Ex-Landrat kritisiert Corona-Politik „Uns hat der Mut gefehlt zu helfen“

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Entspannt, aber engagiert: Haas auf der Terrasse seines Hauses Foto: factum/Andreas Weise

Ludwigsburg - Die Aussicht von der Terrasse ist phänomenal – und gleicht dem Blick vom Mond auf die Erde: Alle Probleme da unten sind hier oben weit weg. Rainer Haas, jahrzehntelang einer der führenden Politiker im Kreis Ludwigsburg, empfängt in seinem Haus in Leonberg, auf dem Tisch steht Kuchen, und der 63-Jährige wirkt entspannt. Mehrfach betont Haas, der sein Amt Anfang des Jahres an Dietmar Allgaier übergeben hat, dass er viel Abstand zur Kreispolitik gewonnen habe – und zu seinem früheren Leben. Bei manchen politischen Fragen gerät sein Blut allerdings immer noch in Wallung.

Herr Haas, erinnern Sie sich an den 4. Januar dieses Jahres?

Ja, klar. Ich habe die letzten Unterschriften geleistet, die letzten Akten erledigt, mich von meiner Sekretärin verabschiedet und am späten Nachmittag die Türe hinter mir zugemacht.

Ein guter Tag oder ein trauriger Tag?

Sowohl als auch. Natürlich war nach 24 Jahren etwas Wehmut mit dabei. Es überwogen aber Freude und Erwartung auf den neuen Lebensabschnitt.

Haben Sie es je bereut, dass Sie auf eine erneute Kandidatur verzichtet haben?

Nein, nie. Ich bin rundum zufrieden. Ich kann jetzt all die Dinge tun, die ich tun möchte. Ich bin nicht mehr eingebunden in ein enges Netz von Terminen und Verpflichtungen. Es fühlt sich gut an.

Sie haben 24 Jahre lang die Politik in einem der größten und wohlhabendsten Landkreise der Republik geprägt. Vermissen Sie das nicht?

Nein. Ich habe das sehr gerne gemacht. Aber ich habe gemerkt, dass ich das gut aus der Ferne beobachten kann. Ich sehe, dass es ohne mich funktioniert.

Was vermissen Sie dann?

Mein Sekretariat und meinen Dienstwagen (lacht). Das war schon nicht schlecht.

Sie haben nicht einmal eine eigene E-Mail-Adresse…

Es geht ganz gut ohne.

Das heißt, Sie bringen sich nicht mehr ein in die Kreispolitik?

Das nicht, aber ich bin nicht untätig. Ich bin im Freundeskreis des Deutsch-französischen Instituts und halte weiterhin engen Kontakt zu unseren Freunden in Italien. Ich arbeite daran mit, die europäische Zusammenarbeit auf kommunaler und regionaler Ebene zu intensivieren. Kürzlich habe ich für ein österreichisches Magazin einen Artikel über die Solidarität in Europa verfasst.

Europa war immer Ihr Herzensthema. Blutet Ihnen das Herz, wenn Sie sehen, wie Europa gerade immer weiter auseinanderdriftet?

Es war erschreckend, wie die immer beschworene Solidarität zu Beginn der Corona-Krise plötzlich nichts mehr wert war. Wie man Italien allein mit dieser riesigen Herausforderung gelassen hat.

Sie sind Träger des Ordens Cavaliere dell’Ordine della Stella d’Italia, Ritter des italienischen Sternordens. Sie haben viele Kontakte nach Italien, viele Freunde, darunter einflussreiche Politiker. Glauben Sie, dass das deutsch-italienische Verhältnis beschädigt ist?

Ein Freund aus der Lombardei hat mir, als Covid-19 in Italien auf dem Höhepunkt war, fast täglich Zeitungsartikel geschickt. Die Überschriften waren niederschmetternd. Die Italiener haben sich jeden Tag gefragt: Wo bleibt die Hilfe aus Europa und unserer deutschen Freunde? Dass ausgerechnet die Chinesen Schutzmasken in die Region geschickt haben, während Europa nur zugeschaut hat, halte ich für fatal. Uns hat der Mut gefehlt. Wir hatten Angst, anderen zu helfen, während wir selbst damit beschäftigt waren, uns auf die Pandemie vorzubereiten.

Aber nach einiger Zeit haben deutsche Krankenhäuser Covid-19-Patienten aus Italien aufgenommen. Von dem europäischen Corona-Wiederaufbaupaket werden stark von der Pandemie gebeutelte Staaten profitieren, auch Italien. Die Solidarität lebt also noch.

Ja, viele haben erkannt, dass die anfängliche Zurückhaltung falsch war und wir in Europa zusammenrücken müssen. Anders geht es nicht. Ich habe die Hoffnung, dass daraus etwas Positives erwachsen kann.

Ist die antideutsche Stimmung in Italien wieder abgeflaut?

Es hat sich, als die Hilfe anlief, etwas verändert, ja. Nur ein Beispiel: Als der Landkreis Ludwigsburg angeboten hat, Patienten aus der Region Bergamo aufzunehmen, ist darüber vor Ort in Italien groß berichtet worden. So etwas hat einen nachhaltigen Effekt.

