemand zutraut, der sie so agil, interessiert und aufgeweckt durch die Flachter Museumsräume eilen sieht. Begeistert ist sie von der Arbeit hier. Bei der Aufhängung der Bilder hat eine junge Libanesin geholfen, die im benachbarten Flüchtlingsheim lebt. „Das hat mir richtig gefallen, das habe ich noch nie erlebt“, sagt Schöllkopf-Horlacher. Das erinnere sie aber auch daran, wie aktuell das Thema mittlerweile sei. Etwa, wenn junge Menschen, die draußen Diskriminierung erfahren, hier drinnen helfen. Wenn sie an der Bushaltestelle hören: „Araber raus!“ Oder wenn die AfD im Bundestag eine Anfrage zu „volkswirtschaftlichen Verlusten“ im Zusammenhang mit Menschen mit psychischen Krankheiten stellt. „Das Thema wird immer wichtiger“, sagt sie.

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