Fasnet in Weil der Stadt Wenn bei gestandenen Narren Tränen fließen

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Schnee weg streicheln statt Maskenabstauben: Michel Borger (links) und Daniel Kadasch stimmen sich am Weiler Narrenbrunnen auf das Fasnet-Wochenende ein Foto: Jürgen Bach

Weil der Stadt - Am „Schmotzigen“ muss es schon die Siebenerrat-Uniform sein. Zum närrischen Termin mit unserer Zeitung erscheinen Michel Borger und Daniel Kadasch am noch nicht ganz zugefrorenen Narrenbrunnen rot gewandet.

Für die erstaunte Frage des verweichlichten Reporters, ob es ihnen in den dünnen Jacken nicht zu kalt ist, haben die Vormänner der AHA nur ein mildes Lächeln übrig: „Das sind wir gewöhnt“, meint der Vorsitzende Borger. „Auf dem Wagen zieht es auch ein bissle.“

Die Narren trauern

Aha! So ist das also bei der AHA, jener Narrenzunft, die alemannische Fasnet und den rheinischen Karneval so genial miteinander kombiniert. Doch wenn auch sibirisch anmutende Temperaturen dem Narrenchef und dem Zunftmeister nichts ausmachen: Dass ihre Fasnet – sag bloß keiner Fasching! – mehr oder minder ausfällt, das betrübt sie schon. „Als festgestanden hatte, dass der Umzug nicht stattfinden kann, da ist schon das eine oder andere Tränchen geflossen“, bekennen Borger und Kadasch unisono.

Hatten sie doch bis zum Elften Elften gehofft. „Da hatte gerade der Lockdown begonnen, und es war klar, dass der Zug in seiner gewohnten Dimension nicht machbar ist“, erinnert sich der Zunftmeister an jenen Tag, an dem die fünfte Jahreszeit offiziell beginnt. Das mit der fünften Jahreszeit meinen sie übrigens ernst: „Für uns ist das so“, sagt Michel Borger mit dem Brustton der Überzeugung.

Und tatsächlich geht es für die meisten der 1400 Zunftmitglieder fast das ganze Jahr über um jene Phase zwischen November und Februar, in der, sieht man mal von der Weihnachtszeit und Silvester ab, in der alten Reichsstadt alles andere zur Nebensache gerät. „Wir fangen direkt nach Ostern mit den Plänen an“, erzählt Michel Borger. Befreundete Zünfte werden eingeladen, der Blick fällt zudem in andere närrische Metropolen, was dort so getrieben wird.

So ist Borger über Jahre immer an Rosenmontag nach Köln gefahren: „Wahnsinn, was da los ist“, schwärmt er immer noch über die Jecken vom Rhein. Wobei ein aufrechter AHA’ler sich durchaus auf Augenhöhe mit den rheinischen Karnevalprofis sieht. „Wir waren die ersten hier in der Gegend, die ihre Umzüge mit Wagen gestaltet haben“, sagt Obernarr Borger selbstbewusst. Bis heute ist die Mischung aus alemannischen Maskengruppen und den aufwendig gestalteten Motivwagen ein Markenzeichen der Weiler Fasnet.

Die Narren haben Verständnis

Nur diesmal eben nicht. Die Altstadt, in der an den Fasnet-Sonntagen üblichweise mehr als 50 000 Menschen feiern, bleibt diesmal leer. Stattdessen bestellt sich die Familie Kadasch am Sonntag ihr Mittagessen bei Conny im „Baum“. Dort gibt es, welche Überraschung, ein echtes AHA-Menü: Schnitzel und Fleischküchle auf Kässpätzle. „Das ist eine gute Grundlage, und dann schauen wir mal, was der Tag so bringt“, freut sich der Zunftmeister auf den närrischen Feiertag – diesmal im kleinsten Kreis.

Und so werden ihn auch die 800 Bären, Clowns, Hexen, Schellenteufel, Schelme, Schlehengeister, Steckentäler und Zigeuner verbringen: fröhlich, aber daheim. „Als wir alles absagen mussten, da hatten wir schon ein bisschen Sorgen, wie das unsere Mitglieder aufnehmen“, erzählt Borger. „Aber alle hatten Verständnis.“

„Fasnet lebt, wer sie in sich trägt

Das passt zum Vereinsmotto „Fasnet lebt, wer sie in sich trägt“. So wundert es auch nicht, dass die Fasnet-Granden von Passanten immer mal wieder mit „AHA! AHA! AHA!“ statt mit „Hallo“ gegrüßt werden, als sie am Narrenbrunnen für die Zeitung aus dem närrischen Nähkästchen plaudern. In der Arztpraxis gegenüber öffnet sich sogar das Fenster: Zwei Zigeunerinnen winken herüber.

Für jene Leser, die mit den karnevalistischen Strukturen an der Würm nicht ganz so vertraut sind: Das sind keine Vertreterinnen einer ethnischen Minderheit. Sie gehören schlicht zur gleichnamigen Zunftgruppe, die auch dadurch bekannt ist, dass ihre Aktiven am Pferdemarktdienstag zu Fuß von Weil der Stadt nach Leonberg ziehen. Gewissermaßen zur Einstimmung auf das eigene Fest.

Am Sonntag um 14.11 Uhr gehts rund

Übrigens: Auch Reingeschmeckte sind Fasnet-Fans: Eine Dame lobt auf Hochdeutsch den Film vom Rathaussturm mit Spielzeugfiguren. „Jetzt brauche ich nur noch schwäbisch lernen.“ Die AHA-Chefs lachen verschmitzt: „Man muss auch mal den Nachwuchs ranlassen“. Ein junges Team um Tobias Reim hatte die Entmachtung des neuen Bürgermeisters Christian Walter mit viel Liebe in Szene gesetzt.

Die Dame aus dem Norden kann sich freuen: Am Sonntag um 14.11 Uhr ist auf der Homepage der AHA der alternative Umzug zu sehen. Vielleicht wird in dem Video ja noch eine Art Jubiläum verarbeitet. Sind doch Borger (56) und Kadasch (44) zusammen 100 Jahre alt. Das ist den beiden erst beim Pressetermin aufgefallen. „Ist ja irre“, sagt der Zunftmeister lachend. „Da machen wir noch was draus.“

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