Gemeinderat Leonberg Ungewohnte Linksaußen und eine neue Mitte

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Der neu gewählte Gemeinderat hat bereits das erste Mal abgestimmt: Die Verteilung der Ausschüsse wurde einstimmig angenommen. Foto: factum/

Leonberg - Schon beim Betreten des großen Ratssaales ist klar: Da findet eine festliche Veranstaltung statt. Oberbürgermeister Martin Cohn trägt seine Amtskette, die nur bei offiziellen Anlässen zum Einsatz kommt. Die Gemeinderäte haben sich allesamt in Schale geworfen, der ein oder andere war extra beim Friseur. Für einige ist es die letzte Sitzung, für andere die erste. Denn das 2014 gewählte Gremium kommt ein letztes Mal zusammen, anschließend werden die im Mai gewählten Mitglieder verpflichtet. Neun Gemeinderäte gehören dem neuen Gremium nicht mehr an, die Neue Liste Leonberg war zudem nicht mehr zur Wahl angetreten.

24 Stunden im Dienst

„Sich in den Gemeinderat wählen zu lassen, ist nicht selbstverständlich“, sagt Cohn. Die Arbeit sei nicht wenig. Ein Gemeinderat sei 24 Stunden am Tag im Dienst. Entscheidungen hätten immer zwei Seiten. „Auch wenn wir hier einstimmig entscheiden, heißt das nicht, dass in der Bevölkerung draußen alle dafür sind“, sagt der OB. Mit diesen anderen Meinungen werde man auch häufig in der Freizeit konfrontiert. „Da ist man dann einkaufen und wird angesprochen: Was habt ihr denn da wieder für einen Scheiß gemacht?“, nannte er ein Beispiel. Doch der bisherige Rat habe an vielen Stellen Rückgrat bewiesen. „Und allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.“

Gemeinderat von A bis Z

A bis Z Die Verabschiedungen geht Cohn alphabetisch an. Cordula Ahlborn (SALZ) macht den Anfang, sie arbeitet im Sozialministerium am neuen Pflegekammergesetz mit. Rüdiger Beising (SPD), der auch Sprecher des Energiekreises der Agenda ist, hatte nicht genügend Stimmen erhalten, ebenso Martin Epple (Freie Wähler). Matthias Bolay und Rainer Zachert waren mit ihrer Neuen Liste nicht mehr angetreten. „Mit Z haben Sie es schon immer in der Schule schwer gehabt“, sagt der OB, als er den Bäckermeister dann doch als sechsten nach vorn bittet.

Gastauftritt Ganze sechs Tage lang war Udo Graßmeyer offiziell Gemeinderat. Er war Nachrücker der FDP für Jochen Flegl, der wegen eines Umzugs sein Amt abgab. Am 21. Mai erst wurde Graßmeyer verpflichtet, der mittlerweile aber Mitglied der Freien Wähler ist.

44 Jahre in der Kommunalpolitik

Ausgezeichnet Während der Sitzung gab es eine ganze Reihe von Ehrungen. Für 20 Jahre im Gemeinderat (teilweise auch Ortschaftsrat) erhielten Gabriele Ludmann, Gerhard Schwarz, Elke Staubach (alle CDU), Jutta Metz und Wolfgang Schaal (Freie Wähler), Dieter Maurmaier (FDP), Wolfgang Schönleber (SPD) und Klaus Wankmüller die Ehrennadel des Städtetags in Silber. Birgit Widmaier erhielt die Ehrennadel des Gemeindetags für 25 Jahre im Amt, Bernd Murschel (alle Grüne) und Christa Weiß (SPD) sitzen sogar bereits seit 1989 im Leonberger Gemeinderat und wurden ebenfalls geehrt. Beide lasen gemeinsam auch den Verpflichtungstext stellvertretend für alle vor.

