Fairtrade in Heimsheim In einem Atemzug mit London und Rom

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Als Fairtrade-Stadt setzt sich Heimsheim seit fünf Jahren für fairen Handel ein. Foto: Fairtrade Deutschland/Jakub Kaliszewski

Heimsheim - Als in den Jahren 2010/2011 die internationale Bewegung der Fairtrade-Towns in Deutschland ankam, dachte sich die Heimsheimerin Renate Niehaus: „Das wäre was für unsere Stadt.“ Die Lehrerin für Geografie, Englisch und Geschichte, inzwischen seit neun Jahren im beruflichen Ruhestand, machte sich tatkräftig ans Werk, suchte Mitstreiter, warb für den Gedanken des fairen Miteinanders und überzeugte schließlich den Gemeinderat von der Kampagne. Der fasste 2012 den Beschluss, Fairtrade-Town zu werden, und erfüllte damit das erste von fünf Kriterien, um den Titel „Fairtrade-Town“ tragen zu dürfen. Am 27. Mai 2014 war es dann soweit, die Schleglerstadt gesellte sich zu London, Rom, Brüssel und Berlin und zur wachsenden Fairtrade-Gemeinschaft. Über 2.200 Städte weltweit sind Fairtrade-Towns, über 600 Städte und Gemeinden in Deutschland tragen den Titel. Darunter auch Leonberg, Ditzingen, Weil der Stadt und Wimsheim.

Die Auszeichnung wird für zwei Jahre vergeben, dann muss sie erneuert werden. Kein Problem für Heimsheim, das in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen als Fairtrade-Town gefeiert hat.

Ziel der Kampagne ist es, den fairen Handel auf kommunaler Ebene voranzubringen. Das Engagement hat nicht nur altruistische und ökologische, sondern auch ganz pragmatische Gründe: „Wir müssen der Bevölkerung in den armen Regionen der Welt einen Grund geben, ihre Heimat nicht zu verlassen. Fair gehandelte Waren, die den Menschen ein Auskommen verschaffen, von dem sie leben und ihre Kinder zur Schule schicken können, sind ein Baustein auf dem Weg dorthin“, findet Niehaus. Sie hat sich schon immer für Entwicklungszusammenarbeit interessiert, schon während ihrer Zeit an der Heimsheimer Ludwig-Uhland-Schule hat sie sich damit beschäftigt.

„Es ist immer Luft nach oben“

Damit die Schleglerstadt zur Fairtrade-Town wird, hat Niehaus einen langen Atem beweisen müssen. Zunächst wurde eine Steuerungsgruppe mit Vertretern der städtischen Verwaltung, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft gegründet, deren erste Vorsitzende sie bis heute ist. Die Steuerungsgruppe kümmert sich um die Umsetzung der Ziele der Bewegung. Sie sorgt zum Beispiel dafür, dass eine je nach Stadtgröße festgelegte Anzahl an Geschäften fair gehandelte Waren anbietet. „Das sind für Heimsheim mit rund 5500 Einwohnern vier Geschäfte, das schaffen wir locker“, sagt sie und lacht.

Auch wenn sie sich wünschen würde, dass der Edeka-Markt am Ort mehr faire Artikel anbieten würde, freut sie sich über das umfangreichere Sortiment bei Lidl und dm-Markt, von den Einzelhändlern am Ort ganz zu schweigen. Die ziehen begeistert mit. „Vor allem der Bio-Hofladen Gommel bietet sehr viele fair gehandelte Waren an, von Reis über Kakao hin zu Tee und natürlich unserem Heimsheimer Pidecafé“, erzählt sie. Der Pidecafé stammt aus einer Kooperative in Peru, ist ökologisch angebaut, wird fair bezahlt und ausschließlich in Baden-Württemberg vertrieben. Er ist fester Bestandteil der Präsentkörbe, die von der Stadt an Jubilare oder Ehrengäste verschenkt werden. „Aber bei der fairen Beschaffung ist natürlich immer Luft nach oben“, weiß die engagierte Heimsheimerin, sie denkt dabei an Arbeitskleidung oder Baustoffe wie Pflastersteine, die ohne ausbeuterische Kinderarbeit gewonnen werden. Dass diese Dinge auch für eine Kommune nicht so einfach zu bewerkstelligen sind, weiß auch Niehaus. „Trotzdem müssen wir uns damit beschäftigen und versuchen, andere, nachhaltigere Wege zu finden“, ist sie überzeugt, und sie wünscht sich, dass mehr Menschen sich mit dem Gedanken an fairen Handel auseinandersetzen. Und das nicht nur in Heimsheim.

Viele Unterstützer

„Wir haben aber auch viele Unterstützer“, Niehaus zählt auf, Kirche, Vereine, Schule, Geschäfte, Gastronomiebetriebe, die Stadtbibliothek. Wenn Aktionen anstehen wie Fachvorträge, Informationsrunden oder der Standaufbau auf dem Weihnachtsmarkt, kann die Steuerungsgruppe auf ihre Helfer zählen. „Wir haben in den letzten Jahren ein gutes Fundament gelegt“, findet Niehaus. „Aber man muss sich nichts vormachen, es bleibt noch viel zu tun, und es ist oft ein hartes Ringen“, schiebt sie unverblümt nach.

Die nächste Aktion ist bereits geplant: Jetzt, nach der Sommerpause, wird die Steuerungsgruppe wieder mit dem Fairen Frühstück in die bundesweite „Faire Woche“ einsteigen:

Aktionswochen
Die Faire Woche ist eine bundesweite Aktion, die seit mehr als 15 Jahren den Fairen Handel in den Fokus rückt. Etwa 2000 Einzelaktionen finden jedes Jahr verteilt über ganz Deutschland statt. Veranstalter der Fairen Woche ist das Forum Fairer Handel in Kooperation mit TransFair und dem Weltladen-Dachverband. Die Organisation der Aktionen vor Ort übernehmen zumeist Weltläden, lokale Aktionsgruppen, Schulen oder auch Privatpersonen. 2019 findet die Faire Woche – oder eigentlich die „Fairen Wochen“ – vom 13. bis 27. September statt, das Schwerpunktthema lautet „Geschlechtergerechtigkeit“.

Frühstück
Den Auftakt zur Fairen Woche im Enzkreis bildet das Faire Frühstück in der Cafeteria der Zehntscheune in Heimsheim (Schlosshof 16, neben der Stadtbücherei). Es dauert von 9 bis 11 Uhr. Die Teilnahme kostet fünf Euro pro Person, Kinder zahlen drei Euro. Anmeldungen nimmt die Stadtbücherei Heimsheim unter Telefon 0 70 33 / 13 70 90 entgegen.

Fair reisen
Am Mittwoch, 25. September, lädt die Stadtbücherei Heimsheim zu einem Vortrag über „faires Reisen“ ein. Roswitha Kohlhaas-Krebs stellt im Vortragssaal der Zehntscheune das Urlaubsziel Madagaskar unter diesem Aspekt vor und hat auch jede Menge Bilder dabei. Beginn ist um 19.30 Uhr. Weitere Informationen erteilt die Stadtbücherei.

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