Feministin und Nazi-Gegnerin Elisabeth Kranz – die vergessene Heldin

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Elisabeth Kranz Foto: Arbeitskreis Synagogenplatz

Ludwigsburg - Das Hakenkreuz, das in das weiße Blatt Papier gestanzt wurde, ist kaum noch zu erkennen. Der Text ist nur acht Zeilen lang und klingt höflich. In nur wenigen Worten wird hier eine einmalige Karriere zerstört, im „Namen des Reichs“, wie es in riesigen Lettern am Kopfende heißt. Unterschrieben ist das Blatt von einem Mann, dem zu diesem Zeitpunkt die Massen längst verfallen sind: „Adolf Hitler. Der Führer und Reichskanzler“. Es ist der 19. November 1936, als der Diktator die Studiendirektorin Dr. Elisabeth Kranz in Ludwigsburg „auf ihren Antrag“ in den Ruhestand versetzt. „Ich spreche ihr für ihre dem Reiche geleisteten treuen Dienste meinen Dank aus.“

Ob Hitler wusste, wem er da dankt, ist nicht überliefert. Vermutlich nicht. Im Dritten Reich ging nichts ohne den Führer, und bei dem Dankesschreiben handelt es sich um eine Formalität. In diesem Fall ist es ein vergifteter Dank. Treu gedient hat Elisabeth Kranz nicht. Sie war alles, was die Nazis nicht waren. Liberal, emanzipiert, tolerant. Sie war kein Mütterchen am Herd, sondern sie war 1928 die erste Frau in Württemberg, die eine höhere Schule leiten durfte: die Mädchenrealschule in Ludwigsburg, aus der später das Goethe-Gymnasium hervorging.

Der Ruhestand ist ihre Rettung – vorerst

Und sie passte sich auch dann nicht an, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen. Kranz pflegte engen Kontakt zu Juden, als das nicht mehr nur verpönt, sondern auch gefährlich war. Das reichte, um ins Visier der Gestapo zu geraten, und so ging sie zwar auf eigenen Antrag, aber keinesfalls freiwillig in den Ruhestand. Elisabeth Kranz hatte keine Wahl. Wäre sie auf ihrem Posten geblieben, hätte ihr weit Schlimmeres gedroht als die Arbeitslosigkeit. „Durch ihren Pensionierungsantrag konnte sie sich dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei vorerst entziehen“, heißt es in der von Albert Sting verfassten „Geschichte der Stadt Ludwigsburg“.

Elisabeth Kranz war keine Widerstandskämpferin wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Georg Elser, eine Heldin war sie trotzdem. Eine weitgehend vergessene Heldin. Zwar ist eine Straße in Ludwigsburg nach ihr benannt, aber aus der öffentlichen Wahrnehmung ist diese ungewöhnliche Frau verschwunden.

„Standhaft und furchtlos“

Das sei ein Fehler, sagt nicht nur Wolfgang Medinger. Der Rektor des Goethe-Gymnasiums hat sich intensiv mit Kranz befasst und glaubt, dass sich aus ihrer Biografie viel lernen lässt. „Ich bin sehr stolz auf diese Vorgängerin“, sagt er. Standhaft und furchtlos habe Elisabeth Kranz die Menschlichkeit verteidigt, die „heute leider wieder in Gefahr gerät“. Auch Simon Karzel, der Leiter des Stadtarchivs, hat sich in den vergangenen Wochen Kranz zugewandt. Er sagt: „Sie lebte ein Leben, in dem sich die Brüche des 20. Jahrhunderts spiegeln, ohne dass sie selbst daran zerbrochen ist.“

Der Grund, warum Elisabeth Kranz gerade aus dem Dunkel der Geschichte auftaucht, liegt in einem unscheinbaren Holzschrank, der jahrzehntelang in einem abgelegenen Raum des Goethe-Gymnasiums stand. Erst bei der Generalsanierung wurde er entdeckt, geöffnet, zum Vorschein kamen Hunderte Schulakten aus der Zeit von 1880 bis 1950. Niemand weiß, was da genau drinsteht. Deshalb haben zwei Lehrer eine Arbeitsgruppe gebildet, die jetzt gemeinsam mit dem Stadtarchiv alle Unterlagen sichtet. Wann erste Ergebnisse vorliegen werden, ist unklar.