Der neue Gemeinderat. Foto: LKZ/Otto
Dauerbrenner Doch wurden am Ende alle übertroffen von Martin Epple. Auch wenn der Gebersheimer nach fünf Jahren den Gemeinderat wieder verlassen muss, so sitzt er doch im Ortschaftsrat, seitdem dieser 1975 das erste Mal nach der Verwaltungsreform gewählt worden war. „Mein Vater war zuvor im Gemeinderat von Gebersheim gewesen. Und hat meinen Namen einfach auf die Liste gesetzt“, erzählt Epple über seine erste Wahl im Alter von 23 Jahren. In den 44 Jahren, die dann folgten, seien viele interessante Projekte umgesetzt worden. Für ihn und Gerhard Schwarz von der CDU (trat nicht mehr an) ist vor allem der Bau der Gäublickhalle ein Meilenstein. „Auch wenn wir dafür die Sauna und das Bürgerhaus verkaufen mussten“, meint Epple. „Wir haben damals gesagt, Gebersheim muss sich von innen entwickeln. Sie werden im Ortskern deshalb kein leer stehendes oder nicht renoviertes Gebäude finden“, meint der Freie Wähler, der weiterhin im Ortschaftsrat vertreten ist.

Ungewohnter Linksaußen

Stühlerücken Kaum sind die Abschiede und Ehrungen vorbei, nehmen die ausscheidenden Mitglieder auf den Besucherstühlen Platz und die neuen kommen nach vorn. Das heißt auch Stühlerücken. Da die Grünen nun die stärkste Fraktion mit acht Mandaten stellen, findet sich SALZ-Vertreter Frank Albrecht plötzlich ganz in der Mitte wieder, ebenso die SPD. Kurt Kindermann (FDP), einer von künftig zwei Kriminalbeamten im Rat, nimmt ganz links außen Platz. „Das ist auch meine Position beim Fußball“, scherzt der Höfinger, der auch einige Jahre im Gemeinderat von Bad Wildbad saß, bevor es ihn der Liebe wegen an den Engelberg zog.

Bäumchen wechsel dich Klaus Wankmüller (Grüne) ist zwar als Nachrücker jetzt im Kreistag. Für den Gemeinderat reichten die Stimmen aber nicht mehr. 2008 war er für Gudrun Sach nachgerückt, die nun wieder ihren Platz im Gremium einnimmt. „Ich bin aber schon 1984 das erste Mal im Gemeinderat gewesen, als die Gabl damals neu mit sieben Mandaten einzog“, berichtet sie. Doch schon 1987 ging sie für zehn Jahre nach Brasilien, erst als Lehrerin in Sao Paolo, dann als Sozialarbeiterin in einem Amazonasdorf. Nach ihrer Rückkehr kandidierte sie 1999 erneut erfolgreich, verabschiedete sich 2008 aber wieder nach Brasilien. „Da hängt mein Herz dran“, sagt die Lehrerin, die am Ende des Schuljahres in den Ruhestand gehen wird. Ein Umstand unter mehreren, der sie veranlasste, es nochmals in der Kommunalpolitik zu probieren.

Zwischen 33 und 74 Jahren

Jung und alt Die FDP stellt künftig mit David Korte (33 Jahre) den jüngsten Stadtrat. Zweitjüngster ist Fabian Strecker (Grüne) aus Warmbronn mit 41 Jahren. Aus dem Teilort kommt auch das ältestes Mitglied. Christiane Hug-von Lieven (SPD) ist Jahrgang 1945, aber jetzt das erste Mal in den Gemeinderat gewählt worden.

Ortsverhältnisse Bislang war Warmbronn gar nicht im Gemeinderat vertreten gewesen, jetzt sind mit Strecker und Hug-von Lieven gleich zwei Vertreter. Höfingen erhöht seine Zahl von drei (Maurmaier, Dirk Jeutter, Oliver Zander) auf sechs (plus Katharina Staiger und Sybille de Mott von den Grünen und Kurt Kindermann, FDP), wobei nur Jeutter, de Mott und Staiger dem Ortschaftsrat angehören. Dafür steht Gebersheim künftig ohne Fürsprecher im Gemeinderat da, nachdem Gerhard Schwarz nicht mehr antrat und Martin Epple nicht genügend Stimmen bekam. „Ich spiele jetzt nur noch zweite Bundesliga“, scherzte Epple.

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