Fußball Für den Co-Trainer gibt es keine Extrawurst

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Die taktische Marschrichtung bei der Hertha gibt er vor: Rainer Widmayer. Foto: Baumann

Renningen - Zwischen Arbeitsplatz in Berlin und dem Zuhause in Renningen liegen stattliche 630 Kilometer, Luftlinie etwas über 500 Kilometer. Gestern waren es noch gerade mal 25. Rainer Widmayer blieb dennoch im Stuttgarter Hotel am Schlossgarten bei der Mannschaft. Es ist nur eine Randnotiz vor dem Spiel an diesem Samstag beim VfB Stuttgart, doch sie sagt viel aus über den Co-Trainer von Hertha BSC. Er beschreibt sich als ehrgeizig, zielstrebig und erfolgshungrig. Vertraute nennen ihn einen „feinen Kerl“.

Nach dem Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale mit dem 3:2-Erfolg beim 1. FC Heidenheim am Mittwoch Abend und vor dem Bundesligaspiel am Samstag in Stuttgart haben sich die Berliner die Reisestrapazen erspart und sind gleich vor Ort geblieben. Einmal wurde auf dem VfB-Gelände trainiert, eine zweite Einheit gab’s bei den Kickers auf der Waldau. Für Widmayer ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er nicht nach Hause fährt – auch wenn es noch so verlockend ist. „Wenn der Trainer vorlebt, dass er das Hotel verlässt, dann passt das doch nicht damit zusammen, was von den Spielern verlangt wird“ (Widmayer). Der 48-Jährige, der seinen Job als Versuchsmechaniker bei Daimler im Jahr 2002 auf Drängen des damaligen VfB-Coaches Felix Magath aufgegeben hat und voll ins Trainergeschäft eingestiegen ist, ist zu sehr Profi, als dass er anders handeln könnte.

Das Familienleben muss zurückstehen

Er lebt seinen Beruf („Für mich ist das der schönste Job, wenn auch stressig hoch zehn. Aber die Emotionen sind, wie beispielsweise beim Halbfinaleinzug im Pokal, außergewöhnlich. Die sind mit Geld nicht aufzuwiegen.“) und nimmt dafür Einschränkungen in Kauf. In der Regel kommt er sonntags nach Hause und verbringt auch den freien Montag in Renningen. Das war’s aber auch schon mit Familienleben während der Saison. Widmayer: „Natürlich bleibt da etwas auf der Strecke. Aber ich habe Glück, dass ich so einen guten Halt bei meiner Frau finde.“

Der gelernte Maschinenschlosser wird in Berlin als das „Gehirn“ oder Taktikfuchs bezeichnet. Er ist zuständig für die strategische Grundordnung, vermittelt den Spielern, wie sie sich beispielsweise im Spiel gegen den Ball verhalten müssen, in welcher Ordnung sie zu stehen haben. Während der Partie sitzt er immer mit seinem DIN-A4-Hefter auf der Bank und hat dort taktische Lösungen parat, so wie sie auch Handballbundestrainer Dagur Sigurdsson in den Auszeiten auf seiner Magnettafel veranschaulicht. Die Arbeitsaufteilung ist klar: Während Herta-Trainer Pal Dardai mit dem beschäftigt ist, was gerade passiert, analysiert Widmayer, wo mögliche Probleme liegen. „Dann kann man auch schnell handeln“, sagt der akribische Arbeiter. „Man muss es erkennen. Das ist die Kunst. Mal klappt das besser und mal nicht so gut.“

Derzeit klappt es wohl eher besser. Nachdem die Hertha in der vergangenen Saison nur knapp dem Abstieg entronnen ist, schickt sie sich derzeit als Tabellendritter an, einen Platz im internationalen Geschäft zu ergattern. Dazu kommt nun noch das Pokalhalbfinale und, im Falle eines Sieges über Borussia Dortmud, das „Finale dahoam“. Für Rainer Widmayer der bislang größte sportliche Erfolg in seiner Trainerkarriere. Er weiß ihn einzuordnen. Auch wenn es abgedroschen klingt, sagt er: „Bundesliga ist ein Tagesgeschäft. Das, was gestern war, zählt nicht.“

