Gewerbegebiet in Rutesheim Nicht immer lässt sich alles mit Geld richten

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Für einen Baum mit möglichen Bruthöhlen und Spalten in einer Streuobstwiese müssen drei neue Bäume nachgepflanzt werden. Foto: factum/Jürgen Bach

Rutesheim - Wer baut, greift in die Natur ein. Das muss ausgeglichen werden, indem andere Flächen ökologisch aufgewertet werden. Weil Rutesheim am Gebersheimer Weg ein neues Gewerbegebiet plant, ist es nun am Gemeinderat und an der Stadtverwaltung, sich Gedanken darüber zu machen.

Das neue Gewerbegebiet „Gebersheimer Weg“ wird in zwei geteilt. Westlich der Nordumfahrung will die Firma Akka (früher MBtech) ihr neues Entwicklungs- und Designzentrum errichten und hier rund 500 Arbeitsplätze schaffen. Damit auch andere örtliche Firmen nicht leer ausgehen, sollen östlich der Nordumfahrung auf etwa zwei Hektar weitere Gewerbeflächen entstehen.

Ausgleich auf eigener Gemarkung

Um den Natureingriff für das neue Gewerbegebiet auszugleichen, müssen nach dem Abzug der in dem Baugebiet festgeschriebenen Vorgaben wie Dachbegrünung, Pflanzgebot, Versickerung des Regenwassers rund weitere 483 000 Ökopunkte ausgeglichen werden. Das hat der Stadtbaumeister Bernhard Dieterle-Bard den Gemeinderäten in der jüngsten Sitzung erläutert.

Für eine finanzstarke Stadt wie Rutesheim wäre es ein Leichtes, die für den Ausgleich nötigen Ökopunkte sich anderwärts einzukaufen. Doch der Gemeinderat und die Verwaltung haben sich die Forderung der Grünen-Fraktion zu eigen gemacht, den kompletten Natureingriff des Gewerbegebiets „Gebersheimer Weg“ auf Rutesheimer Gemarkung auszugleichen. „Schon heute haben wir auf der Gemarkung 28 Prozent Siedlungs- und Verkehrsfläche – das ist im Vergleich sehr viel“, sagt der Gabl-Sprecher Fritz Schlicher.

Aufforsten und Blühwiesen anlegen

Nachdem seinerzeit für das Gewerbegebiet am Autobahnanschluss kräftig bei den Landwirten zugelangt wurde, sollen sie dieses Mal verschont werden. „Es ist schon heftig, wenn für einen Hektar Gewerbegebiet zwei Hektar Ackerland als Ersatz gefordert werden“, formuliert es der Perouser BWV-Stadtrat Ulrich Servay.

Für das Vorhaben wurde nun ein umfangreiches Bündel an Vorschlägen geprüft. Ein Teil davon lässt sich zeitnah und günstig umsetzen, ein weiterer erweist sich als zu kostspielig. Andere Ideen und Anregungen sind für zukünftige Projekte vorgemerkt worden.

Gut für das Öko-Konto ist die Idee, etwa 1,6 Hektar im Bereich „Lerchenberg“ aufzukaufen und aufzuforsten. Ein Grundstück mit einer Fläche von 2320 Quadratmetern gehört der Stadt. Mit dem Aufforsten ließen sich 135 000 Ökopunkte erzielen. Dafür muss die Kämmerei allerdings noch private Grundstücke zum Preis von acht Euro je Quadratmeter erwerben. Rund 140 000 Euro werden dafür im Haushaltsplan 2020 eingestellt. Damit wird ein Ökopunkt etwa 1,30 Euro kosten.

Weitere 28 400 Ökopunkte lassen sich mit Blühstreifen und Blühwiesen rund um das Sportgelände Bühl erwirtschaften.

Neue Fledermaus-Quartiere

Das Konto richtig anwachsen lassen wird der geplante Bau einer Trockenmauer in Perouse. Vorgesehen ist, entlang des Festplatzes an der Böschung des Radweges eine ein Meter hohe Trockenmauer über 95 Meter Länge anzulegen. Die geschätzten Kosten dafür belaufen sich auf rund 52 000 Euro. Wenn das Landratsamt den gleichen Maßstab wie in einer Nachbargemeinde ansetzt, lassen sich vier Ökopunkte pro Euro Herstellungskosten erreichen – also fast 210 000 Ökopunkte zum Preis von 25 Cent je Ökopunkt.

Als Ersatz für 80 Bäume, davon zehn alte Obstbäume, müssen mindestens 150 Obstbäume in der Nähe gepflanzt werden. Der Verlust von Höhlen- und Spaltenbäumen muss im Verhältnis 1:3 durch künstliche Fledermaus-Quartiere in angrenzenden Lebensräumen kompensiert werden.

Oberboden verwenden

Für die Stadträte war es kein Problem, den Kosten für die Neupflanzung zuzustimmen, aber sie fragten sich, wer, angesichts immer geringerer Verdienstmöglichkeiten, sich um die Pflege und den Erhalt dieser Obstbäume kümmern wird. „Zwar sollen die Bäume möglichst auf anderen Streuobstwiesen stehen, aber wir haben für ihre Pflege auch Mittel im Haushalt“, erläuterte die Bürgermeisterin Susanne Dornes den Stadträten.

Was das Bauamt derzeit noch prüft, ist ein mögliches Konzept, den Oberboden aus dem neuen Gewerbegebiet zu verwerten, indem er auf andere Äcker verteilt wird. Mit diesem Bodenmanagement ließen sich 58 000 Ökopunkte erreichen.

Info: Gutes Ökokontp

Machbar

Nach Anrechnung der vorgeschlagenen und auch realisierbaren Maßnahmen inklusive Bodenmanagement und Trockenmauer würde sich ein Überschuss von rund 122 000 Ökopunkten ergeben. Sollte die gewünschte Aufforstung am Grunderwerb scheitern, wäre die Bilanz trotzdem gut. Das Defizit könnte über die Flächenagentur mit etwa 12 000 Euro ausgeglichen werden. „Gekaufte“ Ökopunkte kosten zwischen 80 und 95 Cent.

Überschuss

Ist die Aufforstung möglich, können auf dem Ökokonto der Stadt rund 122 000 Punkte für zukünftige Gebietsentwicklungen gutgeschrieben werden.

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