Flüsse immer trockener Was das Niedrigwasser für Wirtschaft und Umwelt bedeutet

Von Klaus Zintz
In Kaub am Mittelrhein betrug der Pegelstand am Montag nur noch 31 Zentimeter. Foto: /imago/Sascha Ditscher

Lieferketten sind ausgebremst, Kühlwasser fehlt, die Tierwelt ist im Stress: Das aktuelle Niedrigwasser von der Donau über den Edersee bis zum Rhein hat weitreichende Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt. Was ist der Auslöser, wie geht es weiter? Die wichtigsten Antworten.

Wie ist die Lage? Seit Wochen sinken die Pegel am Rhein immer weiter. Bei der Grenze zu den Niederlanden in Emmerich wurde jetzt ein Pegelstand von nur noch vier Zentimetern gemessen – der bisherige Rekord-Tiefstwert im Herbst 2018 betrug sieben Zentimeter. Die für die Schifffahrt entscheidende Fahrrinne ist laut der zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) mit knapp zwei Metern noch ausreichend tief. Für Schiffe ist der obere Rhein bei Kaub der entscheidende Flaschenhals. Zuletzt wurden dort 31 Zentimeter gemessen – der bisher niedrigste Stand war 25 Zentimeter am 22. Oktober 2018. Die Tiefe der Fahrrinne liegt bei nur noch 1,43 Meter – niedriger ist es nach WSV-Angaben an keinem anderen Flussabschnitt im Mittel- und Niederrhein. Auch an anderen Flüssen, Bächen und Seen werden teilweise extrem niedrige Wasserstände registriert.

Und wirkt sich das auf die Wirtschaft aus? Besonders an Deutschlands wichtigster Wasserstraße, dem Rhein, macht sich das fehlende Wasser schmerzhaft bemerkbar: Die Schiffe können weit weniger Ladung aufnehmen, teilweise weniger als ein Drittel der sonst üblichen Tonnage. Die geringere Kapazität lässt die Transportkosten steigen. Zudem wird mehr Verkehr auf die Straßen verlagert, was schlecht für das Klima ist.

Als eines der größten Probleme werden aufgrund der stark reduzierten Gaslieferungen aus Russland die reduzierten Kohletransporte für die Wärmekraftwerke angesehen. Diese haben bei hohen Wassertemperaturen und niedrigen Pegelständen zudem das Problem, nicht ausreichend Kühlwasser aus den Flüssen entnehmen zu können. Insgesamt prognostizieren Ökonomen, dass bei weiter abnehmenden Wasserständen das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf unter ein Prozent sinken könnte.

Wie wirkt sich das Niedrigwasser auf die Ökosysteme aus? Wenig Wasser im Fließgewässer bedeutet in aller Regel, dass sich der Anteil an gereinigtem Abwasser deutlich erhöht. Zwar werden viele Schad- und Nährstoffe in den Kläranlagen entfernt, doch vor allem die verbliebenen Mengen an Stickstoff und Phosphor kurbeln das Algenwachstum an. Dies kann insbesondere in den stehenden Bereichen vor Staustufen dazu führen, das der Sauerstoffgehalt durch die Atmung der Algen bei Nacht so weit absinkt, dass Fische und andere Wassertiere sterben. Erschwerend kommt hinzu, dass sich bei hohen Temperaturen weniger Sauerstoff im Wasser löst und gleichzeitig der Sauerstoffverbrauch der Wasserlebewesen zunimmt. Richtig prekär wird es für im Wasser lebende Tiere und Pflanzen, wenn ganze Gewässerabschnitte völlig austrocknen, wie etwa 2018 geschehen. Ein Totalverlust der Lebewelt ist dann die Folge. Von einem niedrigen Wasserstand besonders betroffen sind zudem die Auengebiete und Altwässer entlang der Flüsse. Sie trocknen zunehmend aus, so dass diese sehr artenreichen und ökologisch wertvollen Lebensräume zu verschwinden drohen.

Wie sind die kurzfristigen Aussichten auf Besserung? Nicht wirklich gut. Die Meteorologen rechnen zwar in den kommenden zwei Wochen mit Niederschlägen, doch die dürften zu gering sein, um die Lage nachhaltig zu verbessern. Immerhin könnten sie dazu führen, dass etwa am Rhein die Pegel nicht weiter sinken, sondern auf dem derzeitigen niedrigen Niveau verharren – und der Schiffsverkehr nicht ganz zum Erliegen kommt.

Was ist längerfristig zu erwarten? Klimaforscher gehen davon aus, dass mit der weiteren Erwärmung der Erde Hitze- und Dürreperioden im Sommer zunehmen werden. Für die Schifffahrt bedeutet dies auch in den kommenden Jahren Einschränkungen, die eher stärker werden. Laut Boris Lehmann, Professor im Fachgebiet Wasserbau und Hydraulik an der TU Darmstadt, reduziert sich damit die Leistungsfähigkeit der etwa 4800 Kilometer des Netzes an Bundeswasserstraßen weiter, die für den internationalen Güterverkehr Europas eine maßgebliche Bedeutung haben. Aber auch die Fahrgastschifffahrt ist betroffen. Die rund 1000 Fahrgastschiffe, die auf deutschen Gewässern verkehren, befördern etwa zehn Millionen Passagiere pro Jahr.

Welche Anpassungen sind möglich? Leider sind die möglichen Abhilfemaßnahmen ziemlich begrenzt. Und sie werden auf jeden Fall teuer. So sprach sich Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) dafür aus, die Infrastruktur weiter auszubauen und vor allem den Engpass am Mittelrhein möglichst schnell zu beseitigen. Auch der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) fordert, dass insbesondere die Fahrrinnen von Rhein und Donau vertieft werden sollten. Für Ökologen ist dies allerdings kein guter Weg, weil Ausbaggern schlecht für Tiere, Pflanzen und den Wasserhaushalt auch in den angrenzenden Uferbereichen ist. Als möglicher dauerhafter Ausweg bleibt dann nur übrig, den Schiffsverkehr an die neuen Bedingungen anzupassen: Also Schiffe mit geringerem Tiefgang zu bauen, die auch noch bei Niedrigwasser fahren können. Soll dann aber die gleiche oder im Zuge der Klimaerwärmung sogar noch mehr Ladung transportiert werden, dann müssen entweder viel mehr kleinere Schiffe gebaut werden. Oder sie müssten noch breiter und länger sein als die heutigen Schiffe. Dann aber müsste auch die bestehende Infrastruktur ausgebaut werden, also vor allem Schleusen.

Warum die Pegel so niedrig sind

Niederschläge
Laut Deutschem Wetterdienst gab es im Mittel vom 1. Juni 2022 bis zum 10. August nur rund 103 Liter pro Quadratmeter Niederschlag. Von 1961 bis 1990 wurden im Mittel 239 Liter gemessen.

Hitze
Durch die Hitze sind die Böden stark ausgetrocknet. Fallen dann in kurzer Zeit große Regenmengen, kann der sehr harte Boden das Wasser kaum aufnehmen – es fließt großteils oberflächlich ab. Das lässt die Pegel von Flüssen und Bächen kurzfristig ansteigen, aber nicht dauerhaft.

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