Hebammenkreißsaal in Leonberg Hier haben die Hebammen das Sagen

Von Sophia Herzog
Chefärztin Monica Diac und die leitende Hebamme Cornelia Kraus begleiten die Einführung des hebammengeführten Kreißsaals am Leonberger Krankenhaus. Foto: Simon Granville

Leonberg - Drei Kreißsäle gibt es im Leonberger Krankenhaus, und jeder ist farblich anders gestaltet: In einem leuchten die Tücher, die von der Decke hängen, das Bettgestellt, die Badewanne in rosa und lila. Im nächsten sind sie gelb, im dritten grün. 700 Geburten haben hier im vergangenen Jahr stattgefunden – eine Quote, die das Leonberger Krankenhaus 2021 schon im November geknackt hat. In diesem Jahr steuert man nun auf die 800er-Marke zu.

Kein Raum, sondern ein Konzept

In den kommenden Jahren könnten hier, auf der Geburtenstation des Leonberger Krankenhauses, noch mehr Babys das Licht der Welt erblicken. Denn gerade wird hier die Einführung des sogenannten hebammengeführten Kreißsaals geplant. Ein ähnliches Konzept gibt es bisher in der Region außerdem in Bad Cannstatt, Bietigheim und Herrenberg. Im Herrenberger Krankenhaus, das wie der Standort in Leonberg auch zum Klinikverbund Südwest gehört, hat man die Zahl der Geburten in den elf Jahren seit der Einführung verdoppelt. Mit der Einführung in Leonberg möchte der Klinikverbund nun schwangeren Frauen ein neues Angebot machen – und dabei auch die Frauenklinik des Standortes stärken.

Hinter dem Begriff verbirgt sich nicht etwa ein speziell eingerichteter Kreißsaal. Der hebammengeführte Kreißsaal ist vielmehr ein Konzept: Frauen mit Schwangerschaften niedrigen Risikos können im Rahmen des Hebammenkreißsaals entbinden, ohne dass ein Arzt dabei sein muss. Sie werden aber eng von einer Hebamme betreut, die eigenständig arbeitet. Die Geburt findet im Hebammenkreißsaal ohne Intervention, etwa die Periduralanästhesie (PDA), statt.

Konzept stärkt Frauen und Hebammen

„Der Hebammenkreißsaal sieht eine intensive Eins-zu-Eins-Betreuung vor“, erläutert Cornelia Kraus, leitende Hebamme am Krankenhaus Leonberg. Zwischen der 27. und 32. Schwangerschaftswoche kommen die Mütter zunächst zur Hebammensprechstunde, „um Vertrauen aufzubauen und die Atmosphäre kennenzulernen“, sagt Kraus. Vor der Geburt wird die Frau dann durchgecheckt. „Und wenn alles gut ist: Geburt laufen lassen.“ Erst zur Pressphase kommt eine zweite Hebamme dazu. Ein Arzt wird nur in medizinischen Notfällen eingeschaltet.

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Die Geburt im Hebammenkreißsaal ist somit familiärer und gibt den Schwangeren mehr Privatsphäre, bietet aber gleichzeitig die Sicherheit einer Klinikgeburt. „Und es gibt Studien, die zeigen, dass Frauen nach einer natürlichen Geburt weniger Komplikationen haben“, sagt Kraus. „Die Mütter gehen sehr gestärkt aus einer solchen Geburt heraus. Die Einstellung zum Schmerz ist ganz anders.“ Und noch etwas beobachtet sie bei hebammengeführten Geburten. Diese Frauen hätten einen Geburtsplan und bereiteten sich ganz anders vor.

Kein Konkurrenzprodukt

Der hebammengeführte Kreißsaal soll im Leonberger Krankenhaus nicht etwa die reguläre Arbeit der Geburtenstation ersetzen – das Angebot wird in den Dienstplan integriert, die Hebammen treten sowohl im Hebammenkreißsaal als auch zu ärztlich geführten Geburten an. „Das ist kein internes Konkurrenzprodukt“, erklärt Monica Diac, die Chefärztin der Gynäkologie. Das Vertrauen zwischen Hebammen und Ärzten sei essenziell. „Wir haben ein super Team hier.“

Die Einführung des hebammengeführten Kreißsaals soll auch den Klinikverbund Südwest als Arbeitgeber attraktiver machen. In Herrenberg hat man beobachtet, dass dort die meisten Bewerbungen von Hebammen eingehen – eben weil sie im Hebammenkreißsaal selbstbestimmter arbeiten können. 98 Prozent der Geburten in Deutschland seien heutzutage ärztlich geführt, nur zwei Prozent finden zuhause oder in Geburtshäusern statt, berichtet Diac. Das liege auch daran, dass die Versicherungsprämien für Hebammen extrem teuer geworden sind. Ein hebammengeführter Kreißsaal bedeutet also auch: Jobsicherheit für wenigstens ein paar Hebammen mehr.

Langsamer Einstieg für Sommer geplant

Drei neue Stellen habe der Klinikverbund zugesagt, berichtet Diac. Außerdem sollen im kommenden Jahr auch Studierende helfen, die am Krankenhaus ein sogenanntes ausbildungsintegriertes Studium absolvieren. Bis dahin steht noch Arbeit an: Arbeitsgruppen sollen etwa Betreuungsrichtlinien und einen Risikokatalog erarbeiten. Auch Fortbildungen müssen absolviert werden. Die Einführung des hebammengeführten Kreißsaals hat das Krankenhaus vorerst für den Sommer geplant – obwohl es jetzt schon viele Anfragen gibt.

„Wir wollen langsam anfangen“, sagt Monica Diac. „Erst mal mit zehn Frauen pro Monat.“ Diese steigen dann mit der Hebammensprechstunde ein. Erst einige Wochen später wird die erste Geburt im Hebammenkreißsaal folgen.

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