Gänse aus Renningen Seit Martini ist das Federvieh misstrauischer geworden

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Wachsames Federvieh. Foto: factum/Granville

Renningen - Wenn Ingo Hagenlochers Gänse morgens gegen neun Uhr aus dem Stall auf die Weide dürfen, ist das Geschnatter groß. Gut 50 Diepholzer Gänse, eine alte, robuste Rasse, tummeln sich dann auf der großen Baumwiese, die sie mit 20 Enten teilen. „Naja, direkt teilen kann man nicht sagen“, stellt der Renninger Landwirt klar und lacht, „sie haben eigene Bereiche, denn Gänse und Enten geraten auch mal aneinander.“ Das ist zumindest seine Erfahrung. Und die ist beachtlich, denn schon sein Vater und Großvater haben Federvieh gehalten.

Ende Mai, Anfang Juni bekommt Hagenlocher die Küken – gelbe, flaumige Federbällchen, die erst später ihr schneeweißes Gefieder bekommen. Für ihre vier Wochen Lebensalter haben die Gössel, wie die kleinen Piepmätze im Fachjargon genannt werden, schon ordentlich Gewicht: „Genau weiß ich es nicht, aber so um die 800 Gramm werden sie schon haben“, schätzt der Landwirt. Doch bis aus den Gänschen dann ein Festtagsbraten von vier bis sieben Kilogramm wird, dauert es noch eine Weile. Zuerst kommen die Kleinen in den Stall auf der großen Baumwiese am Renninger Kindelberg. Dort wartet schon eine alte Matrone auf sie, eine Höckergans von inzwischen stolzen 14 Jahren, die sich Jahr für Jahr der neuen Kinderstube annimmt und bei der Eingewöhnung auf der fremden Weide hilft. Drei Tage bleibt das Federvieh drinnen, bevor es dann zum ersten Mal ins Freie geht. Hagenlochers Gänse tummeln sich dann bei Wind und Wetter auf der umzäunten Weide, fressen Gras und ein paar übrig gebliebene Zwetschgen. Die wenigen Spaziergänger am Kindelberg stören sie dabei nicht, nur manchmal zischen sie vorbeikommende Reiter an: „Da erschrecken Ross und Reiter aber mehr als die Gänse“, schmunzelt Hagenlocher.

Gänse sind Vegetarier

Gänse sind reine Pflanzenfresser und vertilgen, um satt zu werden, in der freien Natur gut ein Kilo Gras und Kräuter täglich. Ingo Hagenlocher füttert seine Gänse zusätzlich mit einem speziellen Mix aus Wintergerste, Hafer, Erbsen und Mineralstoffen. Das gibt’s aber erst abends, wenn die Gänse zurück in den Stall müssen. Dabei zischen die Vögel neuerdings auch ihn an: „Seit kurz vor Martini sind sie misstrauischer.“ Kein Wunder, denn zum Martinstag am 11. November sind die ersten aus der Herde eingefangen worden und als Martinsgans auf dem Teller gelandet.

Die Martinsgans ist ein Brauch aus alter Zeit, als zu Martini auch das bäuerliche Jahr zu Ende ging. Bauern mussten an diesem Tag ihren Lehnsherren Pacht bezahlen, häufig in Form von Naturalien, und Gänse waren zu jener Zeit ein beliebtes Zahlungsmittel. Zugleich war dieser Tag der letzte vor Beginn einer 40-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten, und es konnte noch einmal ein deftiger Gänsebraten genossen werden.

Viel zu tun an den Tagen vor Weihnachten

Wie auch immer, der Gänsebraten am Tag des Heiligen Martin, der dank wachsamer Gänse im 4. Jahrhundert zum 3. Bischof von Tours in Frankreich gewählt wurde, scheint wieder mehr in Mode zu kommen. Doch die meisten von Ingo Hagenlochers Kunden, darunter viele Stammkunden, holen ihre frisch geschlachtete Gans auf Weihnachten. Naturgemäß sind die Tage vor dem Fest denn auch die arbeitsreichsten. Die Familie schlachtet selbst, Hagenlocher hat extra einen Tötungslehrgang belegt, um nachzuweisen, dass bei ihm die Tiere nicht unnötig lange leiden. Der Kunde bekommt den Festtagsbraten küchenfertig gerupft und ausgenommen. „Früher haben wir Federn und Daunen noch reinigen lassen und verwendet, aber das lohnt sich heute nicht mehr“, bedauert der Landwirt. Trotzdem bewahrt er oft die schönsten Schwungfedern auf, für die Kinder zum Basteln.

Aber am 24. Dezember ist auch bei Hagenlochers Schluss, und alle Gänse werden bis dahin an den Mann gebracht worden sein. Dann werden letzte Aufräumarbeiten erledigt, und Stille kehrt ein. Die Höckergans wird in Gesellschaft zweier Enten auf die neue Kinderstube warten.

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