Furtwängler gestaltet Werk fürs RKI Das Schöne im Schrecklichen aufblättern

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Andreas Furtwängler ist zufrieden: In seinem Atelier in Malmsheim hat er die Coronaviren geschaffen. Foto: factum/Simon Granville

Renningen - Groß, rund, schwer, silber-glitzernd schimmernd und blank poliert liegen sie da. Wie überdimensionierte Bowling-Kugeln sehen sie aus, aber spielen will Andreas Furtwängler nicht damit. Die Metallgegenstände sind die Ausgangsmaterialien für das neueste Werk der Malmsheimer Künstlers.

Einen Coronavirus hat er geschaffen. Das Werk ist bereits fertig, verpackt und verschickt, auf dem Weg nach Berlin. Im Foyer des Robert-Koch-Instituts wird es stehen, Andreas Furtwängler hat die Reise in die Hauptstadt bereits gebucht. Am 21. Oktober präsentiert er es dort, zusammen mit Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts. „Ich bin richtig stolz darauf, ein Werk von mir in so einer renommierten Bundeseinrichtung zu platzieren“, sagt Furtwängler.

Im gemütlichen aufgeräumten Atelier des Künstlers in Malmsheim, in der Nähe des Bahnhofs, ist das Werk entstanden. Die Kugeln waren Teile einer Heizung, die Andreas Furtwängler bearbeitet hat. Vier Teile sind am Ende übrig geblieben: Eine vollständige Kugel, eine Kugel, bei der ein Teil fehlt, eine Halbkugel und ein viertes Teil, bei dem 80 Prozent der Kugel fehlen. Wenn die Viren auf dem Boden oder auf dem Tisch liegen, sieht es so aus, als würden sie nach und nach im Boden versinken. „Sie dringen ein“, erklärt Andreas Furtwängler. „Corona dringt ja auch ein und durchdringt die Gesellschaft.“

Lange Suche nach dem Titel

Ohne Zweifel: Es ist das derzeit dominierende Thema, das Furtwängler hiermit auf seine Weise zu verarbeiten versucht. Aber wie bringt man das auf einen Punkt? „Ich habe lange nach einem Titel gesucht“, berichtet er. Corona oder Covid-19 schien ihm zu banal. „Tonangebend“ lautet jetzt der Name. Und das passt, findet Furtwängler. „Das Virus ist tonangebend, es dominiert zurzeit alles.“

Dafür hat er die Heizungsteile bearbeitet und zugeschnitten. Eine der Hauptmühen war es dann, die heraus stehenden Rezeptoren anzubringen. Mehr als hundert Stahlstifte hat er dazu geschmiedet und geschweißt, natürlich selbst und in anstrengender Kleinarbeit. Danach kam der Farbtopf. Die Rezeptoren bekamen rote Köpfe, das Virus selbst einen goldenen Körper. Blattgold hat der Künstler dafür verwendet. Aber warum ein so schönes, warmes, angenehm-leuchtendes Material?

Das Virus selbst ist unsichtbar, nur 80 bis 160 Nanometer groß, wobei ein Nanometer ein Milliardstel Meter ist. Zu sehen ist es nur über Elektronenmikroskope – und diese erzeugen nur Schwarz-Weiß-Bilder. Jeder, der es darstellt, darf bei der Farbgebung also auf seine Fantasie zurückgreifen. „Aber ich wollte erst gar nicht an das Original ran“, sagt Andreas Furtwängler. „Ich habe es als meine Aufgabe erkannt, das Schöne zu erhalten und das Schöne sichtbar zu machen.“

Das sind schon immer Furtwänglers zwei Prämissen: Nach dem Schönen in der Welt suchen und das Kleine groß darstellen. Sein Hauptthema sind Insekten, die nicht nur in seinem Malmsheimer Atelier überall stehen. Und nicht nur dort, denn dafür ist er bekannt geworden. Im Zillertal, auf 2500 Meter Höhe, stehen eine Spinne und eine Libelle aus Stahl. In Malmsheim lauert eines der überdimensionalen Tiere im Zentrum eines Kreisverkehrs. Eine 750 Kilo schwere Spinnenplastik bewacht einen Pavillon auf dem Stuttgarter Messegelände. Und im Oktober stand eine Riesenspinne vor dem Landtag in Stuttgart. Furtwängler denkt dabei auch politisch. Mit den Riesenspinnen will er auf das Insektensterben aufmerksam machen, und auch das Coronavirus „Tonangebend“ hat eine Botschaft. „Jede Krise basiert auf Gier“, sagt er. Am Anfang der Pandemie habe er dann eine grenzenlose Hilfsbereitschaft festgestellt – eben jene schöne Seite des Schrecklichen, die es rechtfertigt, ein für manche tödliches Virus schön darzustellen. Denn die Gesellschaft müsse aufpassen, findet der Künstler. „Der Egoismus nimmt jetzt wieder überhand.“

Er will junge Künstler unterstützen

Kunst kann helfen, darauf aufmerksam zu machen. Kunst muss sich derzeit aber auch um sich selbst kümmern. „Wir sind die am meisten krisengebeutelte Berufsgruppe“, sagt Furtwängler. Er selbst hat finanziell ausgesorgt, will deshalb jetzt junge Künstler unterstützen und ihnen eine Unterkunft und ein Atelier zur Verfügung stellen. Voraussetzung ist, dass er ein größeres Gelände findet, das er derzeit sucht.

Jetzt muss Andreas Furtwängler aber erst nach Berlin reisen, zum Robert-Koch-Institut. Die Mitarbeiter dort haben sich übrigens bei ihm gemeldet, nachdem er der Nachrichtenagentur dpa von seinem Corona-Projekt erzählt hatte. „Sie müssen derzeit viele Anfeindungen ertragen“, sagt Furtwängler. „Ich will ihnen „Danke“ sagen und etwas zurückgeben.“ Die Nähe zur Politik ist ihm indes nicht fremd. Selbst ist er CDU-Mitglied, die örtlichen Abgeordneten Marc Biadacz und Sabine Kurtz sind regelmäßig bei ihm zu Gast. „Ich zolle jedem Politiker den allergrößten Respekt“, sagt er. Da wolle er seinem Teil dazu beitragen.

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