Hospitationen unter anderem in der Schweiz

Diese Erfahrung hat er auch am eigenen Leib verspürt, als er zusammen mit seinem damaligen Cheftrainer Markus Babbel bei der TSG Hoffenheim gehen musste und bis zum Beginn des vergangenen Jahres in Berlin keinen neuen Job fand. Er hospitierte bei anderen Clubs, unter anderem auch in der Schweiz, und war sich auch nicht zu schade, beim Jugendtraining des TSV Eltingen zu helfen, wo seine beiden Söhne in der U 19 und U 15 spielten. „Man muss sich vorbereiten für den Tag, an dem es losgeht. Und das geht im Übungsverhalten mit Kindern genauso wie mit Erwachsenen“, lautet das Credo des Fußballlehrers.

Zumindest derzeit sitzt er fest im Sattel. Der Vertrag in Berlin läuft noch bis zum Sommer 2017. Was nicht zwangsläufig heißt, dass er in der kommenden Runde bei dem Hauptstadtclub tätig ist. Rainer Widmayer ist auch offen für anderes. Auch für einen Posten ganz vorne dran. „Ich habe kein Problem damit“, sagt er selbstbewusst, aber: „Ich habe einen guten Job. Wenn ich den gegen etwas anderes eintauschen sollte, dann muss es schon wirklich passen. Die Tendenz ist klar, dass ich bleibe.“

Auch wenn er sich vielleicht schon bald über mögliche Gegner auf der europäischen Fußballbühne informieren muss, Rainer Widmayer weiß noch immer, was im Altkreis passiert. Seine Söhne spielen inzwischen bei der SKV Rutesheim („Die machen da wirklich eine gute Ausbildung“). Aber auch die Entwicklung beim TSV Eltingen beurteilt er positiv. „Mit Lothar Mattner und seiner Zuständigkeit für alle Bereiche haben sie eine richtige Entscheidung getroffen.“ Dass es am Wochenende mal wieder mit seiner neuen Liebe Hertha zur alten nach Stuttgart geht, nimmt Rainer Widmayer professionell. „Wir wollen gewinnen und einen Dreier machen. Alles andere werde ich ausblenden.“

Danach geht es dann aber tatsächlich nach Hause zum verlängerten Wochenende. Das Auslaufen mit dem Team schenkt sich der Co-Trainer. Und das Beste daran: statt über 500 Kilometer Luftlinie sind es diesmal nur 25 mit dem Auto.

Die Stationen als Spieler und Trainer

In der Jugend spielte Rainer Widmayer bei der SpVgg Renningen und der SpVgg 07 Ludwigsburg. Erste Station bei den Aktiven war der 1. FC Pforzheim. Von dort ging es weiter über die TSF Ditzingen, den VfR Pforzheim und noch einmal Ludwigsburg, bis er schließlich beim SSV Ulm landete. Als Abwehrchef schaffte er 1999 unter Trainer Ralf Rangnick den Aufstieg in die 2. Bundesliga und beendete dann seine aktive Laufbahn. Der verheiratete Fußballlehrer und Vater von zwei Söhnen, der seinen Hauptwohnsitz immer noch in Renningen hat, war zunächst Co-Trainer bei Krassimir Balakov beim VfB Stuttgart II (2000 bis 2005), bei den Grashoppers Zürich (2006 bis 2007) und dem FC St. Gallen (2007 bis 2008). Mit dem Chefcoach Markus Babbel arbeitete er beim VfB Stuttgart (2008 bis 2009), in Berlin (2010 bis 2011) und bei der TSG Hoffenheim (2012). Zum zweiten Mal verschlug es ihn zur Hertha nach Berlin im Februar des vergangenen Jahres. Dort ist er Assistent von Pal Dardai.

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