Sie lernt bei der berühmten Feministin Helene Lange in Berlin

Bekannt ist bislang nur, dass auch Elisabeth Kranz in den Akten vorkommt. Ob es damit gelingt, weitere Lücken in ihrem Lebenslauf zu füllen, weiß heute ebenfalls niemand. Aber selbst wenn die Schüler nichts Neues zutage fördern: Das, was man bereits weiß, würde genug Stoff für einen Roman liefern. Einen guten Roman.

Geboren wird Elisabeth Kranz 1887 im Harz. Als Mädchen besucht sie in Berlin Gymnasialkurse bei Helene Lange, der berühmtem Pädagogin, Politikerin und vor allem: Feministin. Danach schlägt sie einen Weg ein, der für die meisten Frauen undenkbar war. Ihren eigenen Weg, unabhängig von einem Mann, heiraten wird sie nie. Sie studiert Geschichte und Anglistik in Tübingen – die dortige Universität stand Frauen seit 1904 offen. Und sie promoviert. 1912 wird Kranz Lehrerin und 1928 Leiterin der Mädchenschule in Ludwigsburg. Sie ist damit die erste akademisch gebildete Schulleiterin überhaupt in Württemberg.

Eine Frau als Schulleiterin? Die Männer sind empört

Allein das rüttelte schon am Selbstverständnis der Männer. Einen schonungslosen Einblick in die vorherrschende Mentalität gibt ein Vater, der nach Kranz’ Beförderung einen Brief an den Ludwigsburger Oberbürgermeister schickt. „Nun tritt ja eine Erscheinung der Neuzeit auch bei uns in Kraft, in der Mädchenschule regiert von jetzt ab eine Frau“, schreibt der Mann, um besorgt fortzufahren, dass dies die armen Mädchen überfordern könnte. Schließlich seien Lehrerinnen ja stets ehrgeiziger als Lehrer, und auch Kranz sei diesbezüglich eine Sünderin. Überforderung jedoch sei eine Gefahr für die „Gesundheit unserer zukünftigen Mütter“, erklärt der Absender. Er versäumt auch nicht anzumahnen, dass Frau Dr. Kranz künftig „etwas präsentabler auftreten“ sollte.

Überhaupt war das Äußere ein großes Thema, ein Umstand, der erfolgreichen Frauen heute noch vertraut sein dürfte. Überliefert ist eine Anekdote, wie Elisabeth Kranz mehrere Tage mit einer geplatzten Kleidernaht in der Schule erschien. Nähen, Socken stopfen – das war nicht ihre Welt. „Sie passte als Frau einfach nicht ins Bild der Zeit“, sagt Karzel.

Kranz verweigert den Hitlergruß

Aber sie war beliebt. „Fräulein Doktor“ wurde Kranz von den Schülerinnen gerufen. Eine schilderte viele Jahre später, dass der neuen Lehrerin in Ludwigsburg sofort „alle Herzen zugeflogen“ seien, weil sie so anders gewesen sei, akademisch, unabhängig, streng zu sich selbst und warmherzig zu den Mädchen. „So hatten wir noch keine!“, habe man sich auf den Gängen zugeraunt. Kranz setzt sich, ganz im Sinne von Helene Lange, für Gleichberechtigung ein, womit sie in den 1930er Jahren zwangsläufig in Opposition zu den Nazis steht. Sie weigert sich, mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Sie ist eng befreundet mit ihrer Kollegin Jenny Heymann und bleibt es auch, als Heymann, eine Jüdin, von den Nazis von der Schule geworfen wird und nach England auswandert. Nur kurze Zeit später wird auch Kranz zunehmend untragbar für das Regime. Ein Bekannter aus Studientagen warnt sie. Er hatte Einblick in Akten und erkannt, dass Kranz von der Geheimen Staatspolizei beobachtet wird.

Sie geht also in den Ruhestand, offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Dass es dabei keinesfalls so freundlich zuging, wie das von Hitler unterschriebene Papier glauben macht, verdeutlicht ein weiteres Dokument. Darin wird Kranz von der Gestapo aufgefordert, ein Sicherungsgeld von 1000 Reichsmark zu entrichten, eine Art Kaution: Sollte sich die renitente Pädagogin bis zum 1. Juli 1945 „einwandfrei geführt“ haben, würde sie das Geld zurückerhalten. „Sollten in dieser Zeit aber erneute Verstöße vorkommen, so wird der Gesamtbetrag an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt überwiesen.“

