Expertengespräch in Leonberg Wie hat sich Corona auf den Vereinssport ausgewirkt?

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Fachleute im Gespräch: Moderater Daniel Räuchle, Martin Georg Cohn, Oberbürgermeister von Leonberg, Matthias Ranke, Schwäbischer Turnerbund, Denise Roth, Württembergische Sportjugend und Tobias Müller, SV Leonberg/Eltingen (von links). Foto: /Simon Granville

Was können die Sportvereine aus der Corona-Krise lernen? Hat sich sogar etwas zum Guten bewegt? Und was sind die nächsten Aufgaben, um zumindest ansatzweise zur Situation in der Zeit vor Corona zurückzukommen? Über Fragen wie diese haben sich Leonbergs Oberbürgermeister Martin Georg Cohn, Matthias Ranke, der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB), Denise Roth, Geschäftsführerin der Württembergischen Sportjugend, und Tobias Müller, Geschäftsführer des SV Leonberg/Eltingen, beim „Sport Talk 30“ der Sportregion Stuttgart im Vereinszentrum des SV Leonberg/Eltingen ausgetauscht.

DTB-Pokal musste wegen Corona abgesagt werden

Beim Blick zurück verriet Oberbürgermeister Cohn den rund 120 Zuschauern, dass er die Corona-Pandemie dazu genutzt habe, um sich im Golfen auszuprobieren. Matthias Ranke, ganz frisch beim STB und gleich „in den Krisenmodus gerutscht“, berichtete von der traurigen Aufgabe, den DTB-Pokal 2020 absagen zu müssen, der als Generalprobe für Olympia geplant war.

Denise Roth, damals noch Geschäftsstellenleiterin beim TSV Heumaden in Stuttgart, erinnerte sich an „traurige Kinderaugen“, als sie Kindern das Fußballspielen auf dem vereinseigenen Platz verbieten musste. Den Blick aufs Positive richtete Tobias Müller, der an die Einkaufshilfe erinnerte, die der SV Leonberg/Eltingen für Menschen aus Risikogruppen ins Leben rief. „Wir wollten Kontakte halten und unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen“, betonte er.

Vereine haben viele Mitglieder verloren

Beim Blick auf den Istzustand stellte Ranke fest, dass die Vereine im STB im ersten Corona-Jahr von 715 000 Mitgliedern 32 000 verloren hätten, weil diese einfach keine Angebote machen konnten. Tobias Müller betonte, dass vielen Abteilungen im SV der Ausschluss von Zuschauern große Probleme bereitet habe. „Die Bewirtung an Heimspieltagen der Handballer fiel ebenso weg wie beim abgesagten Citylauf“, bedauerte er. Dafür hätten sich andere Abteilungen sanieren können, da sie die Kosten für die Halle und Übungsleiter gespart hätten.

Vergleichsweise unbeschränkt durch die Pandemie kamen dafür Spitzensportler wie der Gerlinger Rennfahrer Laurents Hörr. „Ich konnte schon Mitte 2020 wieder Rennen fahren und in die USA fliegen“, erzählte er.

Cohn betont gesellschaftliche Aufgabe des Sports

OB Cohn betonte die gesellschaftliche Aufgabe des Sports und sagte: „Nichts wäre schlimmer als keine Sportangebote der Vereine, sonst finden wir die Jugendlichen ganz woanders wieder“. Er deutete an, dass die Stadt Vereine unter Umständen ein oder zweimal unterstützen könne, wenn diese in eine Negativspirale gerieten: Wenn die Mitgliederbeiträge wegen Vereinsaustritten geringer ausfielen, gingen die Kalkulationen für Baumaßnahmen beispielsweise nicht mehr auf.

STB-Geschäftsführer Ranke warnte vor „Strukturschäden“ in den Vereinen, wenn diese ihre Corona-Hilfen verbraucht hätten oder zurückzahlen müssten, gleichzeitig mit der Energiekrise aber die nächste Belastung vor der Tür stehe. Der SV-Ehrenvorsitzende Harald Hackert erklärte, wegen der hohen Belastungen des Hauptvereins flössen keine Beiträge zurück an die Abteilungen, sodass diese auf andere Weise das Geld für ihre Übungsleiter generieren müssten.

Übungsleiter müssen zurückgewonnen werden

Die (Wieder-) Gewinnung von Übungsleitern wurde von den Diskutanten als eine der größten Herausforderungen herausgestellt. „Viele Übungsleiter haben sich während Corona andere Hobbys gesucht“, bedauerte Tobias Müller. Diese müsse man zurückgewinnen. Matthias Ranke regte an, die Lizenzierungshürden für Übungsleiter zu senken, Müller schlug vor, die Bezahlung zu erhöhen und Anreize wie die freie ÖPNV-Nutzung zu überdenken. Denise Roth brachte die Ehrenamtskarte ins Spiel, die vergünstigten Eintritt ins Kino und Schwimmbad oder Vorteile bei der Studienplatzvergabe biete. Einig waren sich alle, dass digitale Angebote solche in Präsenz nicht dauerhaft ersetzen können.

Am Ende kündigte Müller noch einen neuen Lösungsansatz für die lange Warteliste vor allem bei Kindern im SV an: Es werde bald eine neue Abteilung mit dem Namen Sport-Mix geben, in der die Nachwuchssportler auf unterschiedliche Weise zu Bewegung animiert werden sollen.

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