Fasnet Weil der Stadt Fast tumultuarisch feiern die Weiler schon immer

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Ehrenvorstand Roland Stoppel kennt die Weil der Städter Fasnets-Geschichte. Foto: factum/Jürgen Bach

Weil der Stadt - Zugezogen und evangelisch – und so einer bekommt die Kasse? Roland Stoppel schmunzelt, wenn er an den Anfang seiner Narrenkarriere in Weil der Stadt denkt. „Einer kam zu mir und hat gefragt, ob ich nicht Kassier werden will“, erinnert er sich. 1969 war das, da war Stoppel gerade von seiner Heimat Fellbach nach Weil der Stadt gezogen.

„Ich bin also ein echter Schwabe“, sagt Roland Stoppel, fast schon entschuldigend. Denn schon vier Jahre später wurde er Vorsitzender der Narrenzunft und blieb es bis zu seinem erneuten, zwischenzeitlichen Wegzug 1981. Er kann also erzählen, von der großen Zeit in den 70er Jahren, als sich die Narrenzunft als Verein bildete, konstituierte und etablierte – so, wie man sie heute noch kennt.

Klar, die Fasnet in Weil der Stadt ist viel älter. 444 Jahre alt, kein Scherz, ist der Beleg eines „Spicklings“, des närrischen Apfelkuchens, den der Heimatforscher Wolfgang Schütz im Stadtarchiv gefunden hat. Seitdem feierte man heftig und kräftig.

Als eingetragenen Verein gibt es die Narrenzunft erst seit 1965

1843 zum Beispiel wird in Griesingers „Universal-Lexicon von Württemberg“ Weil der Stadt– neben Oberndorf und Rottweil – als eine von drei Narrenstädten im Ländle genannt. Dort herrsche „stets ein fröhliches Leben, das sich besonders zur Zeit der Fastnacht auf eine fast tumultuarische Weise äußert“.

Und dennoch: Als eingetragenen Verein gibt es die Narrenzunft erst seit 1965. Vorher waren es die Herren aus dem alten Weiler Patriziat gewesen, später dann Sofie Stützel, die legendäre Wirtin der Krone-Post, die die Fasnet und die Umzüge organisierten. „Sofie Stützel übergab es an den neuen Verein, von da an lief es in geordneten Bahnen“, sagt Roland Stoppel.

Viel, was die Fasnet heute ausmacht, mussten Stoppel und seine Generation dann erst aufbauen. „In meiner Zeit haben wir das Spittl bezogen“, nennt er ein Beispiel. Die Freiwilligen vom Wagenbau, die bis dato überall unterkamen, wo ein Bauer eine Scheuer frei hatte, brauchten dringend eine zentrale Werkstatt. Der Plan war erst, eine Halle aus Blech einer Firma abzukaufen und im Sägeweg wieder aufzustellen. „Bürgermeister Friedrich Knobloch kam dann auf die Idee: Stellt das Material im Spital unter, bis Ihr die Halle aufbauen könnt“, erinnert sich Stoppel. „Da haben wir gesagt: Bleiben wir doch gleich im Spital.“

Die zweite große Innovation waren die Bälle. In den 70ern wurde die Stadthalle gebaut, fortan konnte man richtig feiern. „Wir haben damals jeden reingelassen, bestimmt 700 Leute“, berichtet Roland Stoppel. „Und es ist trotzdem nichts passiert.“ Am Fasnetswochenende lief der Hallenbetrieb nahezu rund um die Uhr, immer war es rappelvoll. „Das war finanziell unser Kapital“, erklärt der damalige Vorsitzende. Umgekehrt hieß das aber auch – damals, ebenso, wie heute: Die Zunft brauchte unheimlich viele Ehrenamtliche, die all das stemmen. „Seit ich mich erinnern kann, ist die Zunft ein Verein“, sagt Stoppel. „Helfer zu finden, war nie ein Problem.“

Vielfalt den Maskengruppen entwickelt sich in den 70ern

Kreuz und quer ist er in der Republik umhergefahren, um die Traditionen aufzubauen. Zusammen mit der Textilfabrik Negele entwarf man die Uniformen für den Siebenerrat, aus dem Rheinland kamen die Kleider fürs AHA-Ballett. Was aber für die heutigen Zuschauer am sichtbarsten ist: Auch die Vielfalt an den Maskengruppen entwickelte sich in den 70ern. Zuvor hatte es nur Hexen gegeben. „Über jede neue Gruppe haben wir im Gesamtausschuss beraten“, berichtet Stoppel. „Alle hatten aber einen Bezug zu Weil der Stadt.“

Schon Anfang der 70er begann dann auch die große Zeit der Umzüge mit bis zu 70 000 Zuschauern, die am Fasnetssonntag in das kleine Städtle strömten. „Anfangs haben wir den Musikkapellen von außerhalb noch den Bus gesponsert, um sie nach Weil der Stadt zu bekommen“, erinnert sich Roland Stoppel. Was aber das wirkliche Geheimnis der Weiler Fasnet ist, kann er nur vermuten. Vielleicht die Mischung aus schwäbischer Fasnet und rheinischem Karneval? „Ja, bestimmt, wir sind ja in keinem überregionalen Verband“, sagt er. Auch das habe man damals beschlossen.

Stoppel freut sich, dass diese Besonderheit jetzt sogar die Unesco anerkannt hat. Und überhaupt: Wie sich die Narrenzunft seit ihrer Gründung entwickelt habe, hätte es besser nicht sein können, ist ihr Ehrenvorsitzender überzeugt: „Ich bin richtig stolz auf den Verein.“

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