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Sie sind, kurz bevor die Corona-Welle anrollte, in Ruhestand gegangen. Haben Sie Kontakt zu Ihrem Nachfolger Dietmar Allgaier?

Hin und wieder, ja. Aber einmischen werde ich mich nicht. So wie ich Herrn Allgaier kenne, und ich kenne ihn schon lang, bin ich überzeugt, dass bei ihm alles in besten Händen ist.

Der Kreis befindet sich, wie das Land und die ganze Welt, im Krisenmodus seit Ausbruch der Pandemie. Auf anderen Politikfeldern herrscht Stillstand.

Das empfinde ich nicht so. Im Großen und Ganzen ist die Corona-Krise, auch im Landkreis Ludwigsburg, sehr gut bewältigt worden. Hier ist das Wohl des Menschen in den Vordergrund gestellt worden, nicht das Wohl der Wirtschaft oder des Geldes. Natürlich kann hinterher immer eine Krämerseele kritisieren, was man hätte besser machen sollen. Aber in so einer Phase kann die Politik nicht lange analysieren – sie muss Entscheidungen treffen, schnell.

Noch immer gehen regelmäßig Menschen gegen die Corona-Beschränkungen auf die Straße.

Dieses Phänomen bereitet mir große Sorgen. Manche Bürger glauben offenbar, sie hätten nur Rechte, aber keine Pflichten. Wenn etwas nicht so gut läuft, ist immer der Staat schuld. Das ist eine Entwicklung, der wir entschieden entgegentreten müssen.

Wie?

Indem der Staat die Bürger wieder mehr in die Pflicht nimmt und das Gemeinwohl in den Vordergrund rückt. Gegen jedes größere Projekt in Deutschland wird heutzutage eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Wenn irgendwo ein Windrad gebaut werden soll, wird sofort demonstriert. Ich glaube nicht, dass es diesen Leuten ums Gemeinwohl geht.

Aber so funktioniert Demokratie.

Ist das wirklich so? Ich fürchte, auf diese Art und Weise werden Menschen mit ausgeprägter Selbstbedienungsmentalität gezüchtet. Wenn ich keine Pflichten gegenüber dem Staat habe, warum soll ich diesen Staat dann wertschätzen? Es gibt dazu ein treffendes Sprichwort: Was nichts kostet, ist nichts wert.

Was muss sich ändern?

Ein fundamentaler Fehler war die sogenannte Abschaffung der Wehrpflicht und damit des Zivildienstes zum Wohle der Allgemeinheit. Nicht nur, weil Krankenhäuser und Pflegeheime diese Helfer heute sehr gut gebrauchen könnten. Ich bin sicher: Würde man den Demonstranten gegen die Corona-Auflagen ein Soziales Jahr verordnen, wäre das Problem sofort gelöst. Weil dieser Dienst neue Horizonte erschließt.

Sie klingen nicht so, als hätten Sie Abstand zum politischen Geschehen.

Doch, ich habe Abstand. Aber das heißt nicht, dass ich mich für nichts mehr interessiere.

Haben Sie im Ruhestand neue Seiten an sich entdeckt?

Ich fahre mit meiner Frau viel Fahrrad, arbeite im Garten, ich bin gut ausgelastet. Ich habe früher nie gefrühstückt, das mache ich jetzt, und lese dabei in Ruhe meine Zeitung. Ich genieße das. Außerdem habe ich eine sensationelle Naturentdeckung gemacht.

Wie das?

Wir haben hier im Garten eine Osmia bicolor.

Eine was?

Eine zweifarbige Schneckenhausbiene, die ist selten, eine kleine botanische Sensation. Die eine Hälfte der Biene ist hell, die andere dunkel. Die lebt allein und baut ihre Waben in ein kleines Schneckenhaus, ein klassischer Singlehaushalt, und sie scheint sich bei uns wohl zu fühlen. Außerdem gibt’s hier Fledermäuse, Elstern, Spatzen, Blindschleichen, Marder, Eichhörnchen – es ist halt ein sehr intaktes Umfeld.

Karriere –
Rainer Haas ist am 1. August 1956 in Stuttgart geboren und in Gerlingen aufgewachsen. Er studierte an den Universitäten Tübingen und Aix-en-Provence/Marseille Rechtswissenschaften und Romanische Philologie. Mit einer Arbeit über die Französische Sprachgesetzgebung und europäische Integration wurde er 1990 in Tübingen zum Doktor der Rechte promoviert.

Karriere
– Von 1986 bis 1988 war Haas Richter am Verwaltungsgericht Stuttgart, danach Beamter im baden-württembergischen Innen- und Staatsministerium. 1991 wurde Haas Erster Landesbeamter im Rems-Murr-Kreis und 1995 als Parteiloser zum Landrat des Kreises Ludwigsburg gewählt. Zweimal wurde er mit großer Mehrheit im Amt bestätigt. Zur Landratswahl im November 2019 trat Haas nicht mehr an.

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