Nach dem Krieg kehrt sie zurück

Das Ende der Geschichte? Noch lange nicht. Elisabeth Kranz lebt zurückgezogen, verhält sich unauffällig. Erst nach dem Untergang des Dritten Reichs taucht sie wieder auf. Als die Alliierten 1945 nach unbescholtenen Bürgern suchen, die sie auf verantwortungsvolle Posten setzen können, kommen sie zu Kranz – die jetzt, mit 58 Jahren, ihr Comeback feiert. Sie wird wieder Leiterin der Mädchenschule. Diesmal raunt man nicht nur in den Fluren der Schule, sondern auch in den Straßen: „Fräulein Kranz ist wieder da.“

Die aber denkt nicht daran, zu vergessen oder zu verdrängen. Als die Schule 1945 den Unterricht wieder aufnimmt, sind alle vom Krieg gezeichnet: Die Kinder und Jugendlichen sind arm und unterernährt, das Gebäude ist baufällig und einsturzgefährdet, geheizt wird notdürftig mit Brennholz, in den Klassenzimmern ist es bitterkalt. Aber alle sind froh, wieder in die Schule zu dürfen. Sie wollen Normalität, ein besseres Leben, sie wollen lernen. Und Elisabeth Kranz erteilt ihnen eine Lehrstunde, die sie nie vergessen werden. Am 24. November 1945 tritt die alte und neue Schulleiterin vor die Schülerinnen, Lehrer und einige Gäste und hält eine denkwürdige Rede. Sie spricht über die „Schwere und Bedeutung“ dieses Augenblicks, gedenkt der „Toten unseres Volkes“, die unendliche Mühe, das bittere Leiden. „Und wofür? Umsonst!“

In einer denkwürdigen Rede erinnert Kranz an die Schuld der Deutschen

Direkt nach dem Krieg wollen die Deutschen nichts mehr wissen von den Nazis, von den Gräueltaten, Massenmorden, Verbrechen. Die öffentliche Aufarbeitung beginnt spät, in den 1960er Jahren. Elisabeth Kranz beginnt sofort, in dieser Rede. Die Welt blicke mit Verachtung auf Deutschland, ruft sie, aber niemand könne sagen, dass dies unbegründet „und unser Gewissen rein“ sei. „Vielleicht seid Ihr verwundert über das, was ich da sage, vielleicht empört“, sagt zu ihren Schülerinnen. „Aber es ist schlimm, Unrecht zu tun, doch schlimmer, einen begangenen Fehler nicht einzugestehen oder abzuleugnen.“ In den vergangenen zwölf Jahren sei Unrecht geschehen an Unschuldigen, Deutschen und Angehörigen fremder Völker. „Deutsche Menschen haben diese fürchterlichen Verbrechen begangen und den Krieg vom Zaun gebrochen, der die ganze weite Welt in Leid und Jammer gestürzt hat.“

Es muss für manche eine Zumutung gewesen sein, das zu hören. Kranz wird indes noch deutlicher. Sie legt den Finger so tief in die Wunde wie kaum jemand zu dieser Zeit. Während die Bevölkerung noch versucht, alle Schuld beim Regime abzuladen, bei einigen wenigen Verbrechern, nimmt Kranz alle in die Verantwortung. „Wie wir am Ruhm der großen Deutschen, am Ruhm Goethes, Schillers und Kants teilnehmen, so müssen wir auch jetzt teilnehmen an der Schuld. Wir, das deutsche Volk, sind den Menschen, die auf diesem furchtbaren Weg die Führer waren, gefolgt.“

Die Stärke der Rede ist – neben der Klarheit, mit der Kranz all dies ausspricht –, dass die Rednerin die Mahnung mit einem konkreten Auftrag verknüpft: „Das ferne, aber leuchtende Ziel Eures Lebens muss sein, die Welt wieder zu Achtung vor deutschem Wesen zu zwingen.“ Denn der wahre deutsche Mensch sei kein Mensch der Gewalt, sondern des Friedens und der Güte. Sie endet mit den Worten: „Friede auf Erden!“ Es sind die letzten öffentlichen Worte, die von Elisabeth Kranz überliefert sind. Sie blieb bis 1950 in Ludwigsburg und ging, jetzt wirklich freiwillig, in den Ruhestand. 1972 starb sie in Stuttgart. Ihren Lebensabend hat sie mit einer alten Freundin verbracht, die 1947 aus dem englischen Exil zurückgekehrt war: Jenny Heymann, die einst entlassene jüdische Kollegin. Nach dem Krieg hatte Kranz dafür gesorgt, dass auch Heymann wieder als Lehrerin in Ludwigsburg eingestellt wird.

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