Galerieverein Leonberg Geschichte unter der Haut

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Geschichte unter der Haut: Die Ausstellung kann noch bis 28. April im Galerieverein angeschaut werden Foto: factum/Bach

Leonberg - Barack Obama sitzt in resignierter Haltung mit baumelnden Beinen auf dem Schreibtisch in seinem Oval Office: Er muss zusehen, wie das, wofür er eingetreten ist, verschwindet, und ein neuer scharfer Wind im Weißen Haus wehen wird. Das Bild ist eines von mehreren, die zeitgeschichtliche Ereignisse wie in einem Brennglas zeigen, ausgesucht von Menschen, die ein auch für sie persönlich bedeutendes Ereignis nennen sollten. Das Besondere an dem Bild von Obama: Es ist auf eine dunkle Nylon-Fahne im Format 300 x 150 Zentimeter – stabil und zart zugleich – projiziert, und man sieht eine Hand desjenigen, der das Bild ausgewählt hat.

Eva Ott, die Vorsitzende des Galerievereins, bedankt sich in ihrer Begrüßung deshalb ausdrücklich bei Jürgen Klopsch und Günther Fauth, die ihr mit Sachverstand und Kreativität viele Stunden beim Aufbau der Ausstellung geholfen haben.

Ereignisse, eingebrannt im kollektiven Gedächtnis

„Was hat sich für Sie ins Gedächtnis eingebrannt – und was bedeutet das für Sie persönlich?“ war die Leitfrage von Johanna Reich (Jahrgang 1977), deren Ausstellung „All the world’s a frame“ am Sonntagvormittag in einer Vernissage im Galerieverein eröffnet worden ist, und die ihre Werke persönlich kommentiert.

Die kluge und sensible Künstlerin will eine Vorstellung davon vermitteln, wie „Geschichte“ im Leben des Einzelnen ankommt und was das – zumal im Zeitalter der Digitalisierung, von Fake News und Postfaktischem – mit ihm macht.

Es sind Ereignisse, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: Mauerbau, Mondlandung, Fall der Mauer, 9/11 – und auch das verschwundene Fernseh-Testbild, an das sich einer erinnert, weil er als Kind davor saß und eine gefühlte Ewigkeit auf den Beginn des Kinderprogramms gewartet hat.

„Geschichtsbilder mit Haltung“

Es sind „Geschichtsbilder mit Haltung“, erklärt die Künstlerin - und es sind bewusst Hände auf und in die Bilder hineinprojiziert: Mit den Händen be-greift der Mensch die Welt, sie liegt „in seiner Hand“, und unser Kulturbegriff geht ja auf „cultura“ zurück (Bearbeitung, Pflege, Ackerbau).

Johanna Reich verknüpft einen philosophischen mit einem technischen Ansatz unter der Leitfrage: Was machen wir in der Welt der Digitalisierung, und was macht sie mit uns?

Als der Konservative Arnold Gehlen 1957 seine sozialpsychologische Untersuchung „Die Seele im technischen Zeitalter“ veröffentlicht hat, konnte er nicht ahnen, dass seine Diagnose, „an die Stelle unmittelbaren Erlebens treten Erfahrungen aus zweiter Hand“, die meist über die Massenmedien vermittelt werden, heute um ein Vielfaches übertroffen wird.

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